Siegfried von Arabien

von Harald Raab

Worms, 5. August 2017. Glühend heißer Wüstensand. Na ja, mehr eine Fata Morgana im sommermilden Worms. Aber wie zum Teufel kommt der deutscheste aller deutschen Strahlemänner, Siegfried, in die arabische Wüstenei – zumindest imaginär? Das Geheimnis wird von den Nibelungen-Festspielen nicht gerade enträtselt, sondern ein regelrechtes Verwirrspiel gezeigt. Tonnenweise Sand liegt vor der Westfassade des Kaiserdomes zu Worms. Es gibt Spektakel satt, Kulissen-, Licht- und Kostümzauber und allerhand Ungereimtheiten, inklusive unfreiwilliger oder kalkulierter Komik. Der Titel heißt "Glut", Untertitel "Siegfried von Arabien".

Kulturgastspiel mit Sprengstoff im Gepräck

Aus der Not, dass man nicht Jahr für Jahr in Worms Friedrich Hebbels Intrigen- und Mord-Melodram spielen kann, versuchen die Festspiele, eine Tugend zu machen. Eine neue Staffel musste her. Bereits im vergangenen Jahr präsentierte Autor Albert Ostermaier mit GOLD das Rezept: Er ließ den mythischen Blutrausch im realen Wahnsinn einer Filmproduktion abspulen. Das klappte trotz gelegentlicher Langatmigkeit ganz gut. Intrigenspiel, Sex-Gier und Meucheln der Rivalen gehören schließlich auch zum Film-Business.

GLUT 560 David Baltzer uIm Wormser Wüstensand © David Baltzer

Nun also gibt es einen Agenten-Thriller mit gleichen Ingredienzien. Ostermaier hat die Rahmenhandlung weiter weg verlegt – nach einer historischen Begebenheit: Im Ersten Weltkrieg zieht der Wanderzirkus "Notung" mit der Bagdad-Bahn gen Arabien. Vorgeblich sollen die Wüstensöhne an deutscher Kultur genesen. Auf dem Programm steht die Nibelungen-Saga. In Wahrheit hat die deutsche Spielschar Sprengstoff und Waffen im Gepäck und will die Orientalen gegen die Tommies aufhetzen. Die Terroristen im Namen des deutschen Kaisers sollen britische Ölleitungen sprengen. Die Schauspieler sind in Wahrheit ein Stoßtrupp in Feindesland. So lässt sich ein buntes Feuerwerk der optisch aufgeputzten Freilichtszenen abbrennen.

Ein Antikriegsstück mit Krawumm

Nur dumm, dass die romanische Domarchitektur der Illusion eines orientalischen Abenteuers immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Impresario Nico Hoffmann hat das Kunststück der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wieder Regisseur Nuran David Calis anvertraut. Dem ist das ähnliche Konzept im Vorjahr bei "GOLD" gelungen. Allerdings lässt sich die Nibelungen-Story nicht unendlich überdehnen. Die Masche Spiel im Spiel funktioniert nur einmal. Auch wenn Calis opulente Bilder produziert und die Ungereimtheiten und Absurditäten des Nibelungen-Stoffs in reichlich Selbstironie verpackt, wird die ganze Produktion zur Farce. Vermutlich weiß der Regisseur das und gibt dem Affen reichlich Zucker.

Calis Glut 2 David Baltzer 560 uFiktiver Film im Stück auf der Bühne: Lady Adler (Valerie Koch) mit ihrem Kameramann Tim Kuhr © David Baltzer

Zu allem Überfluss ist man um Political Correctness geradezu verzweifelt bemüht, will aus der ganzen Chose so etwas wie ein Anti-Kriegsstück machen und in einem Aufwasch die Ursachen des aktuellen Islamismus erklären. Der gute Sultan klagt Franzosen, Engländer, Russen und auch die Deutschen an, nur auf Öl, Land und Herrschaft aus zu sein: lange Monologe, die zusätzlich in Nahaufnahme per Video gezeigt werden – die alte Unsitte, mit parallel zum Geschehen vorgeführten Video-Bildern auf Großleinwand die Szene zu doppeln. Beeindruckend gelingt das nur bei David Bennent mit seinem variantenreichem Mienenspiel.

