Wie kommt der Bourgeois in die Fänge des Gurus?

von Ulrike Gondorf

Essen, 27. Mai 2008. So viel Barock ist selten, wenn sich der Theatervorhang öffnet. In schummeriger Beleuchtung, die auch die Kerzen auf der Bühne des Monsieur Molière hergegeben hätten, zeichnet sich ein herrschaftlicher Saal ab: Säulen, Balkons, Balustraden, Wandspiegel, alles auf Vorhänge gemalt. Und die Figuren, vorerst nur als Umrisse auszumachen, könnten direkt vom Hofe des Sonnenkönigs kommen. Damen in aufgebauschten Röcken mit hohen Frisuren, Herren in Kniehosen. Irritierend wird es, wenn  man allmählich in hellerem Licht die Einzelheiten erkennt: die Dame des Hauses trägt zur pinkfarbenen Robe eine ebensolche übergroße Sonnenbrille, die Tochter ist bauch-, das Dienstmädchen kniefrei. Und Herr Tartuffe, der Titelheld, das Zentrum aller Intrigen, dessen Auftritt der Autor kunstvoll bis zum zweiten Akt verzögert? Er ist eine Art mondäner Guru im blütenweißen Anzug, mit kahlgeschorenem Kopf und schwarzer Hornbrille, ein pompöses Kreuz an silberner Kette vor der Brust.

 

Konzept mit Witz und Swing

Der Regisseur Rafael Sanchez, der Bühnenbildner Thomas Dreißigacker und die Kostümbildnerin Ursula Leuenberger suchen offensichtlich nach einem Molière für heute, ohne platt und plakativ zu aktualisieren. Ihr Konzept hat Witz und stellt eine Art lebendigen Swing her zwischen 1664, der Uraufführung des Stücks, und 2008. Dazu passt der Umgang mit der Musik: barocke Opernarien werden auf vollen Touren gespielt und versanden dann plötzlich, als würde dem Plattenspieler der Strom abgedreht. Und auch die Spielweise changiert zwischen den abgezirkelten, automatenhaften Gesten des Barocktheaters und prallem Körpereinsatz.  

Der 33jährige Rafael Sanchez, der sich nach seinem Start am Jungen Theater Basel in den letzten Jahren in die mittleren und größeren Theater durchgearbeitet hat und schließlich in Hannover, an der Schaubühne und am Thalia Theater angekommen ist,  inszeniert zum zweiten Mal in Essen. In der nächsten Spielzeit übernimmt er die Leitung des Zürcher Theaters am Neumarkt. Keine Frage, er versteht sein Handwerk, weiß ein Ensemble in Aktion zu versetzen, produziert unterhaltsame Einfälle am laufenden Band. Sein Essener "Tartuffe" führt eine Fülle von Mustern und Mitteln vor, mit denen man Molière ins Heute transportieren könnte. Es wird viel (wenn auch manchmal, wie Kortner sagen würde, unter Niveau) gelacht.

Es fehlt: das Zentrum

Trotzdem scheitert er im entscheidenden Punkt. Es gibt keine inhaltliche Auseinandersetzung hinter der kunst- und schwungvollen theatralischen Fassade. Der Abend hat kein Zentrum. 

Molières Satire zielte auf ein konkretes Problem seiner Zeit: die falschen Frommen und ihre heuchlerischen Unterstützer bildeten eine Interessenskoalition, deren Einfluss gefährlich wuchs. Andreas Grothgars Tartuffe aber, der Mann im weißen Anzug, der das Kreuz an die Lippen führt und sich hin und wieder in Büßergeste zu Boden wirft, ist bestenfalls ein unangenehmer Sonderling. Sein Anzug ist von heute, das Verhalten, das da behauptet wird, aber von 1664. Warum und womit es ihm eigentlich gelingt, sich als Spaltpilz festzusetzen im Hause des Orgon, ja schließlich alles zu unterminieren und am Ende an sich zu reißen, das untersucht die Inszenierung gar nicht.

Ebenso wenig wie sie der eigentlich noch interessanteren Frage nachgeht, was denn den erfolgreichen, vermögenden, äußerlich glücklichen Familienvater Orgon so anfällig macht für diesen falschen Heilsbringer. Werner Strenger spielt ihn als melancholischen, beinahe depressiven Mann. Woher das Vakuum kommt, das sich da in ihm ausbreitet, dafür gibt es allerdings gar keine Anhaltspunkte. Das ist schade. Äußerliche Effekte und theatralische Erfindungen können auf die Länge nicht darüber hinweg täuschen, dass an diesem Abend das Entscheidende fehlt: die präzise Zielbestimmung, was mit Molières "Tartuffe" heute eigentlich erzählt werden kann – und soll.


Dieser Beitrag wurde auch von Deutschlandradio Kultur gesendet.

 

Tartuffe
von Molière, übersetzt von Reinhard Koester
Regie: Rafael Sanchez, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Ursula Leuenberger.
Mit: Andreas Grothgar, Werner Strenger, Bettina Engelhardt, Sabine Osthoff, Roland Riebeling, Lukas Graser, Christina Peters, Raiko Küsters, Jutta Wachowiak.

www.schauspiel-essen.de

 


Kritikenrundschau

"Wunderschöne Bilder für das unschöne Spiel des Scheinheiligen" hat Britta Helmbold in ihrer Kritik für die Ruhr Nachrichten (29.5.2008) gesehen und ist auch sonst schwer beglückt über diesen Abend, an dem für sie fast alles stimmte. "Ganz der Komödie verpflichtet" habe der junge Rafael Sanchez für jede Szene "witzig-satirische Umsetzungen" gefunden, die nur ganz selten "etwas albern" ausfallen würden. Auch die schauspielerischen Leistungen des Ensembles werden sehr gelobt.


 
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