Alle sind Schweine

von Michael Wolf

Berlin, 3. Juni 2017. Der Penis ist schuld am Klimawandel. Mit dieser These machten sich kürzlich zwei Wissenschaftler einen Spaß. Sie erfanden eine Studie, laut der das männliche Glied den Planeten zerstört, und siehe da: Gutachter lobten den Artikel und veröffentlichen ihn

Marius von Mayenburg ist zwar auch ein Mann, aber ausreichend sensibilisiert, um vor seinesgleichen zu warnen. "(A)lle Männer weltweit für ein paar Jahre hormonell ruhigstellen, das würde reichen, um die zentralen Probleme unseres Planeten in den Griff zu kriegen." Das schlägt Frau Doktor Bauer (Eva Meckbach) vor, nachdem sie dem Mistkerl des Abends ein Loch in den Kopf geschossen hat. Die Titelfigur Ralf "Peng" ist hinüber, aber steht natürlich gleich wieder auf. Realität ist für ihn nicht bindend. Der Tod? Alles Fake News.

Das Stück ist eine Parabel auf Trump, auf die Neue Rechte, auf alltäglichen Sexismus und Medienrummel. Schon im Mutterleib erdrosselt Peng seine Zwillingsschwester. Von überfürsorglichen Eltern verhätschelt, geht er den Weg, mit dessen Beschreibung ein Psychologe vor einigen Jahren einen Bestseller landete: "Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden". Wohlstandsverwahrlost, narzisstisch und bösartig führt er die Herrschaft über das Haus.

Schön und hässlich umgekehrt

Wenn da nur nicht die Nachbarinnen wären, die Mutter Vicky im Keller vor ihren prügelnden Ehemännern versteckt. Die Weiber müssen weg! "Schön ist hässlich, und hässlich ist schön." So lautet Pengs Vision von einer besseren (also schlechteren) Welt. Frei nach dem Leitmotiv aus Macbeth: "foul is fair and fair is foul". Passt sehr gut, immerhin läuft das Stück wie auch Thomas Ostermeiers Inszenierung Richard III. im Globe Theatre der Berliner Schaubühne.

peng 4827 560 Arno Declair uIm Grünen: Marie Burchard, Damir Avdic, Robert Beyer, Sebastian Schwarz, Lukas Turtur
© Arno Declair

Ausstatterin Nina Wetzel hat einen Greenroom hinein gebaut. Auf einer Leinwand darüber erscheinen die Schauspieler vor hyperrealistischen Hintergründen: Das Picknick im Grünen, ein Spielplatz im Prenzlauer Berg und immer wieder eine geleckt saubere Einbauküche, hinter deren Fenstern düstere Wolken vorüberziehen. Lukas Turtur begründet das aufwendige Setting inhaltlich. Als sensationsgeiler Fernsehreporter begleitet er Peng auf seinem Weg zur Macht. Frei nach Mario Barth: Männer sind Schweine, Medien aber auch.

Einmal durchs Jammertal

Das Stück funktioniert als Parabel. Die Frauen im Keller zum Beispiel stehen für Flüchtlinge, der vom Sohn manipulierte Miss Universum-Wettbewerb für den US-Wahlkampf. Auch locker room talk darf da nicht fehlen, hier "Umkleidekabinen-Gespräch". Eifrig spickt Autor-Regisseur Mayenburg seinen Text mit Anspielungen, als dürfte man Kritik an den Verhältnissen schon nicht mehr offen ansprechen. Wer diese Setzung hinterfragt, verdirbt sich den Spaß.

peng 2702 560 arno declair uIm Kostüm: Damir Avdic, Sebastian Schwarz @ Arno Declair

