Die Niederkunft der Beate Zschäpe

von Willibald Spatz

München, 22. Juni 2017. Wenn man sagt, es gehe um eine Gruppe Personen, die auf einem Raumschiff eine zweite Erde ansteuern, dann ist das schon mal falsch. Denn es geht um gar nichts, es soll um jeden Preis der Welt nichts erzählt werden. "Eine Assoziation" nennen Olga Bach, Ersan Mondtag und Florian Seufert ihre Sammlung an Texten, und das beschreibt es treffend: Von Sophokles geht es über Kafka, Schiller und Spongebob zu Dr. Oetker und Wikipedia. Nichts ergibt sich zwingend aus dem anderen, aber alles passt im Großen und Ganzen doch wieder zusammen.

Startrampe NSU

Ausgangspunkt ist der NSU-Prozess, der für Ersan Mondtag eng mit der Stadt München verknüpft ist. Die Assoziation mit dem Raumschiff ergibt sich aus dem Bühnenbild, dort gibt es ein Fenster, durch das man die sich immer weiter entfernende Erde sehen kann. Die Besatzung besteht aus sechs äußerlich kaum zu unterscheidenden Menschwesen, die mit roter Haut und weißen Haaren quasi eine nächste Evolutionsstufe des Menschen darstellen. Sie machen sich auf, das lästig gewordene irdische Erbe abzustreifen und anderswo neu anzufangen. Doch in einem zunächst verdeckten Hinterraum befindet sich ein siebter Passagier: eine Frau in einem körperfarbenen, eine Schwangerschaft simulierenden Body, die äußerlich Beate Zschäpe ähnlich ist. Sie könnte die kollektive Schuld symbolisieren, der sich die Gesellschaft stellen muss, egal wie weit sich sich räumlich oder geistig von der Person und dem Ort der Verbrechen wegbewegt.

das erbe 03 muenchner kammerspiele c armin smailovic 560Schuldig im Weltall © Armin Smailovic

Das Mittel, das helfen soll, mit dieser Schuld umzugehen, ist das so genannte kulturelle Erbe der Menschheit. Tatsächlich gelingen Ersan Mondtag und dem Ensemble in der Umsetzung des Textmaterials faszinierende und teilweise sehr komische Bilder, die aufgrund ihrer ästhetischen Dichte zumindest optisch einen immensen Sog erzeugen. Zu Kafkas Schloss gibt es eine hektische Pantomime, Untersuchungsausschussprotokolle werden karikiert. Wichtig ist aber immer, dass eine Distanz bleibt zwischen dem Sprecher und dem abgesonderten Text, niemals darf sich irgendjemand mit diesem Material wirklich identifizieren, und gibt es einmal die Annäherung an ein repräsentatives Spiel, stehen die anderen dumpf applaudierend und Bravo rufend im Kreis um den Sprecher.

Wertloser Kulturschrott

Alles wird überlagert von einer Projektion des vorhandenen Raums: weiße Bücherregale und gerahmte Gemälde. Zwischen den Nummern flackert der ganze Raum. Das mit den Nummern ist wörtlich zu nehmen. Im Chor zählen die Darsteller die Beweismittel mit – sie sind längst im sechsstelligen Bereich angekommen. Die Zahlen rattern unerbittlich nach oben, auch die Menschen sind längst zu Nummern verkommen; dennoch wird nicht abgebrochen, obwohl der Beweis längst erbracht wäre, dass dieser Kulturschrott sich bei der Bewältigung eines Schuldproblems als völlig wertlos erweist.

Die sechs hüpfen als Affen über die Bühne und mittendrin ist es das Beate Zschäpe-Double, das sich als besonders infantil erweist. Es lässt sich naiv glotzend herumführen, es widerspricht trotzig, wenn die anderen sagen, es sei genug – die radikale Verniedlichung des Bösen. 99,9 % der 3 Milliarden Basen innerhalb des Erbguts seien bei allen Menschen gleich. Es gibt keine Unterschied zwischen den Guten und den anderen.

das erbe 05 muenchner kammerspiele armin smailovic 560© Armin Smailovic

Wäre der Anspruch von "Das Erbe" tatsächlich einen neuen Blick auf den NSU-Terror und den davon abgeleiteten Umgang einer deutschen Gesellschaft mit ihrer Schuld zu werfen, dann wäre der Erkenntnisgewinn relativ gering. Doch mit dem Fortschreiten des Abends und dem immer größer werdenden Krawall, der auf der Bühne veranstaltet wird, beschleicht einen das Gefühl, einer groß angelegten Kapitulation der Kunst vor dem echten Leben beizuwohnen. Darin steckt zumindest eine gewisse Originalität, sich selbst in virtuos inszenierten Bildern für überflüssig zu erklären. Wenn man sich damit abgefunden hat, kann man auch wieder von vorne anfangen mit dem Theater spielen.

Der Luxus der Unsicherheit

Keines der in dieser Inszenierung verwendeten Mittel ist neu, nichts schockiert oder verstört nachhaltig und dennoch spürt man den Ansatz, Theater bewusst anders denken zu wollen, nicht einfach irgendetwas von der Bühne aus zu behaupten oder sich als jemand Besseres zu sehen, weil man Theater macht. Für Ersan Mondtag mag das auch ein Bekenntnis zum jetzigen Geist der Kammerspiele sein: sich den Luxus zu erlauben, sich in Frage stellen zu lassen.

