Eine starke Wahl

30. Juni 2017. Martin Kušej wird Direktor des Burgtheater, er, der mit Wien noch eine Rechnung offen hatte. Und die ersten Wiener Presse-Reaktionen zeigen sich angetan von der "starken Wahl" mit "Glamour-Faktor" und vermuten, dass die Wahl eine tiefe Befriedigung für ihn sei. 

"Eine Besetzung nicht ohne Risiko, aber mit Glamour", schreibt Barbara Petsch in der Presse. Seine wichtigste Pflicht werde sein, das Haus zu füllen, "mit Anspruch bzw. dem Bildungsauftrag folgend. Was Spaß natürlich nicht ausschließt. Zwischen diesen beiden Polen muss ein Prinzipal balancieren". Die Finanzdecke dafür sei dünner geworden, nicht erst seit dem "Burgtheater-Skandal". Das Ensemble wurde verkleinert, fast halbiert. Kusej sei kein Gag-Klitterer des Regietheaters, auch kein Kopfmensch. "Er hat Intuition, er geht seinen Weg und hat klare Vorstellungen von der Mechanik der Macht (...) Wenn Kusej Führungsqualitäten zeigt und Teamwork beherrscht, was er am Residenztheater in München gewiss praktizieren musste, hat er gute Chancen, ein überzeugender Burgchef zu werden."

"Ein starke Wahl", heißt es auch in der Kleinen Zeitung von Ute Baumhackl. "2006 bemühte er sich bereits einmal um die Burg, damals wurde aber der mittlerweile wieder geschasste Matthias Hartmann zum Burg-Chef gekürt, Kušej ging als Intendant nach München ans Residenztheater. Nun kehrt er im Triumph nach Wien zurück."

"Mit Wien hatte er noch eine dicke Rechnung offen, auch wenn er das vor einem Jahr noch vehement bestritt", heißt es im Kurier. Dass er jetzt doch noch die Burg übernimmt, muss für Kušej eine tiefe Befriedigung sein. Er sei einer der interessantesten Theater- und Opernregisseure der Gegenwart, "beherrscht sowohl den Faust-aufs-Auge-Stil, als auch die feine, psychologische Handschrift (...) Typisch für ihn ist seine unbändige Neugier, auf neue Stoffe, auf alte Stoffe, auf Schauspieler, auf Themen."

Am Residenztheater fahre Kušej gerade Rekordauslastungen ein, "was auch ein bisschen damit zusammenhängt, dass die Münchner Kammerspiele, das zweite große Haus der Stadt, mit ihrem Kurs des unabwägbaren Experiments eher traditionell gesinnte Theaterliebhaber ins staatliche Schauspiel treiben", so Egbert Tholl auf sueddeutsche.de. "Der Publikumserfolg dürfte einer der Gründe sein, weshalb er nun nach Wien berufen wird - an ein Haus, an dem Karin Bergmann gerade unverdrossen und durchaus erfolgreich versucht, aus den Trümmern der Ära Hartmann ein konsolidiertes Arbeiten wiedererstehen zu lassen. Leichter als in München wird es Kušej in Wien nicht haben."

"Die Wahl ist keine wirkliche Überraschung", konstatiert Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Neben dem Heimatbonus scheine "auch seine erfolgreiche Beschäftigungsbiographie" den Ausschlag gegeben zu haben. Kušej, der "sich in früheren Jahren den Ruf eines dekonstruktivistischen 'Stückezertrümmerers' redlich verdient" habe, habe sich zu einem Verteidiger des 'Schauspiel- und Ensembletheaters' gewandelt, der die Bühne gegen 'performative Tendenzen' als 'mythologisches Gefäß' und Ort der 'Seelenbildung' (re)profilieren" wolle. Er gelte als streng, manchen sogar als autoritär, "in jedem Falle hat er wohl die richtige Robustheit, um sich an einem solchen Ego-Haus wie der 'Burg' zu behaupten".

Die Wahl ist keine wirkliche Überraschung. Martin Kušej hatte schon lange Ambitionen auf das Amt und war bereits 2006 im Gespräch. Als dann überraschend Matthias Hartmann bestellt wurde, drohte Kušej, das Haus nie wieder zu betreten. Aber die Zeit heilt bekanntlich alle Wunden, besonders, wenn sie früheren Konkurrenten noch größere zufügt. Hartmanns Sturz über undurchsichtige Vorgänge in der Finanzbuchhaltung scheint Kušej zur erneuten Bewerbung motiviert zu haben. Neben dem Heimatbonus des 1961 geborenen Kärntners hat sicherlich auch seine erfolgreiche Beschäftigungsbiographie den Ausschlag gegeben: Seine Karriere begann er 1994 als Hausregisseur in Stuttgart, später wurde er Schauspielchef der Salzburger Festspiele, bevor er 2011 als Intendant ans Residenztheater wechselte. Kušej, der auch viel Oper inszeniert, hat sich in früheren Jahren den Ruf eines dekonstruktivistischen „Stückezertrümmerers“ redlich verdient. Inzwischen aber hat er sich zu einem Verteidiger des „Schauspiel- und Ensembletheaters“ gewandelt, der die Bühne gegen „performative Tendenzen“ als „mythologisches Gefäß“ und Ort der „Seelenbildung“ (re)profilieren will. Kušej gilt als streng, manchen sogar als „autoritär“, in jedem Falle hat er wohl die richtige Robustheit, um sich an einem solchen Ego-Haus wie der „Burg“ zu behaupten.

(sik)

 

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