Die mieseste Party aller Zeiten

von Martin Pesl

Salzburg, 28. Juli 2017. Beim Einzelapplaus am Ende von "Die Geburtstagsfeier" treten die sich Verbeugenden aus dem Licht ins Dunkel vor, das Publikum beklatscht Silhouetten: eine Unachtsamkeit der Technik im Landestheater, wo Andrea Breths Inszenierung bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte? Oder der Regisseurin finale Bürstung gegen den Strich der 1958 uraufgeführten, verplauderten comedy of menace vom Schauspieler, Dramatiker und Literaturnobelpreisträger Harold Pinter? Anfangs noch entsteht der Eindruck englisch-konventioneller Konkretheit, ergänzt durch ein Verwahrlosungselement, das Martin Zehetgruber seinen Räumen gerne hinzufügt:

Nicht ganz von dieser Welt

Der englische Strand hat sich bis ins Innere einer privaten Pension vorgearbeitet, aus Sandhügeln ragen trockene Grashalme. Vor der Schiebetür lehnt ein riesiges Boot, der Nebel hängt tief. Hier hat sich Stanley vor einem Jahr versteckt und die Körperpflege eingestellt, auf der Flucht vor einer nicht näher benannten "Organisation" (Pinter meinte damals die Kirche). Meg, die alternde Wirtin, stürzt sich in einer Mischung aus Mutterinstinkt und sexueller Belästigung auf den Dauer- (und einzigen) Gast, während ihr Mann Petey gleichmütig seine Zeitung liest. Nina Petri und Pierre Siegenthaler sprangen wegen zweier Krankheitsfälle recht kurzfristig ein, erfüllen ihre Rollen aber als sauberes Klischeepaar: Was ihm an Emotion fehlt, kompensiert sie vielfach.

Geburtstagsfeier1 560 Bernd Uhlig uIn der kleinen Standpension: Andrea Wenzl (Lulu),  Max Simonischek (Stanley) © Bernd Uhlig

Da beide aber – wie alles hier – nicht ganz von dieser Welt sind, erscheint es ihnen ganz normal, dass zwei Herren im Anzug bei ihnen unterkommen wollen. "Wir sind sehr empfohlen", redet sich Meg mehrmals völlig zu Unrecht ein. Und erklärt dann auch noch, Stanley habe Geburtstag, was dieser nur zweimal halbherzig abstreitet, bevor er sich in die für ihn organisierte Party fügt und aggressiv sein Geschenk – eine Trommel – in Betrieb nimmt. Hier könnte andocken, wer einen Aktualitätsbezug des 60 Jahre alten Frühwerks sucht: Fake News! Nicht nur Meg, auch die anderen investieren viel Energie darin, einander Dinge einzubläuen, um sie auch selbst besser glauben zu können.

Nervöse, übergriffige Menschen

Was jedoch die menace, die diffuse Bedrohung betrifft, so gelingt es Andrea Breth trotz gewohnter Textpräzision nicht, die behauptete Dringlichkeit des Stoffs freizulegen. Es ist ihr zweiter Pinter nach Der Hausmeister. Wieder wird ein beckettsch tristes System von außen ins Wanken gebracht, die Gangster haben es klar auf das Geburtstagskind abgesehen. Die Gewalt, die sie ihm verbal und physisch antun, ist im Angesicht der gegenwärtig herrschenden Weltparanoia zu konkret, seine Angst schlicht berechtigt.

Geburtstagsfeier3 560 Bernd Uhlig uDie Bedroher verrichten ihr Werk: Roland Koch (Goldberg), Andrea Wenzl (Lulu), Max Simonischek (Stanley), Nina Petri (Meg), Oliver Stokowski (McCann)  © Bernd Uhlig

Und zu sehr fuchst sich Breth in eine formale Zergliederung hinein: Aus drei geradlinigen Akten macht sie viele Fragmente, die sie in unterschiedlichen Tempi ablaufen lässt und jeweils durch Blacks trennt. Fast nie tritt jemand auf oder ab. Das Licht geht aus, und wenn es wieder an ist, liegt etwa Andrea Wenzl als Nachbarin Lulu wie eine gestrandete Meerjungfrau im Sand. Mitunter sieht man starre Einzelbilder, dann wieder ganze Szenen mit viel gemiedenem Blickkontakt. Das ist nicht uninteressant, verschärft aber die Befremdung gegenüber all den nervösen, übergriffigen Menschen da auf der Bühne. Pinters Frühwerk macht das Breth-Treatment nur ungern mit.

Wo Licht und Dunkel sich Gute Nacht sagen ...

Innerhalb der filmischen Fragmente kommt sogar die Zeitlupe zum Einsatz. Wenn die Feiernden Blinde Kuh spielen, lässt sich die künstliche Langsamkeit kaum ertragen. Überhaupt ist das die mieseste Party aller Zeiten, nur Goldberg hält durch eloquentes Palavern die Stimmung aufrecht: Roland Koch ist die Idealbesetzung für den unterschwellig gefährlichen Charmebolzen – der Posten des Trump-Pressesprechers wird bestimmt bald wieder frei. Den McCann gibt Oliver Stokowski als sanften Trottel mit mangelnder Impulskontrolle und hessischem Dialekt. Beiden hat Max Simonischeks Stanley wenig entgegenzusetzen. Er muss viel frustriert vor sich hingaffen, und dann wird ihm auch noch die Zunge entfernt.