Ein Hauch von Bayreuth

Da darf auch Richard Wagner nicht fehlen. Zum ersten Mal wird bei den Nibelungen-Festspielen gesungen. Sopran Nadja Michael als Walküre und Tenor Bassem Alkhouri machen die Show mit Partien aus dem "Ring des Nibelungen" streckenweise zum Musical.
Sommertheater im Freien, noch dazu vor imposanter Kulisse, da ist das Publikum nicht zu kritisch. Es ist dankbar, wenn es gut unterhalten wird. Allerdings gelingt Regisseur Calis nicht einmal das. Das ist eigentlich der größte Vorwurf, den man ihm machen muss. In Worms sollte man sich gründlich überlegen, wie es weitergehen kann. Mit Nibelungen-Asche, die zur "Glut" hochstilisiert wird, haben die Festspiele keine Zukunft.

 

Glut - Siegfried von Arabien
von Albert Ostermaier
Uraufführung
Regie: Nuran David Calis
Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Amelie von Bülow und Carina von Bülow-Conradi
Mit: Haio von Stetten, David Bennent, Oscar Ortega Sanchez, Ismail Deniz, Waldemar Kobus, Valerie Koch, Georgius Tisvanoglou, Till Wonka, Alexandra Kamp, Oliver Möller, Sascha Göpel, Memet Kurtulus, Dennenesch Zounde, Cem Lukas Yeginer, Ismail Deniz, Tim Kuhr, Gesang: Nadja Michael und Bassem Alkhouri.
Aufführungsdauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.nibelungenfestspiele.de

 

Kritikenrundschau

"Ostermaiers Geschichtsbimmelbahn bleibt irgendwo zwischen Bagdad und Stambul im Sand stecken: Materialermüdung durch Überlastbetrieb", schreibt Martin Halter in der FAZ (7.8.2017). Was an Pathos, Prunk und politisch korrekten Zaunpfählen aufgeboten werde, sei einfach zu viel, zu wirr, zu hanebüchen und humorlos.

"Im Theater regiert die Sage die historischen Fakten und erzeugt ihre eigene Wahrheit. Dank Ostermaiers Autorengeschick sind beide Ebenen so gut miteinander verwoben, dass man kaum störende Nähte wahrnimmt." In der Textform laufe das Stück rund, anders auf der Bühne. Nuran David Calis gelinge es nicht immer, Ordnung und Spannung in dem figurenreichen Geschehen aufrechtzuerhalten, schreibt Eckhard Fuhr in der Welt (5.8.2017).

Eine "so interessante wie anstrengende Theaterfahrt mit dem Orientexpress" erlebte Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (7.8.2017). "Kleins Hasardeur-Nummer mit dem Nibelungenstoff zu einer Art Agententhriller zu verknüpfen, ist eine originelle Idee, klug gedacht, aber Albert Ostermaier will zu viel. Will vor allem ganz unbedingt sophisticated sein." Sein Wüstenzug sei so schwer beladen mit Doppel- und Tarnexistenzen, mit Anspielungen, Monologen, Metaphern und Zitaten, dass es zwischendurch zu Verwirrungen im Gleisbereich komme.

"Ein Stück, das so verschwurbelt daherkommt und mit so viel Personal so wenig erzählt, hält die 'Glut', die es angeblich entfachen will, von vornherein auf Sparflamme", so Christian Gampert im Deutschlandfunk (5.8.2017). Dazu kämen noch die "Ostermaier-üblichen Pathetiken und schiefen Sprachbilder". Der deutsche Agententrupp, der nur zu Tarnzwecken eine Theatergruppe sein darf, bringe das Problem des Abends auf den Punkt: "Theater als Tarnung ist nicht genug."

Roland Müller von der Stuttgarter Zeitung (6.8.2017) schreibt: "Mechanisch arbeitet Ostermaier seinen Plan ab, mit großem Recherchefleiß, aber doch ohne jene Inspiration, die über das Naheliegende und Vorhersehbare hinausreichen würde. Dschihad und Kalifat, deutsche Schäferhunde und deutsche Großmannsucht, Träume und Alpträume, ein bisschen Schiller und – natürlich – viel Wagner, dazu der schwule Lawrence von Arabien und so weiter." All das rühre er zu einem unbekömmlichen Kolportage- und Phrasenbrei zusammen, den auch die aufwändige, mit Videoschikanen arbeitende Uraufführung von Nuran David Calis nicht retten könne.

 
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