Überzeugungstäter auf dem Kirchendach

von Valeria Heintges

Zürich, 16. Juni 2017. Wenn Deutschland riesig Luther feiert, dann will auch die Schweiz nicht beiseite stehen. Und so feiert Zürich von nun an zwei Jahre lang den eigenen Reformator Huldrych Zwingli mit Roadshows, Theater, Ausstellungen, zeitgenössischen Disputationen und Konzerten. Zum Auftakt wird direkt am Wirkort des lokalen Reformators im Zürcher Grossmünster die "Akte Zwingli" geöffnet. Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist steuerte das Libretto fürs Mysterienspiel bei, eine Mischung aus Zwingli-Passagen, dessen schweizerdeutscher Bibel und eigenen, zuweilen arg pastoral daherkommenden Texten. Hans-Jürgen Hufeisens zeitgenössische Musik nutzt Kinderlieder und Kompositionen von Zwingli selbst, mal lautmalerisch illustrierend, mal schwelgerisch begleitend, solistisch, chorisch oder beides zusammen, aber nie kitschig und immer eindeutig heutig.

Verdammte auf Altarstufen

Denn der Mann, der jeglichen Schmuck, also auch die Musik, kategorisch aus den Gottesdiensten verbannte, war selbst hochmusikalisch, spielte viele Instrumente, angeblich 23, und wäre beinahe Musiker geworden. Widersprüchen wie diesen spürt die "Akte Zwingli" nach, zeigt den Pazifisten, der erst den Söldnerdienst abschafft und dann zum Kriegstreiber gegen die Katholiken wird und 1531 in der Schlacht von Kappel stirbt. Den Sozialreformer, der sich zum Eiferer und Puritaner wandelt. Und den liebenden Ehemann und Vater, der sich seiner Familie entfremdet und seine religiösen Reformen über alles stellt. Allerdings deutlich zu kurz kommt der Machtmensch, dem es gelingt, die Ratsherren der Stadt Zürich auf seine Seite zu ziehen, und der seine Mission am liebsten in der ganzen Welt verteilen will.

Regisseur Volker Hesse stellt Zwinglis Frau Anna Reinhart in den Mittelpunkt. Sie versucht zunehmend fassungs- und verständnislos, den Wandel ihres Mannes aufzuhalten. Zu Beginn wartet sie auf die Rückkehr Zwinglis vom Schlachtfeld. Angstvoll kommt Mezzosopranistin Nathalie Mittenbach den Mittelgang hinauf, nimmt summend die klagenden Töne der Klarinette auf, die den grauen, kargen Kirchenraum durchwehen.

AkteZwingli3 560 Verein Mysterienspiel uBußgang im Mittelschiff in die "Akte Zwingli" © Verein Mysterienspiel

Dann brechen sie ein, die in grau gehüllten Heimkehrer mit dem starren, irren Blick. Versammeln sich auf den Altarstufen, ziehen sich langsam in Tableaux Vivants wie die Verdammten der Hölle in den Chorraum empor, halb gezogen von den Vorangehenden, halb gestoßen von Nachfolgenden.

Starke Tableaux Vivants

Einer wird sich höhnisch meckernd als Tod zu erkennen geben, für ihn sind es wahrlich gute Zeiten, gestorben wird viel, in Kriegen, an der Pest. Er schreit schrill, spuckt Anna stammelnd mit "Kappel, Kappel, Kappel" den Namen der Schlacht vor die Füße. Er berichtet ihr von dem Gatten, der "zmittst im Gemetzel" starb, der Leichnam gefünftelt, verbrannt, die Asche zerstreut. "Myn Gott, myn Gott, hast du mich gar verlassen?", singt Anna und bricht im Kreis ihrer Kinder zusammen. Nathalie Mittenbach gibt diese Anna stimmlich und darstellerisch überzeugend; schade, dass die Inszenierung sie ein wenig eindimensional als Liebende und Mutter zeichnet. Zwingli bekommt mehr Facetten, doch liegt Tenor Daniel Camille Bentz der freundliche Mann und Ehemann mehr als der harte Diskutierer und Eiferer.

AkteZwingli4 560 Verein Mysterienspiel u© Verein Mysterienspiel

Die Stärke der Abends ist Hesses Fähigkeit, Laien und Profis zu überraschenden und starken Bildern zusammenzuführen. Da werden die kleinen Seitenbühnen immer wieder für Tableaux Vivants genutzt, dass es aussieht, als habe Zwingli doch nicht die Seitenaltäre aus der Kirche verbannt. Mal werden die Bühnen bespielt, mal der Vorhang zugezogen und für Animationen genutzt. Hesse lässt 22 Dimitri-Akrobaten mal die Pestkranken spielen, die auf den Gräbern tanzen, mal ein burleskes Ballett aufführen, mal sie als Richter bei den Disputationes im Kirchenraum sich wie wild gewordene Stiere auf dem Debattiertisch balgen, der sich auf dem Taufbecken dreht.

Ins Religiöse gerutscht

Dazu versprühen 16 Ratsherren Autorität, allesamt gestandene, schwarz gekleidete Herren. Tadelnd wedeln sie mit ihren Zeigefingern, ziehen lateinische Worte murmelnd den Kirchengang hinauf und hinab und vertreiben jegliches lustige Treiben. Der 22-köpfige Chor verteilt sich zuweilen bis hoch auf die Empore und lässt den Raum auch musikalisch lebendig werden.

Solcherart überwältigt sieht man darüber hinweg, dass die Kombination aus Kirchenraum, Gesang und mittelalterlich-schweizerdeutsch angehauchten Texten arg zulasten der Akustik geht und man wenig versteht, wenn man die Texte nicht im Programmheft verfolgt. Man sieht auch über schmerzende Hinterteile auf harten Kirchenbänken und gar in die Länge gezogene Szenen hinweg. Und findet es am Ende doch schade, dass die Aufführung vor der Kirche endet, damit Zwingli seine Schlussworte angebunden ans Kirchendach in die Menge herunterdonnern kann.

Das ist ein letztlich überflüssiger Effekt, der Abend hätte ein weniger ausgefranstes Ende verdient. Gerne hätte man stattdessen noch etwas darüber erfahren, wie es Zwingli gelang, die Zürcher Ratsherren so für seine Sache einzunehmen. Der Machtmensch und Politiker Zwingli hätte die Inszenierung endgültig ins Heute gezogen – und die Inszenierung weniger ins allzu Religiöse rutschen lassen.

Akte Zwingli
Ein Mysterienspiel von Christoph Sigrist und Hans-Jürgen Hufeisen
Libretto: Christoph Sigrist, Regie: Volker Hesse, Musik: Hans-Jürgen Hufeisen, Ausstattung: Stephan Mannteufel, Technik: Werner Hegglin, Musikalische Leitung: Davide Fior, Choreographie: Andrea Herdeg, Visual Art/ Projektionen: François Chalet, Visual Art/ Motion Design: Noemi Sugaya, Produktionsleitung: Alexandra Steinegger.
Mit: Nathalie Mittelbach, Daniel Bentz und und 60 Schauspieler, Musiker, Sänger und Tänzer, darunter 22 Absolventen der Accademia Teatro Dimitri
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.aktezwingli.ch

 

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