In die Wildnis

von Jens Fischer

Hannover, 31. August 2017. Sie lebt in den surrealen Welten des Mythos. Fühlt überlebensgroß, ist betörend unfassbar in ihrem Tun und Lassen. Zum Furchteinflößen ungeheuerlich. Opfert das Leben der Liebe, ihren Vater der eigenen Freiheitslust und ihre Heimat einem Mann, der das nicht wert ist. Er betrügt, verlässt, verbannt sie. Medea öffnet die Pandorabüchse kreatürlicher Wut, ruft "Entsetzliches gestaltet sich in mir" – und tötet ihre Kinder, den Gatten und seine neue Flamme. Zumindest in der Dramatisierung des Euripides. Franz Grillparzer ist Sympathisant der Legendin und daher zurückhaltender mit den Morden. Er will zeigen, wie sie wurde, was sie ist, versucht den Menschen Medea psychologisch zu erklären. Tom Kühnel nun will zur Saisoneröffnung am Schauspiel Hannover dasselbe – nutzt aber andere Mittel und versucht den Mördermuttermythos Medea zu analysieren, indem er die Titelrolle dreifach besetzt.

Sie ist Zauberin und Königstochter weit, weit weg in Kolchis. Grillparzers Trilogie setzt dort ein, als das Goldene Vlies gerade seinen Besitzer wechselt. Kühnels Inszenierung folgt nicht des Autors antikisierendem Blick auf das Unbekannte, sondern bastelt ethnografische Archaik-Klischees zusammen. Die Kolcher sind eine Volkstanzgruppe – kostümiert in einer Mischung aus Schwarzwaldmädel, Derwisch, bulgarischem Frauenchor. Auf einem monoton geklöppelten Rhythmus vollführt das Ensemble aus der Hüfte heraus abgezirkelte Oberkörperdrehungen, reißt die Arme empor, stampft und schnalzt. Donnert im Takt Dreschflegel auf die Bühne. Biegt die Körper auch mal zurück und feiert stöhnend gen Bühnenhimmel gerichtete Stöße der Schöße. Wenn wer spricht, dann kein poesiewilliges Kunst-, sondern Stummeldeutsch – womit Grillparzer wohl den rassistischen Blick seiner Zeit auf das Fremde wiedergibt. Medea (Vanessa Loibl) ist in dieser ritualisierten Darbietung ein unauffällig holdes Mädchen.

Kolonialismus damals und heute

Teil 2 – die Argo schippert smart arrogante Sneaker-Jungs aus unserer kapitalistischen Jetztzeit herbei. Wie Kühnel im Programmheft mit Bezug auf Mircea Eliade darlegt, knallen nun die Kulturen des Heiligen und des Profanen aufeinander. Was die sakrale Seins- und Denkweise der Kolcher elementar ausmacht, kann er aber nirgendwo vermitteln. Dafür umso deutlicher, dass Jason & Co. goldgeile, ruhmsüchtige Kolonisatoren sind – also höchst profan. Kühnel übersetzt den griechischen Mythos ins Popuniversum. Die Tonspur von Disneys "Pocahontas"-Film wird eingespielt, und in Playbacktheater-Manier erklärt einer der Jasons, das Land ausbeuten und selbst reich werden, nebenher der Ureinwohnerschaft der gemalten Natur-Idylle noch ein bisschen Zivilisation beibringen und eine Indianerin verführen zu wollen. Das wird dann alles noch einmal mit Grillparzers Worten dargeboten. Dessen Szene ist verblüffend ähnlich. Nur fallen nicht Cowboys in die Indianerwelt ein, sondern Griechen in Kolchis, das sie Wildnis nennen. In Hannover sieht es weiterhin aus wie ein Völkerkundemuseum, in dem die Einheimischen wie ausgestopft herumstehen.

Medea1 560 KatrinRibbe uDas Goldene Vlies als Schaf – Mathias Max Herrmann, Vanessa Loibl, Rainer Frank, Sebastian Weiss,
Katja Gaudard © Katrin Ribbe

Bis Jason seiner Medea (mittlerweile Carolin Haupt) die Erfindung der romantischen Liebe aufdrängt. Seine Wortschwärmerei wird zwar parodistisch, aber auch als emotionale Vergewaltigung gespielt. Warum die bis dahin eiskalte, stocksteife Angeschwärmte plötzlich "Ich bin dein" sagt, so individualisiert mit ihrer Herkunft bricht und den Griechenbuben anspringt, ihn küssend zum Schweigen bringt – all das bleibt ein Rätsel. Eben – ein Mythos. Noch schnell das Vlies klauen und ab.

