logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Kaffee, küssen und so weiter

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. Juni 2017. Am Anfang ist das Wort. Das Wort zum Bild. Voraussschauend, wie hellsichtig benennt einer der Protagonisten das, was sein Gegenüber nach und nach als Illustrationen offenlegt: "Girafffe, Goldbauchschnäpper, Wolf, Zebra, Kaninchen". Erst sind auf den aufgezeigten, übergroßen Karteikarten Tiere zu sehen, später ist da ein Mensch, ein Mann. Noch später eine Frau und schließlich auch ein Apfel: "Lady Eats Apple". Es geht also um das Paradies, um die Liebe, die Sünde und schließlich auch um den Tod. "Lady Eats Apple" ist ein vom Ensemble des Back to Back Theatres selbst entwickeltes Stück, "hier war das kollektive Unterbewusstsein an der Arbeit", heißt es im Programmzettel.

Der alte Cowboy ist tot

Den Sündenfall erzählen die Performer auf ihre ganz eigene Art und Weise. Verlangsamt, puristisch, fragmentarisch – angesiedelt irgendwo zwischen geduldiger Lehrstunde und freundlichem Intelligenztest. Das liegt vor allem daran, dass die Ensemblemitglieder des australischen Theaters zu großen Teilen "intelligence disabled people", Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, sind. 1987 in Geelong nahe Melbourne gegründet, erregt das Theater mit seinem einzigartigen Ensemble und seinen ungewöhnlichen Arbeiten weltweit Aufsehen. Seit 1999 ist Regisser Bruce Gladwin der künstlerische Leiter. Auch er ist mit auf der Bühne und fungiert gewissermaßen als Dirigent oder Lehrer, hält die Karteikarten wie Fragezeichen in den Raum, lobt und motiviert seine Mitakteure. Von ihnen wird er auch zum "alten Gott" ernannt, der jedoch bald einer Schusswaffenverletzung erliegen wird. In Cowboymanier. In Zeitlupe.

Ladyeats3 560 Krafft Angerer uKnocking on heaven's door © Krafft Angerer

Eigentlich findet alles an diesem beklemmenden und zugleich sehr bemerkenswerten Abend in gedrosseltem Tempo statt. Angefangen bei der Sprache, mit der sich die Darsteller sichtlich abmühen, bis hin zu den Wegen, die sie zögerlich tastend auf der Bühne zurücklegen, und später auch durch das ganze Theater. Denn das Publikum selbst ist im Bühnenraum installiert. Durch eine weichen Eintritt-Schlitz gequetscht, sitzt es eingebettet in einen schwarzen Stoffkokon – einen dunklen Mutterleib? –, der die gesamte Tribüne umhüllt.

Und wie sich alles an diesem Abend gewissermaßen in Slowmotion ereignet, so findet es auch in einer merkwürdigen Isolation statt. Was zum einen an der speziellen, zunächst wohligen, bald aber bedrückend sauerstoffarmen Raumsituation (Mark Cuthbertson) liegt, zum anderen an den Kopfhörern, die Text und Sound verstärken, und eben ganz solitär übermitteln.

Erst Sündenfall, dann Sehnsucht

Auf den knapp erzählten Sündenfall folgt eine (zu) lange Sequenz im völlig abgedunkelten Raum mit Berichten von Nahtoderfahrungen und vorsichtig flirrenden, abstrakten Schwarzweißprojektionen (Multimedia: Rhian Hinkley) – Hautrillen, Wellen, Wasserstrudel, Wolken. Danach aber löst sich die gebärfreudige Raumkapsel auf, surren Tücher, öffnet sich der Blick ins Theaterparkett. Jetzt weht frischer Wind und die Darsteller agieren aus dem Oberrang. Als staubsaugender Putztrupp mit Aufststiegswillen und Sehnsüchten.

Ladyeats1 560 Krafft Angerer uDer Schleier lüftet sich © Krafft Angerer

Die "Menschen aus der Einrichtung", wie sie im Stück genannt werden, charakterisiert ein ganz besonderes, entschleunigtes Sprechen. Eines, das wenige Worte hat und braucht, und eines das sich spürbar von Satz zu Satz schleppt. Und eines, das dadurch ein besonderes Zuhören verlangt. "Kaffee trinken, küssen und so weiter": Mit wenigen Worten ist da die Liebe erklärt, die intellektuellen Mittel und Kapazitäten sind ganz offensichtlich begrenzt. Dass aber aus dieser "Begrenztheit", keine Denunziation, sondern eine gültige ästhetische Reduktion entsteht, das ist das große Kunststück, das Bruce Gladwin und seinen Darstellern gelingt.

Als die Putzleute am Schluss auf einen Bewusstlosen (Bruce Gladwin) treffen, beherrscht eine gefühlte Ewigkeit lang irritierende Tatenlosigkeit den Raum. Umständlich wird ein Notarzt wird gerufen, ein Notfallblatt verlesen, die stabile Seitenlage hergestellt. Dann aber bettet eine Darstellerin den Sterbenden auf ihren Schoß. Wärmend, kümmernd. Eine stille Pietà. Vielsagender als tausend Worte.

 

Lady Eats Apple
von Back To Back Theatre / Bruce Gladwin
Regie, Choreographie: Bruce Gladwin, Komposition: Chris Abrahams, Set Design: Mark Cuthbertson, Kostüme: Eugyeene Teh, Dramaturgie: Melissa Reeves, Tamara Searle, Kate Sulan. Mit: Mark Deans, Bruce Gladwin, Simon Laherty, Romany Latham, Brian Lipson, Sarah Mainwaring, Scott Price.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theaterderwelt.de

 

Kritikenrundschau

Annette Stiekele schreibt im Hamburger Abendblatt (6.6.2017): Das Stück glänze nicht nur mit einem "spektakulären Bühnenbild". Es sei "berührend minimalistisches Theater", in "verlangsamtem Tempo", der Großteil der Darsteller ist "geistig, teilweise auch körperlich, eingeschränkt" und forme "schleppend die stets passenden Worte". Der Abend überzeuge mit seinem "formalen Minimalismus auf ganz selbstverständliche Art und Weise".

Als "solides, themengetriebenes Theater mit bewundernswerten Darstellern" beschreibt Dorion Weickmann "Lady Eats Apple" in der Süddeutschen Zeitung (8.6.2017), "das aber keineswegs aus dem Rahmen der Routine fällt".

Anlässlich des Gastspiels bei den Wiener Festwochen schreibt Margarete Affenzeller im Standard (17.6.2017), dass sowohl die Illusion unendlicher Weite entstehe, als auch zugleich die Nähe intimer Stimmen. "Im Zusammendenken von unermesslich feierlichen Räumen samt Klängen und simplem menschlichem Tun liegt die subversive Poesie des Abends."

 

 

 

Das Publikum nimmt (auch) über Kopfhörer an diesem kosmischen Setting teil; sowohl die Illusion unendlicher Weite entsteht, als auch zugleich die Nähe intimer Stimmen. Hinter dem Weltall, man glaubt es kaum, kommt nach halluzinatorischen Bildern vom Sterben (ja, man wurde aus dem Paradies vertrieben) am Horizont ein Putztrupp zum Vorschein, der sich – eh klar – wegen ureigener menschlicher Bedürfnisse in die Haare kriegt. Im Zusammendenken von unermesslich feierlichen Räumen samt Klängen (Komposition: Chris Abrahams) und simplem menschlichem Tun liegt die subversive Poesie des Abends. - derstandard.at/2000059334413/Australisches-Back-to-Back-Theater-gastiert-mit-Lady-Eats-Apple