 

Das Erbe
Eine Assoziation zum NSU von Olga Bach, Ersan Mondtag und Florian Seufert
Mit: Thomas Hauser, Jelena Kuljić, Jonas Grundner-Culemann, Tina Keserovic, Lena Lauzemis, Damian Rebgetz, Wiebke Puls.
Inszenierung: Ersan Mondtag, Text: Olga Bach, Bühne: Rainer Casper, Kostüme: Teresa Vergho, Video: Florian Seufert, Licht: Rainer Casper, Musik: Max Andrzejewski, Dramaturgie: Tarun Kad.
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Bernd Noack von Spiegel Online (23.6.2017)  sah ein Theaterstück, "das angestrengt keines sein will und doch hemmungslos und bis tief in die visuelle Verquasung seines Themas mit theatralen Mitteln kunstkackeprall wuchert und verstört". Man könne mit bestem Willen keine Notwendigkeit der zusammengewürfelten Passagen aus Gedichten, Sitzungsprotokollen, Geistesgut und tieferem Blödsinn erkennen. Die Inszenierung sei inhaltlich leer, "mit Neonfarben gibt sie sich einen höchst ärgerlichen zirzensischen Anstrich, der die ernste Absicht, sollte sie jemals bestanden haben, lächerlich ad absurdum führt."

"Die verschwörungstheoretische Verlagerung des Faschismus-Diskurses in den interstellaren Raum ist auf den ersten Blick ein billiger Trick, sich vor dem Thema effektvoll zu drücken." Aber die Radikalität, mit der Mondtag hier in erstaunlichen Bildern und Tönen die eigene Verantwortung für ein Scheitern der Kunst an der Realität übernehme, sei beeindruckend und mache ihn zu einer der interessanteren Figuren in der gegenwärtigen Theaterlandschaft, so Mathias Hejny von der Abendzeitung (23.6.2017).

Mondtag und Olga Bach interessierten "nicht die Wiederholung der offiziellen Lesart - NSU gleich rechtsextreme Einzeltäter - , sondern die ganze Komplexität des Schuldthemas, das seit Urzeiten durch die Geschichte wabert und nicht mit einem Richterspruch getilgt wird", so Rosemarie Bölts vom Deutschlandfunk (23.6.2017). "Bildgewaltig staksen und flattern die sechs Zombies durch die Galaxis." Die Gehirn-Geburt am Ende hält Bölts für "zuviel des Guten".

'Das Erbe' sei eine krasse Zumutung, weil die vielen Textbausteine selten zu einem harten Argumentationsgefüge zusammengeschraubt würden, schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (23.6.2017). "Alles fließt, mäandert, und doch geht alles in dieselbe Richtung." Im Grunde sei dieser Bühnenrausch reine Philosophie, spekulativ und sehr klug. "Das Erbe, das Mondtag meint, das Erbe der Menschheit, betrachtet aus weitem Abstand zur Erde, ist immer nur eines des Bösen."

"In der anderthalbstündigen Inszenierung verschmelzen Text, Bühne, Video und Schauspiel zu einer faszinierenden bildnerischen Decodierung unseres historisch-kulturellen Gepäcks", schreibt K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (26.6.2017).

"Jede Mondtag-Inszenierung ist eine Odyssee in eine Parallelwelt und spaltet die Kritiker in Freund und Feind. Man liebt ihn oder ärgert sich, kalt lassen die Fundamentalprovokationen keinen", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (28.6.2017). "Rechtsradikalismus im Weltraum, muss das sein? Doch im Luftleeren agiert in Mondtags klugen Settings keiner", ist sie begeistert. "Dass in den Vorstellungen gerne Türen knallen oder Publikum unwillig mit den Füssen scharrt, ist nebensächlich." Mondtag wolle seinem Publikum eine Haltung abringen, das sei die Hauptsache. "Er ist ein wilder Hund. Ein junger wilder Hund im zarten Alter von dreissig Jahren."

"Einen schrägen Abgesang auf den Menschen" hat Sabine Leucht gesehen und schreibt in der taz (28.6.2017): "Gespenstisch ist das Ganze, rätselhaft, nervtötend, inhaltlich überladen und – natürlich – bildgewaltig. Und trotz manch lustig-überdrehter Szene so deprimierend, dass man der Menschheit auf der Stelle zur Selbstauslöschung raten möchte. Und als Erstes der Kunst, die hier ganz offensiv vor den NSU-Opfern versagt, die sie mit allzu viel allzu Banalem in einen Topf wirft."

"Irgendwas mit Schuld und Faschismus" habe Ersan Mondtag auf die Bühne bringen wollen, schreibt Michael Skasa in der Zeit (29.6.2017) über die Münchner "Assoziation zum NSU". Ein "Knalleffekt" aus dem Prager Schwarzen Theater – Rotgefärbtes erscheint schwefelgelb – "tröstet für Sekunden über das Geschwurbel des Zitatverhaus", so Skasa: "Das Böse wird auf der Bühne geboren, und siehe: Es hat die Form eines Kürbisses." Skasas Fazit: "So geht das fantasielos und gedankenblass über zwei Stunden hin und macht sich wichtig und ist doch nichtig".

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