Kalt und schön

von Elisabeth Maier

Avignon, 18. Juli 2017. Auf schwimmenden Holzbalken ringen Geflüchtete um ihr Leben. Wellen peitschen Ihnen ins Gesicht. Die Luft wird knapp. Beißender Ölgestank des kaputten Schiffsmotors raubt Ihnen den Atem. Menschenleben? Darauf kommt es im Schlepper-Geschäft auf hoher See nicht an. Den Kampf der Verzweifelten um ihre bloße Existenz übersetzt Choreographin Maud Le Pladec in Körperbilder, die zutiefst berühren. In "Grensgeval (Borderline)" nach Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" spüren die Tänzer Gefühlen von Angst und Ausweglosigkeit nach. Langsam bewegen sie sich, machen das Tosen des Wassers plastisch greifbar. Dann halten sie inne, fallen ins Nichts. Die namenlosen Toten, die an die Strände Europas gespült werden, haben keine Stimme mehr. Doch mit ihrer physischen Ausdruckskraft erinnern die Tänzer beharrlich an ihr Leid und an ihre Leiden auf der Flucht.

Virtuos verzerrte Gesichter

Guy Cassiers, künstlerischer Leiter und innovativer Kopf des Toneelhuis in Antwerpen, übersetzt Jelineks politische Weltliteratur in ein vielstimmiges Manifest gegen das Vergessen. Ein multimediales Spektakel, das im Mai im Toneelhuis Antwerpen Premiere feierte und noch bis Montag auf dem abgelegenen Messegelände beim Festival in Avignon zu sehen ist: Tänzer und Spieler sind zunächst auf der Bühne streng getrennt. Die Choreografie beginnt mit einem Kreuzweg – Balken der zerstörten Schiffe balancieren die Künstler auf dem Rücken. Die starken Bilder erinnern an die Leiden Christi.

Grensgeval 560a ChristopheRaynaudDeLage uMultimediales Crossover-Spektakel: "Grensgeval" © Christophe Raynaud De Lage

Als Passion will das Regieteam die Arbeit auch verstanden wissen. Katelijne Damen, Abke Haring, Han Kerkhoffs und Lukas Smolders sprechen den Text, der vom Leid der Flüchtlinge erzählt. Dabei lässt Videokünstler Frederik Jassogne sie in Kameras sprechen. Virtuos verzerrt, überblendet, vervielfacht und entstellt er die Gesichter der vier Akteure, bis am Ende nur noch riesige Fragmente von Fratzen auf der übergroßen Leinwand zu sehen sind. So verlieren die Menschen im kalten Europa ihr Gesicht. Tim Van Steenbergens Bühne ist ein offener Raum, der am Ende zum Gefängnis wird. Atmosphärisch überzeugt das multimediale Konzept, wozu nicht zuletzt Diederik de Cocks verödete Klanglandschaften beitragen.

Zu grob schraffiert

Wie gleichgültig und abgestumpft die Europäer sind, die den Geflüchteten doch angeblich ein warmes Willkommen bereiten wollen, zeigt die Videoinstallation im zweiten Teil. Als Fenster der Generation Smartphone erscheinen im Hintergrund viele kleinere Bildschirme. Fotos von süßen Kätzchen sind da neben Kriegsbildern, brennenden Autos und verzweifelten Kindern zu sehen. Das ist es, was man beim Scrollen durch soziale Medienkanäle wahrnimmt. Und doch verblüfft die Erkenntnis, von den Künstlern klug und durchaus subtil vermittelt. Die Kontraste, die der Belgier Cassiers setzt, schmerzen. So hält der virtuose Grenzgänger zwischen Film und Bühne den wohlstandsverwöhnten Europäern einen Spiegel vor. In dieser reizüberfluteten Welt suchen die Geflüchteten eine Heimat. Doch schon im Mittelmeer wartet auf Viele der Tod. Nach und nach fallen die Tänzer zu Boden, ihre Glieder erstarren. Kalt und schön zeichnet die Choreografin Le Pladec ihren Weg ins Grab.

Grensgeval 560 ChristopheRaynaudDeLage uInnehalten: Schauspieler und Tänzer mal ohne Videobilderflut © Christophe Raynaud De Lage

"Grensgeval (Borderline)“ hallt mit großen Bildern nach, auch wenn der Anspruch, Jelineks komplexe Literatur in ein multimediales Kunstwerk zu übersetzen, in der Produktion nur bedingt eingelöst wird. Gar zu grob schraffiert Cassiers, ein Vordenker multimedialer Theaterkunst in Europa, den politischen Diskurs über die Unfähigkeit der Europäer, sich der Flüchtlingskrise zu stellen. Formal ist der Abend brillant. Dieser emotionale Zugriff verwässert jedoch die politische Kraft von Jelineks sprachgewaltigem Text über eine neue Odyssee, der europäische Arroganz und Machtstrukturen hinterfragt. Da funktioniert die Reibung nur bedingt.

Wie brüchig die europäische Selbstsicherheit ist, die die österreichische Nobelpreisträgerin anprangert, lässt der Abend ahnen. Wie stark Terror und Gewalt das Wertesystem und alle Lebensbereiche bedrohen, zeigten schon die scharfen Sicherheitskontrollen am Eingang zu dieser wie auch zu vielen anderen Vorstellungen des Theaterfestivals in Avignon. Noch bis November ist Frankreich nach den Terroranschlägen im Ausnahmezustand. Cassiers und Le Pladecs Blick auf ein dunkles Kapitel aktueller Politik lässt ahnen, wie wichtig es ist, arrogante Haltungen zu hinterfragen, andere Kulturen wahrzunehmen – auch wenn ihr Zugriff nicht immer in die Tiefe geht.

 

Grensgeval (Borderline)
von Guy Cassiers und Maud le Pladec nach "Die Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek
Text: Elfriede Jelineks (Übersetzung: Tom Kleijn), Regie: Guy Cassiers, Choreographie: Maud Le Pladec, Bühne und Kostüme: Tim Van Steenbergen, Licht: Fabiana Piccioli, Video: Frederik Jassogne, Ton: Diederik de Cock, Dramaturgie: Dina Dooreman.
Mit: Katelijne Damen, Abke Haring, Han Kerkhoffs und Lukas Smolders sowie den Tänzerinnen und Tänzern Samuel Baidoo, Machias Bosschaerts, Pieter Desmet, Sarah Fife, Berta Fornell Serrat, Julia Godino Llorens, Aki Iwamoto, Dan Jaartsveld, Levente Lukacs, Herman Mancebo Martinez, Alexa Moya Panksap, Marcus Alexander Roydes, Meike Stevens, Pauline van Nuffel, Sandrine Wouters und Bianca Zueneli.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

toneelhuis.be
www.festival-avignon.com

 

Kritikenrundschau

In der katholischen Tageszeitung Le Croix (17.7.2017) lobt vor allem die Schauspieler, Träger einer schlichten, außergewöhnlichen Menschlichkeit: "Tous sont superbes de présence et de véridicité, dans le bien comme dans le mal, héros d’hier, bientôt réprouvés. Porteurs d’une simple et pauvre humanité extraordinaire, provoquant une empathie sans retenue de la part du public bouleversé. En état de choc."

 

 
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