Denn das ist der Reiz dieser Komödie: Hinter jeder Replik eine Krise, jedem Schuft seine Pointe. Mayenburgs Ensemble tollt lustvoll durch das Jammertal Weltpolitik. Sebastian Schwarz scheint mit dem sadistisches Kleinkind eine Paraderolle gefunden zu haben. Robert Beyer gibt Pengs Vater als liberalen Trottel, der mit wachsender Nervosität nur noch in Alliterationen spricht: "Ein donnerndes Desaster von dramatischer Dimension, de facto droht da die Diktatur!" Eva Meckbach lässt sich von all ihren Opferrollen nicht die Spiellaune verderben. Als Frau Doktor, geprügelte Nachbarsfrau und Babysitterin zieht sie Pengs Zorn auf sich. Und zwischendurch sogar als Schauspielerin. "Eva, meinst du nicht, du spielst hier ein bisschen viele Rollen heute Abend?", fragt der Sebastian (Schwarz) da lauernd.

Ironisch abgesichert

Vor diesem Peng gibt's kein Entrinnen. Das Stück ist gefräßig. Es verleibt sich Politik ein und verlangt sich selbst als Nachschlag. Was anfangs als leichte Kost daherkommt, stößt am Ende übel auf. Und zwar nicht, weil Meckbach als Pengs Mörderin Männer als Wurzel allen Übels bezeichnet. Im Gegenteil. Würde Mayenburg tatsächlich zum Kampf gegen Männer aufrufen, wäre das zwar bescheuert, aber immerhin entschlossen.

Aber er sichert auch diese Pointe ironisch ab. Der Abend verlässt bis zum Schluss nicht die engen Grenzen der Überzeichnung, in die alle Probleme der Welt passen müssen. Ist doch alles nur Spaß. So bleibt vage, worum es hier geht, außer dass alles zugrunde geht.

Peng hat am Schluss ein Loch im Kopf. "Wenn ich vor dem Mond stehe, scheint sein Licht zentral aus meiner Stirn", sagt er. Und ja, man kann durch das Loch den Mond erkennen. Oder dass hinter der Oberfläche die Leere gähnt.

Peng
von Marius von Mayenburg
Uraufführung
Regie: Marius von Mayenburg, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Mitarbeit Bühne: Doreen Back, Musik: Matthias Grübel, Video: Sébastien Dupouey, Dramaturgie: Maja Zade.
Mit: Damir Avdic, Robert Beyer, Marie Burchard, Eva Meckbach, Sebastian Schwarz, Lukas Turtur.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Barbara Behrendt schreibt auf der Website des Deutschlandfunks (4.6.2017): In "Peng" werde die "Ähnlichkeit zwischen mächtigen Regierungschefs und verzogenen Fünfjährigen" gezeigt. Alles wolle in dieser Peng-Familie "Analogie für das große Ganze" sein und "überdrehte Komödie", das sei aber "weder besonders originell noch besonders lustig". Nummer reihe sich an Nummer, dazu ein "verquasseltes Polit-Bashing", das an "Irrwitz und bizarrer Doppelbödigkeit" weit hinter der "weltpolitischen Realsatire" zurückbleibe.

Ulrich Seidler schreibt auf der Website der Berliner Zeitung (4.6.2017): Mayenburg habe der Grundidee seines Stückes "offenbar nicht vertraut", sondern sie mit "seinen üblichen Komödienmitteln" verschnitten. Er suche die Gründe für die "Konflikte der Welt" in den "verhängnisvollen Konstellationen der konsum- und medienverwirrten Mittelstandsfamilien". Außerdem ziehe er dem Geschehen einen "doppelten autoreflexiven Boden" ein, indem er es zugleich zum Gegenstand eines "Reality-TV-Projekts  mache, was die nötige "Willkürfreiheit" für "Rampensau-Auftritte und Stand-up-Nummern" schaffe. So bestehe die Handlung aus einer Aufzählung von Missetatsvarianten und drehe sich "mit zunehmendem Tempo auf der Stelle". Der "dramatische Leerraum" werde "hochqualifiziert zugequasselt". Sebastian Schwarz als Monsterbaby müsse den Abend mit "sehr viel Text und Rhetorik" zusammenhalten, habe dafür aber nur "eine einzige Pose zur Verfügung: die präpotente egozentrische Großmannssucht".

