Tanz des Hauens und Schlachtens 

von Andreas Klaeui

Zürich, 28. Mai 2008. Während des Karnevals im stillen Tessiner Städtchen Locarno erschreckte eine dem Anschein nach ganz grundlose, einzig aus sich selbst heraus motivierte Prügelei Heranwachsender die Schweiz, bei der ein zufälliges Opfer zu Tode kam. Oder, anderes Beispiel: Im Programmheft der Zürcher Aufführung von "A Clockwork Orange" ist ein Anreißer des Schweizer Boulevardblatts "Blick" zitiert: "Kinder verprügeln ihre Eltern! Wegen Taschengeld, Ausgang, Internet". Und abermals fragt sich eine Öffentlichkeit: Was ist denn das? Was ist mit der "Jugend von heute"?

Doofie stellt die zynische Frage nach der "Jugend von heute" in "A Clockwork Orange", Freund des Erzählers Alex und Mitglied in seiner Gang, den "Droogs". Dann kramt er einen Zeitungsausschnitt hervor, den er aufbewahrt hat und in dem ein Priester die kriegerische Welt der Erwachsenen für die missgeleiteten Jugendlichen zur Verantwortung zieht.

Alles was Spaß macht
Der muss es ja wissen, meint Doofie, er ist ein Gottesmann. Praktisch, nicht? Breites Grinsen. An dieser Stelle sagt David Böschs Inszenierung ganz klar: Nein. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und dafür, was er in der Welt macht. Doofies Rede ist das Echo auf einen anderen Satz, des Erzählers Alex, der am Anfang fiel: "Ja klar, was ich mache ist böse. Aber was ich mache, mache ich, weil's mir Spaß macht." So viel muss geklärt sein.

Im Übrigen hält sich David Bösch aus der Kirchenväterdiskussion um freien Willen oder Erbsünde heraus. Er erhebt nicht den Regiezeigefinger; um so mehr fällt die eine Stelle auf. Bösch blickt heute anders auf die Gesellschaft als Burgess 1961 und Kubrick 1971. Das wird an mehreren Stellen in seiner "Clockwork-Orange"-Inszenierung offenbar, am deutlichsten aber ganz am Schluss: Böschs Erzählung endet nicht optimistisch wie Burgess' Roman, nicht skeptisch wie Kubricks Film – sie endet gar nicht, sie perpetuiert sich. Morgen ist wieder ein schöner Tag, und alles dreht sich von neuem.

Milchgesicht der Gewalt
Interessant ist also der Blick darauf. Die Frage: Wie kann man das erzählen? (Und vielleicht doch auch ein wenig: Was kann man mit der Erzählung bewirken?). David Bösch beginnt da sehr entspannt. Zurückgelehnt, im Schwingsessel, mit Alex dem Vielzugrossen und der Auflistung seiner Heldentaten. Jörg Pohl kommt daher mit dem Milchgesicht der Gewalt. Den kindlichrosa Schulranzen auf dem Rücken, die rosageränderte Mickymausbrille auf der Nase, im weiteren bis zu den lackierten Fingernägeln komplett in Weiss. Ein blondgelocktes Bild der Unschuld.

Auch der Flokatiteppich auf der Bühne von Patrick Bannwart ist weiß, oder vielmehr: war es mal. Jetzt ist er doch stark angeschmutzt. Ein Kinderzimmersammelsurium hat sich darauf verteilt mit Bärchen und der LP-Sammlung, elektrifiziertem Weihnachtsbäumchen neben den Spuren von Blut und Gewalt. Eine unabgeschlossene Geschichte ist dies, kein Kindheitsraum und keiner für Erwachsene; die raumgewordene Adoleszenzkrise. Vielschichtig wie die Bühnenerzählung.

Böse Buben, tolle Kommödianten
Schnell findet diese zu vielgestaltigen spielerischen Formen. Alex' Mit-"Droogs" treten auf: der jagdhundscharfe Pete von Dominique Jann und Doofie, den André Meyer hinreißend dumpf-brutal anlegt. Ganz böse Buben. Und tolle Komödianten! Sie geben dem Affen Zucker, da überträgt sich das Gang-Gebaren in eine testosteronsatte Choreografie, da können Polizisten auch mal Kasperltheaterfiguren sein, und wenn sie lästig werden, schlägt man ihnen die Holzköpfe gegeneinander, zack, schon sind sie eliminiert. Da knurren die Droogs wie kurzgehaltene Kettenhunde, da spielen sie Punkrock oder erstaunlich wehmütige Balladen – es gibt überhaupt nur Live-Musik an diesem Abend, mit Karsten Riedel als viertem Mann auf der Bühne.

