Demokratie als Bühne

von Leopold Lippert

Wien, 29. Mai 2017. Nun also eine Theaterkritik schreiben über einen Abend, der zwar am Theater stattfindet, aber eigentlich ein diskursives politisches Format sein will, ein öffentlicher Salon. Der zwar andauernd performativ ist, aber darüber kaum nachdenkt, und so etwas wie eine Authentizität des Arguments immer schon voraussetzt. Der zwar Eintritt kostet, eine Bühne, ein Publikum, und ein paar Spielregeln hat, in dem aber Rollengestaltung und Rollenverteilung zumeist unklar sind, weil sie unausgesprochen bleiben.

"Wir wollen nicht alle dasselbe!"

Der Publizist und Blogger Robert Misik (unter konzeptioneller Mitarbeit von Milo Rau) möchte in seiner "Agora", die im Rahmen der Wiener Festwochen in den kommenden beiden Wochen am Schauspielhaus Wien stattfindet, "Debatten jenseits des Kampfmodus" führen. Dazu hat er wechselnde "Gäste aus Publizistik, Politik und Gesellschaft“ geladen – am Eröffnungsabend sind das der Historiker Philipp Blom, die Philosophin Chantal Mouffe, Kronen Zeitung-Politikjournalist Claus Pándi, und Kinderfreunde-Geflüchtetenbetreuer Möstafa Noori). Dazu kommen wiederkehrend ein "Coach" (Psychiater August Ruhs) und ein "Spin-Doctor" (der ehemalige BZÖ-Politiker und Jörg Haider-"Lebensmensch" Stefan Petzner). Und dazu hofft Misik auf rege Beteiligung des Publikums, das er per Video vorab schon aufgefordert hat, sich "vielleicht ein bisserl" vorzubereiten.

Agora1 560 LucaFuchs uDebatten jenseits des Kampfmodus mit Schauspielern & wechselnden Gästen © Luca Fuchs

Und das Publikum beteiligt sich tatsächlich: Die jeweils vier Minuten, die jede*r Sprecher*in zustehen, machen den zentralen und auch interessantesten Teil des Abends aus. Viele Frauen und einige Männer treten ans Pult, um Statements zu Misiks Leitfrage "In was für einem Land wollen wir eigentlich leben?" abzugeben. Oder auch um weitere Fragen zu stellen. Und so werden nach und nach aktuelle Problemlagen und ihre Herausforderungen für die Demokratie erörtert: Gleichheit und Differenz (oder wie es eine Sprecherin auf den Punkt bringt: "Wir wollen nicht alle dasselbe!"), direkte und repräsentative Demokratie, Medien sowie Facebook- und Festwochen-Blasen, Wohlstand und Klimawandel, oder die Fluchtbewegungen nach Europa (der vor vier Jahren aus Afghanistan geflüchtete Möstafa Noori merkt dazu sarkastisch an, das Wort "Demokratie" habe er zum ersten Mal von George Bush gehört).

Das ist nicht immer kohärent, und auch nicht immer originell, aber bei allen Sprecher*innen wird ein ehrliches Interesse an der Auseinandersetzung spürbar, ein ehrliches Interesse, die Standpunkte der anderen zu verstehen. Misik hält sich dabei zurück, fragt manchmal nach, bringt aber selbst keine Argumente vor. Und auch der als Schiedsrichter gecastete August Ruhs muss nie einschreiten, derart gesittet geht es zu.

