Kurzer Prozess

von Shirin Sojitrawalla

Darmstadt, 31. Mai 2008. 200 Jahre ist her, dass Goethe höchstselbst am Herzoglichen Hoftheater in Weimar die Uraufführung von Kleists "Krug" verpatzte. In drei Akte zerlegt floppte die Inszenierung damals ordentlich. Heute gehört das Stück zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen, auch weil die Verse des Lustspiels nichts von ihrer Kraft eingebüßt haben. Der Regisseur Hermann Schein schickt zum Jubiläum einen zunächst ungewöhnlich elegant wirkenden Adam an die Bühnenrampe. Andreas Manz gibt ihn als Grandseigneur, der sich freilich zusehends in ein hysterisches Nervenbündel verwandelt. Zu Anfang jedoch herrscht im Kleinen Haus Vogelgezwitscher-Seligkeit. Dorfrichter Adam tritt selbstgefällig vor den Vorhang und beißt entspannt wie siegessicher in einen Apfel. Achtung Sündenfall!

Das Saallicht bleibt erst einmal an, und auch Schreiber Licht (Stefan Schuster) steht schon parat. Erst als die Magd in Holzschuhen angeklappert kommt, kann es dunkel werden und die Provinzjustizposse beginnt. Die Bühne ist an drei Seiten von Sitzbänken umstellt, in der Mitte steht auf zusammengeschobenen Paletten ein Baum, an dem ein einsamer roter Apfel baumelt.

Dem Letzten ist jetzt klar, dass Adam nicht ohne Grund so heißt, wie er heißt. Doch bis er vertrieben wird, dauert es noch eine turbulente Verhandlung lang. Gerichtsrat Walter (Matthias Kleinert) hat sich bekanntlich angesagt, um nach dem Rechten zu sehen. Während es sich Richter Adam auf einem Gartenstuhl halbwegs bequem macht, sitzt er gut gepolstert im Ledersessel. Über die Zuschauereingänge kommen Kläger und Angeklagte herein, allen voran natürlich Marthe Rull, die lautstark ihren zerbrochenen Krug beklagt.

Eve als Luder

Sonja Mustoff spielt sie als patente Kriegerin in eigener Sache, die sich nicht so leicht unterbuttern lässt. Ihre Tochter Eve allerdings sieht diesmal so ganz anders aus, als man sie gemeinhin kennt. Mit knallroten Strümpfen, Lippen und Nägeln wirkt sie selbstbewusst und forsch, agiert aggressiv und vorpreschend. Sie ist keineswegs das verhuschte Mädel, das nicht weiß, wie ihm geschieht, sondern eher ein erfahrenes Luder. Christina Kühnreich als Eve schreit ihren Text vornehmlich in wenig aparter Tonhöhe, was weder den Versen noch der Figurenzeichnung zum Vorteil gereicht.

Es wird überhaupt verdammt viel geschrien an diesem Abend. Die Aufregung ist groß, und einer der schönsten Augenblicke ist denn auch ein stiller, wenn nämlich Adam und Walter die Verhandlungspause für eine Zigarette nutzen. Einträchtig stehen sie dann nebeneinander, vereint in Recht und Ordnung, blasen blauen Rauch in die Luft und denken sich ihre kleine Welt zurecht.

Noch immer entfaltet Adam seinen einmalig ungeschickten Verlierercharme,  und es ist schön, Manz dabei zuzusehen, wie er immer wieder dreist versucht, seinen blessierten Schädel aus der Schlinge zu ziehen. Die Zuschauer haben den Dorfrichter längst durchschaut und wissen ihn dennoch zu schätzen.

Justiz-Mühlen als mahlendes Mahnmal

Schein lässt den Einakter in nur eineinhalb Stunden abschnurren, wobei er sich ganz in die Obhut des gekürzten Textes begibt. Die Kleistschen Pointen erzielen ohnehin sichere Treffer, wenn auch die Schauspieler ihre Verse zuweilen artikulieren, als kauten sie Kieselsteine.

