Missverständnis an der Kiwara-Kopje

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. Juni 2017. Es wäre so einfach gewesen, hätte man nicht gewusst, dass die "Retrofuturisten" mit Roscha A. Säidow als Autorin und Regisseurin für diese Inszenierung verantwortlich zeichnen. Man hätte dann weniger erwartet und einfach schreiben können, diese "Konferenz der Tiere" sei eine enttäuschend kleine, ziemlich mittelmäßige, aber letztlich aushaltbare Sommertheaternummer im Leipziger Zoo gewesen.

Nichts Dolles, leider schlecht gesungen, aber mit weißen Luftballons und sogar einem aufblasbaren Elefanten. Die Kinder haben manchmal ein bisschen gelacht. Kein schlechter Nachmittag, Zoo-Eintritt gleich mit dabei. Die Kängurus waren zwar nicht da, dafür aber die Sonne. Auf dem Weg zur Bühne schnell bei den Kurzohr-Rüsselspringern vorbeigeschaut, die Erdmännchen für danach aufgehoben. Nach einer knappen Stunde Kindertheater noch schnell eine Bratwurst gegessen. Etwas in der Art. Aber das Leipziger Schauspiel warb mit den "Retrofuturisten", mit dem innovativen Puppen- und Objekttheater der "freien professionellen Company" aus Berlin und deren Teilnahme an renommierten nationalen und internationalen Festivals. Deshalb ist es so einfach leider nicht.

Seid ihr alle da?

Von vorne: die Idee ist großartig. Es hat schon was, wenn draußen am Zoo ein Plakat mit der Aufschrift "Konferenz der Tiere" hängt. Bei Kästner ist es ja so, dass die Tiere es in die Hand nehmen, sich um den Weltfrieden zu kümmern. Weil die Menschen es nicht hinbekommen, ihre Konferenzen zu keinem Ziel führen. Ein paar Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg durchzuspielen, wie eine Giraffe, ein Elefant und ein Löwe es besser machen, klingt ebenso lustig wie logisch!

Was man von der hinzuerfundenen Rahmenhandlung leider nicht sagen kann. Drei Mitarbeiter des "Event-Teams Schönke" bereiten eine Konferenz vor. Als sie aus dem Radio vom erneuten Scheitern einer Friedenskonferenz der Menschen erfahren, stülpen sich die Tierkostüme über, und irgendwie sind sie plötzlich die drei Tiere und planen die "Konferenz der Tiere". Sie sprechen dabei mit dem Publikum wie Kindergärtnerinnen nach sehr vielen Dienstjahren. Oft sprechen auch Schlagermoderatoren im MDR-Fernsehen so. Egal, was sie sagen, man hört immer: seid ihr alle da? Wer darauf reagiert, darf einen Luftballon aufblasen. Theater für die ganze Familie ist angesagt. Ist es das?

KonferenzderTiere1 560 Lisa Schmidt u "Gimme Love, gimme love, gimme peace on earth": Andres Böhmer (oben links), Caspar Bankert,
Magdalena Roth, Franziska Dittrich  © Lisa Schmidt

Eher nicht. Die ganz Kleinen dürften die Rahmenhandlung kaum verstehen, die eingestreuten Aktualisierungen, der nach Ein- und Ausreisereisebestätigungen sowie einem Visum verlangende "Grenzfuzzi" und eine G20-Parodie an ihnen vorbeigehen. Ebenso die wunderbare Kästner-Idee, das Lysistrata-Motiv abzuwandeln. Bei Aristophanes beeindrucken die Frauen ihre Männer mit ihrem "so lange ihr auf Krieg macht, haben wir keinen Sex". Hier sagen die Tiere zu den Menschen, eure Kinder können erst wieder lachen, wenn ihr Frieden schließt. Man kann das ausspielen, wenn man will. Will man hier aber nicht. Es in verteilten Rollen mit nur drei Personen mal eben kurz aufzusagen, nun ja, das zündet eben nicht.

Die Großen im Publikum verstehen das alles natürlich, sind aber von der Vorschulrhetorik spürbar gelangweilt. Von den Mäusen, die die Akten der Menschen zerknabbern und den Motten, die ihnen die Uniformen vom Leib fressen. Vor allem, weil auch das nicht sehr originell gespielt wird: zwei Blätter Papier zerreißen und ein bisschen Nebel machen ist für ein Sommertheater schon arg mager. Immerhin der aufblasbare weiße Riesenelefant ist toll, auch wenn nicht ganz klar wird, was er soll. Auf diesem Niveau versagt die höhere Bildsemantik, und eine rote Hüpfburg hätte wahrscheinlich dieselbe Wirkung gehabt. Egal, bevor die Luft in ihm drin ist, ist sie aus der Inszenierung ohnehin längst heraus.

"Event-Team Schönke"

Und nun? Man könnte jetzt sagen: von allem etwas dabei. Man könnte aber auch sagen, nichts Halbes, nichts Ganzes. Statt Theater für alle, Theater für keinen. Es wirkt, wie ein Missverständnis an der Kiwara-Kopje des Leipziger Zoos. Und das Schlimmste kommt noch. Es wird gesungen. Ein Lied namens "Konferenz der Tiere". Mit ein bisschen Pathos und Gesangstechnik könnte es eine Hymne sein, die man tagelang nicht loswürde. Freilichtbühnen brauchen solche Lieder. Solche Lieder retten auf Bergbühnen Robin Hood und seine Räuber, an der Ostseeküste bringen sie Vineta zurück an die Oberfläche. Im Leipziger Zoo hätte man sich nicht gewundert, wenn es zu regnen begonnen hätte. Das Singen ist die Stärke der Retrofuturisten nun wirklich nicht. Im Gegenteil, leider.

"Das Dschungelbuch" im Leipziger Zoo vor drei Jahren war ein großer Erfolg. Gegen diese aufwendige, verspielte, mit Bollywood-Elementen arbeitende Inszenierung wirkt die "Konferenz der Tiere" mit den Berliner Gästen, als hätte man tatsächlich einfach ein "Event-Team Schönke" gebucht, damit das Ensemble schon in den Urlaub fahren kann. Die gute Nachricht: es ist schnell vorbei, und man kann danach noch zu den Erdmännchen gehen.

 

Die Konferenz der Tiere
von Erich Kästner, für die Bühne bearbeitet von Roscha A. Säidow.
Eine Kooperation von Schauspiel Leipzig und Zoo Leipzig.
Regie: Roscha A. Säidow, Bühne und Kostüme: Ivana Klickovic, Jelena Miletic, Live-Musik: Andreas Böhmer, Dramaturgie: Matthias Huber.
Mit: Caspar Bankert, Franziska Dittrich, Magdalena Roth.
Dauer: 55 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Videobilder der Inszenierung zeigt der MDR-Sachsenspiegel.

 

Kritikenrundschau

Roscha A. Säidow bringe Kästners unverzagt-utopische Vision als farbenfrohe Parabel mit Elementen des Objekt- und Puppentheaters engagiert wie undogmatisch ins Freie, schreibt Irene Bazinger in der FAZ (3.7.2017). Mit unschuldigem Esprit und charmanter Konsequenz behaupte sich ihre leichthändige Inszenierung außerhalb fester Theatermauern.

 

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