Immer wieder nimmt Musik die Stimmungen auf, löst sie ab, hebt sie auf. Das bekommt aufs Ganze eine ausgeprägt rhythmische Gestalt, wird zur eleganten Choreografie; ein Tanz des Hauens und Stechens und Schlitzens und Schlachtens. – Der Wendepunkt kommt mit der "Ludovico"-Therapie, jener gespenstischen Methode der Konditionierung zur Gewaltfreiheit.

Kleine Konditionierungsrevue
Wie Jörg Pohl hier als gefesselter Schmerzensmann in einem Gurtgeschirr von der Decke hängt, den "fiesen Späßen" ausgesetzt, die er nun am eigenen Leib erfährt in der Position des Gekreuzigten (und von Jesus ist an dieser Stelle tatsächlich die Rede) – das ist sehr eindringlich.

Und wieder nimmt die Musik die Abrichtungsmarter ihrerseits auf und führt eine eigene kleine Konditionierungsrevue auf, die den armen, aber gelenkigen Schauspieler am Ende gar in den Spagat treibt. Der Rest der Romaninszenierung ist Raffen und Abwickeln. Das ist jetzt etwas ungerecht Pohl gegenüber gesagt, dem die Erzähllast nun weitgehend allein obliegt – und er ist ein fabelhafter Erzähler!

Aber es ist klar: Die Gewichte liegen woanders. Neue Dynamik kann sich hier nicht mehr entwickeln, denn sie hat ja kein Ziel. Es gibt kein Ende, auf das diese Geschichte hinsteuern könnte: Es gibt nur ihre Perpetuierung.

 

A Clockwork Orange
von Anthony Burgess, deutsch von Bruno Max
Regie: David Bösch, Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart, Musik: Karsten Riedel, Licht: Frank Bittermann.
Mit: Jörg Pohl, Dominique Jann, André Meyer. Musiker: Karsten Riedel, David Langhard (alternierend)

www.schauspielhaus.ch


Mehr über Inszenierungen von David Bösch hier.

 

Kritikenrundschau

 Anthony Burgess' 1962 erschienenes Kultbuch "A Clockwork Orange" sei heute aktueller denn je, schreibt Barbara Villiger Heilig in der Neuen Züricher Zeitung (30.5.2008). Einst als "ahnungsvolle Science-Fiction" beschrieben, hätten Jugendslang und "lustbetont ausagierte Brutalität" längst ihren festen Platz in der Gesellschaft. Anders als Burgess (und Stanley Kubrick, der das Buch 1971 verfilmte) frage David Bösch in seiner Bühnenbearbeitung aber nicht mehr nach den Gründen für die Gewalt. Er führe sie nur vor, beziehungsweise lasse sie – von "aparter Live-Klangkulisse" illustriert – erzählen, und am Ende bekehre sich Alex, die Hauptfigur, auch nicht zum besseren Leben, sondern alles geht auch nach der Zwangstherapie vermutlich weiter wie bisher. "Das Programmheft zitiert Jan Philipp Reemtsmas Studie über die menschliche Fähigkeit zur Gewalt. David Böschs theatralischer Essay, dessen leichter Plauderton den Ernst der Sache keineswegs beschweigt, verpackt dasselbe Thema in eine Inszenierung von schillernder Ironie."

Alexandra Kedves
vom Züricher Tagesanzeiger (30.5.2008) sieht das anders. Keineswegs hätte Bösch sich "auf eine Moderne-Analyse à la Jan Philipp Reemtsma eingelassen (der im Programmheft zitiert wird)", und auch kein "Rührstück mit Schockerqualitäten" auf die Bühne gestellt. "Sondern er macht Jörg Pohls Alex zum Showmaster: 'If you want to sing out, sing out'." Überhaupt hätte es "Groove", was David Bösch da "in die Schiffbau-Box gerockt" hätte: "Ein Killerknabe mit Chorknaben-Blick leidet, und alle müssen mit." Zwar handle es sich im Grunde nur um "schlichtes Erzähltheater", aber Böschs Ensemble erzähle eben "wie der Teufel". Inhaltlich sei einiges auf der Strecke geblieben, und die Konsequenz, mit der Bösch die gleichmäßig distanzierte Erzählperspektive auch dann aufrecht erhalte, wenn es um die Opfer geht, irritiere durchaus. Aber dafür gebe es wirklich viel zu sehen, und letztlich gelte: "Nicht fragen, einfach klatschen!"

 
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