Zudem wird’s in Darmstadt trotz der Kürze des Abends zwischendurch auch ein bisschen fade. Da ist man dann direkt froh, dass auf einmal zahnradartige Gebilde aus dem Schnürboden sinken und hernach als mahlendes Mahnmal über den Köpfen der Akteure schweben. Die Mühlen der Justiz mahlen wohl langsam. Anders können wir uns das Bild jetzt nicht erklären. Auf jeden Fall hinterlassen die dekorativen Elemente einen hübsch modernen Eindruck.

Am Ende verteilt Walter dann noch Kugelschreiber und Autogramme an die Prozessteilnehmer. Wohl ein Hinweis auf unsere werbetechnisch versierte Gegenwart. Ansonsten geht der Gerichtstag seinen gewohnten Gang, die Inszenierung der Vielschichtigkeit des Stücks aber nicht recht auf den Grund.

 

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Inszenierung: Hermann Schein, Ausstattung: Stefan Heyne.
Mit: Matthias Kleinert, Christina Kühnreich, Andreas Manz, Tilman Meyn, Sonja Mustoff, Margit Schulte-Tigges, Stefan Schuster, Gerd K. Wölfle.

www.staatstheater-darmstadt.de

 

Mehr aus Darmstadt: Andrzej Worons Version von Mutter Courage vom April 2008 und Michael Helles Inszenierung von Hamlet aus dem Januar 2008.

 

 

Kritikenrundschau

Linde, Arme-Sünder-Holzbänke und ominöses Räderwerk – "schwer symbolhafte Bühnenideen" hat Sylvia Staude von der Frankfurter Rundschau (2.6.2008) in Hermann Scheins Darmstädter Inszenierung des Zerbrochnen Krugs gesehen. Geradeheraus wie Stefan Heynes Bühnenbild seien auch Scheins Inszenierungseinfälle: "eine dezente Trachten-Typen-Komödie" habe der Regisseur aus dem Kleistschen Lustspiel gemacht. Das Ganze sei "angenehm schnörkellos" und kippe nur zuletzt unnötigerweise ins Alberne.

Im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.6.2008) freut sich Matthias Bischoff, dass Kleists Meisterwerk "in neunzig durchweg amüsanten Minuten ... wie ein gut geöltes Spielwerk" vorüberschnurre, "nicht alle Darsteller kommen gleich gut mit dem Versmaß zurecht, doch die Pointen sitzen und werden nicht, wie so häufig in zeitgenössischen Klassikerinszenierungen, absichtsvoll weggeknödelt." Mit Andreas Manz habe diese Inszenierung "einen trefflichen Adam, der den Fall des gottgleichen Dorfrichters mit großer Komik, zugleich aber auch mit Gespür für dessen böse Charakterzüge gibt." Die Schauspieler agierten aber "immer dann etwas forciert, wenn es darum geht, klarzumachen, wie groß die Bereitschaft zu gegenseitigem Misstrauen in dieser Dorf- und Familiengemeinschaft ist und wie groß die Lust, sämtliche Konflikte unter Einsatz körperlicher Gewalt zu lösen." Für die tiefere Bedeutung hinter dem Scherz müsse in Darmstadt vorwiegend das Bühnenbild herhalten, das aber "mit den sich vom Bühnenhimmel herabsenkenden Zahnrädern im letzten Drittel des Stücks dann doch arg platt" gerate.

Über "neunzig unterhaltsame Minuten" gelinge Hermann Scheins "Krug"-Inszenierung "eine hübsche Dramaturgie wechselnder Stimmungen", meint Johannes Breckner im Darmstädter Echo (2.6.): "Die Dialoge sind lückenlos ineinander verzahnt, das Tempo stimmt, die Pointen kommen auf den Punkt. Das ist nicht unbedingt aufregend, aber auch nicht einfallslos. Schein gelingt eine präzise, das Interesse fesselnde Wiedergabe dieser Spielpartitur. Dann aber zieht der Regisseur die Schraube an, macht Tempo, lässt die Emotionen für Augenblicke explodieren und schafft dann doch wieder einen träumerischen Augenblick, in dem die Menschen zu erkennen scheinen, dass hier mehr verhandelt wird als eine Sachbeschädigung oder auch eine Frage verlorener Ehre." Andreas Manz als Adam porträtiere "keine unsympathische Figur": er sei ein "Komödiant, der die eigene Komödie genießt."

   

 
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