Immer abstrakter wird die Handlung in Szene gesetzt: Nach der Pause (und nach der Party) prangt das ominöse Boot mitten im Raum, trotz angeblich herrlichen Sonnenscheins sind alle Scheiben abgedeckt. Komponist Bert Wrede tobt sich beim leisen Hintergrundsound aus, belegt einzelne Worte gar mit einem Echoeffekt. Nichts davon geht wirklich unter die Haut. Aus einer absurden Variation auf "Arsen und Spitzenhäubchen" wird schließlich eine absurde "Endstation Sehnsucht". Alles wie gehabt, nur Stanley ist weg und Meg redet sich verträumt die Party vom Vorabend schön – während Petey seelenruhig seine Zeitung liest und sich Licht und Dunkel "Gute Nacht" sagen.

 

Die Geburtstagsfeier
von Harold Pinter
Deutsch von Michael Walter
Regie: Andrea Breth, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Jacques Reynaud, Musik: Bert Wrede, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Roland Koch, Nina Petri, Pierre Siegenthaler, Max Simonischek, Oliver Stokowski, Andrea Wenzl
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.salzburgerfestspiele.at
www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Blasses Kunstgewerbe", so die Unterzeile zu Ronald Pohls Kritik im Standard (29.7.2017). "Ein einziges Hochglanzelend, das Regisseurin Andrea Breth und ihr Festspielteam im Deluxe-Format zelebrieren." Man frage sich, "ob hier die Krimiabteilung des süddeutschen Rundfunks eine englische Zweigstelle unterhält". Indem die Figuren einander wie Spielsteine berühren und voneinander abprallen, bleibe man auf allerhand Mutmaßungen angewiesen. Auf der Bühne alles richtig und berührend gesagt in "Andrea Breths Besuch im Theatermuseum", nur lasse es "wie die ganze kunstgewerbliche Unternehmung, völlig kalt".

Eine "befremdliche 'Geburtstagsfeier'" erlebte auch Norbert Mayer (Presse, 29.7.2017). Die drei Bühnenbilder von Martin Zehetgruber "evozieren Surreales, wenn nicht sogar blanken Wahnsinn". Das Desolate spiegele die Stimmung in Breths Inszenierung. "Mit heiligem Ernst, nur selten konterkariert durch Anflüge von schwarzem Humor, wird Pinters frühes Drama ausgelotet." Breth setze in diesem absurden Raum die "einfache und abgründige Geschichte treffsicher um". Man könnte aber auch einwenden, es sei zu viel des Guten getan. "Dem Publikum wird wie auf einer Streckbank ein Übermaß an Pein zugemutet. Man muss große Geduld haben, bis das Gewöhnliche ins Anarchische kippt."

Rätselhaft, hintergründig und brutal - eine perfekte Choreografie von Macht und Gewalt, sah Wolfgang Huber-Lang von der Kleinen Zeitung (29.7.2017). Breth zelebriere eine "verstörende, bis ins Kleinste ausgefeilte Choreografie der Erniedrigung, der man hilflos ausgeliefert ist". Und es gehe ihr nicht darum, "eine Normalität zu etablieren, sondern sie schafft von der ersten Sekunde an eine Atmosphäre des Unheimlichen und Geheimnisvollen." Breth lade das Stück derart mit Bedeutung auf, dass man sich schon bald fragt, "ob es das aushält. Oder ob es diesen Aufwand lohnt". Immerhin sei perfektes Handwerk zu bewundern. Und in dem Setting gehe mit den Schauspielern "ein perfektes Darstellersextett mit großer Spieldisziplin ans Werk". 

"Ebenso ziseliert wie dröge" fand Bernd Noack Andrea Breths Inszenierung in der Neuen Zürcher Zeitung (31.7.2017), ja eine "zweifelhaft unterhaltsame Geisterbahnfahrt auf künstlich erzeugtem Horror-Niveau". "Während bei Pinter das Geheimnisvolle hinterhältig latent ist, ist es bei Andrea Breth nur laut", so Noack. "Und während im Stück der Schrecken lauert, dauert er in dieser Inszenierung."

"Breths Inszenierung ist eine einzige Be-Tonung", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (31.7.2017). "Das Verstörungspotenzial des Stückes wird bei Andrea Breth derart zelebriert, dass man als Zuschauer ständig auf der (Bedeutungs-)Hut statt in jenem Modus ist, in dem man tatsächlich überrascht werden könnte." Das sei an dem Abend ein Problem. "Es macht ihn lang und bedeutungsschwer, wo schwarze, irre Komik viel angebrachter und grausamer wäre."

Aufgeladen "bis zum Zerbersten" habe Andrea Breth ihre Textvorlage, "Harold Pinters vom nihilistischen Salon-Surrealismus der Fifties geprägte 'Geburtstagsfeier'", findet Manuel Brug in der Welt (2.8.2017). "Ein schnell weggespielter, hurtig hechelnder Boulevardthriller, wenn überhaupt heute noch. Andrea Breth, der großen Schmerzensreichen, langt das natürlich nicht." So werde jedes Umblättern der Zeitung "zum Tsunami" verstärkt, Worte verhallten, Bewegungen erfolgten in Zeitlupe, so Brug. "Dauernd werden die Szenen durch bedeutungshuberische Blackouts abgetrennt, aus einem spannungsvoll verrätselten Miniplot wird ein opernhaft aufgepumptes Psycho-Melodram zur schicksalshaft dräuenden Musik von Bert Wrede. Das dehnt und zieht sich. Auf drei kunstvolle Bastelstunden." Die Schauspieler*innen aber machten ihre Sache "toll". 

 
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