Theatralität des öffentlichen Sprechens

Aber während die Sprecher*innen aus dem Publikum auf der Bühne in die Rolle demokratischer Bürger*innen schlüpfen, die in einen Dialog miteinander treten wollen, ist der Großteil der von Misik geladenen Expert*innen zu festgefahren in ihren professionellen Rollen, um an einer solchen Auseinandersetzung interessiert zu sein. Krone-Journalist Pándi etwa versteht Fragen nach der Rolle von Medien in demokratischen Systemen von Anfang an als Attacken gegen ihn und die Kronen Zeitung, und macht es sich schnell in einer Opferrolle bequem. In seinen Wortbeiträgen gibt er entweder vor, die Fragen des Publikums nicht verstanden zu haben, oder zweifelt die Prämissen seiner Vorredner*innen an. Ähnlich Politikberater Stefan Petzner, für den Demokratie kein öffentlicher Diskussionsprozess ist, sondern ein Job, in dem es darum geht, möglichst viele Stimmen einzusammeln. Oder Philosophin Chantal Mouffe, die bloß ein einziges verschwurbeltes Theoriestatement über ihre Trademark-Idee der "Post-Politik" abgibt, und sich auch gar nicht unterbrechen lassen will, obwohl ihre vier Minuten Redezeit längst überschritten sind.

Postdramatischer Wutbürgermurks

Dass diese Theatralität des öffentlichen Sprechens und die unterschiedlichen Rollen (und Masken) der Sprecher*innen nicht reflektiert werden, ist die große Schwachstelle eines politisch sicherlich begrüßenswerten "Demokratie-Experiments". Für Misik scheint die Politik der (theatralen) Form damit abgehakt zu sein, dass drei Schauspielhaus-Performer*innen (Simon Bauer, Steffen Link, Vassilissa Reznikoff) den Abend mit einem aufgesetzt wirkenden postdramatischen Wutbürgermurks rahmen.

Wäre da nicht das Publikum, das gegen Ende erkennt und anspricht, dass in demokratischen Öffentlichkeiten doch niemand unschuldig-authentisch auftritt: Da kommt ein Sprecher ans Pult, der erst relativ genau seine sozioökonomische Position umreißt (seit vier Jahren unter der Armutsgrenze, trotz abgeschlossenen Studiums), bevor er sein politisches Statement abgibt. Und eine Sprecherin, die mit verschmitzten Blicken in manche Richtungen erklärt, es habe doch sehr viel mit Macht zu tun, wer hier in dieser "Agora" auf welche Weise das Wort ergreifen kann. Bloß "Die Bühne ist frei, treten Sie auf!" zu sagen, schaffe noch keinen demokratischen Raum. Ob sich diese Erkenntnisse auch in die Folgevorstellungen mit anderer Besetzung hinüberretten, werden die kommenden Wochen zeigen.

 

Agora
ein Projekt von Robert Misik
Uraufführung
Realisation: Robert Misik, konzeptionelle Mitarbeit: Milo Rau, Bühne: Michael Zerz, Kostüme: Mirjam Ruschka, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Simon Bauer, Steffen Link, Robert Misik, Vassilissa Reznikoff, August Ruhs, Stefan Petzner, und bei der Premiere Philipp Blom, Chantal Mouffe, Möstafa Noori, Claus Pándi.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten (bei der Premiere).

www.schauspielhaus.at
www.festwochen.at

 
Kritikenrundschau

"Milo Rau und Robert Misik fordern das Publikum im Schauspielhaus auf, über Demokratie zu reden", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (31.5.2017). Das gehe gesittet zur Sache, "wer etwas sagen wollte, stellte sich in einem seitlich aufgemalten Kreidekreis in Warteposition". Fazit: Als Meinungsaustausch bei gutem Benehmen und Konzentration aufs Wesentliche sei "Agora" mehr als ein anregender analoger Facebook-Ersatz.

Dagegen gerate für Norbert Mayer von der Presse (31.5.2017) das Diskurs-Experiment "zum netten, kleinen Treff für Unzufriedene aus Bobostan". "Die Bürger mussten lange gebeten werden, ehe das Gespräch in Gang kam." Der rote Faden fehlte. Das Niveau war durchwachsen, manche Ansicht sei bizarr.

Milo Rau und Robert Misik fordern das Publikum im Schauspielhaus auf, über Demokratie zu reden - derstandard.at/2000058490754/Volksversammlung-der-Festwochen-Gaeste

Milo Rau und Robert Misik fordern das Publikum im Schauspielhaus auf, über Demokratie zu reden - derstandard.at/2000058490754/Volksversammlung-der-Festwochen-Gaeste

 
Kommentar schreiben