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung moniert Irene Bazinger (6.6.2017): Es handele sich um eine "manchmal witzige, meist betrüblich moralinsaure Groteske". Der titelgebende Ralf Peng sei "allzu bald als Parodie des derzeitigen amerikanischen Präsidenten zu erkennen". Sebastian Schwarz zeige ihn als "stolz genährtes Riesenbaby mit ungerührter Mimik". Marie Burchard gebe mit "schönem Schmelz und entschlossenem Tunnelblick" die glückliche Mutter, Robert Beyer mit "zappelnd wackeliger Resolutheit" den glücklichen Vater, "ausgelassen präzise" Eva Meckbach in mehreren Rollen desgleichen Damir Avdic - ein "eindrucksvoll harmonierendes Ensemble", das die "grellen Karikaturen", als die sie auftreten, mit "sympathischer Lebendigkeit" gestalte. Marius von Mayenburg bringe sie als Regisseur "mit fröhlicher Leidenschaft in Komödienschwung", doch als Autor habe er ihnen "sträflich wenig zu bieten".

In der Süddeutschen Zeitung (6.6.2017) schreibt Mounia Meiborg: Marius von Mayenburg führe "Peng" als "hochtourige Komödie" auf, die sich "beim Boulevardtheater" bediene. Die trashigen Videobilder zeigten die Figuren, die sich permanent selbst inszenierten, die Mediensatire seien die komischsten Momente. Das Stück kranke indes an seiner thematischen Überfrachtung und an seiner Konstruktion: Da die Figuren absichtlich mehr Prototypen sind als Menschen, erfahre man in der zweiten Hälfte des Abends nichts Neues über sie. Sprachlich wirke "manches bemüht". Es werde nie "richtig ungemütlich", auch nicht "richtig komisch". Das Stück stecke in einer schenkelklopfenden Verdruckstheit fest.

Christine Wahl schreibt auf der Website des Berliner Tagesspiegel (6.6.2017): Marius von Mayenburgs Komödie beginne als "plakatives Prenzlauer-Berg-Eltern-Bashing". Und mutiere zum "Parodieversuch auf Donald Trump und die weltpolitische Lage". Sebastian Schwarz spiele sich "buchstäblich einen Wolf" und verdiene dafür "allerhöchste Anerkennung". Bloß renne er inhaltlich betrachtet "ein offenes Scheunentor nach dem nächsten ein". Mayenburg forciere dabei die Analogie zu Richard III.. Doch werde "absichtsvoll" alles mit allem verrührt. Die "Flüchtlingsthematik mit sabbernden Backstage-Besuchen in Frauenumkleiden", "Feminismusdiskursparodien mit Waffenhandel" alles mit "redlicher Medienschelte garniert".

"Die Deutung des Stückes ginge in etwa so: Wir leben in einer Zeit, in der das Subjekt umsorgt und gepampert wird, indem die Kleinen schon im Kindergarten zu Hochleistungskapitalisten aufgerüstet werden – kein Wunder, wenn am Ende Trump respektive irgendein anderer autoritärer Quälgeist dabei herauskommt", interpretiert Hannah Lühmann in der Welt (8.6.2017). "Peng" mache als Theaterabend bis ungefähr zur Hälfte durchaus Spaß, aber dann gehe die Begeisterung mit Mayenburg "ein wenig durch und die Sinnebenen gehen entsprechend durcheinander", und am Ende entgleite der Abend "in wirklich ärgerliche, weil völlig banale Medienkritik der plakativsten Art", so Lühmann: "Gameshow und Realitysoap als Metapher auf den Ausverkauf des neoliberalen Selbst im Turbokapitalismus sind auf eine Weise plakativ, dass sie nur noch wie eine hyperreale Satire auf das politische Theater selbst wirken."

 
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