Die wahren Opfer

Finale. Als Schutzflehende hat sich das binationale Paar in Korinth eingerichtet, Medea ist über die Maßen angepasst. Und damit reizlos geworden für Jason. Spielformen-Collageur Kühnel hat sich für das laut tobende Eheelend eine endlose Trunkenheitsnummer ausgedacht – als wäre es ein Stück von Tennessee Williams. Schnell muss die zweite Medea, die hilflos Verlassene, ausgewechselt werden: Für sie kommt die Rächerin ins Spiel (Katja Gaudard). Sie tritt auf als Maria Callas. Auch so eine Frau, bei der vor lauter Mythos der Mensch kaum kenntlich ist. Gaudard/Callas versteckt sich einerseits hinter all den Zuschreibungen ihrer Umwelt, vereint andererseits gegensätzliche Gefühle und Energien, um kaltheißblütig die wilde Größe und panische Identitätssuche ihrer Figur zu offenbaren. Sie ist gebrochen, aber nicht zerbrochen; abgekämpft, aber sie kämpft. Um ihren Nachwuchs.

Medea2 560 KatrinRibbe uMedea-Ablöse: Vanessa Loibl, Katja Gaudard © Katrin Ribbe

Dass die Kinder die wahrlich tragischen Opfer des Geschlechter- und Lebenspartnerkrieges sind, dafür nimmt sich Kühnel viel Zeit. Ohne dann die Mörderin zu verurteilen. Im Gegenteil. Erst als sie hört, dass ihre Kinder zu Helden erzogen werden, Kriege führen, rauben und morden und Jasons Egoismus weiter in die Welt tragen sollen, beschließt Medea, als Mutter ihre Schöpfung zurückzunehmen. Sie zieht mit den Kolleginnen die Kostüme der Volkstanzgruppe wieder an und wird das, was sie war – Abbild der Barbarin. Dem Skandalon Medea ist man so zwar nicht auf die Spur gekommen, es ist aber mal wieder anspielungsreich und bunt bebildert worden.

 

Medea
nach Franz Grillparzer und anderen
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musikalische Leitung: Tomek Kolczynski, Dramaturgie: Judith Gerstenberg.
Mit: Katja Gaudard, Carolin Haupt, Vanessa Loibl, Philippe Goos, Mathias Max Herrmann, Rainer Frank, Dennis Pörtner, Sebastian Weiss, Pippa Ashton-Ribbe, Eva Kirsten, Lina Hüllmandel, Julia Peschel.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Ronald Meyer-Arlt beschreibt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (2.9.2017): Regisseur Tom Kühnel, der unter "dem Titel „Medea“ die ganze Geschichte vom goldenen Vlies (und dazu noch die von Pocahontas
und von Maria Callas) erzählt", brauche drei Stunden dafür. Am Ende folgten die Zuschauer "fast atemlos" der Geschichte. Im Verlauf komme das Drama "in unserer Zeit" an, es sei "ganz nah bei uns". Jemand "hat die Liebe verloren, jemand kämpft um die Liebe. Jemand wird jemandem sehr weh tun." Wie Carolin Haupt zusammen mit "dem großartigen Philippe Goos" das Ende einer "einst große Liebe" spiele – "das trifft und rührt an". Mit seinen "klugen Überschreibungen und Mythos-Zugaben" bringe Kühnel die "Geschichte zum Leuchten". "Was für ein schöner Spielzeitauftakt."

Stefan Gohlisch in der Hannoverschen Neuen Presse (2.9.2017) findet: schon das das Bühnenbild von Jo Schramm sei ein "kleines Wunder". Ein Vorhang aus Spiegeln, "geschaffen, sich darin zu erkennen und sich darin zu verlieren". Kühnel sehe "Medea" als "zeitlosen Stoff", der einen Blick auf den "Kreislauf von Werden und Vergehen" gestatte, als "Zerrspiegel und Abbild unserer Zeit". Nicht zuletzt erzähle die Inszenierung davon, dass "es nur tödlich enden kann, wenn man dem Fremden in Feindschaft begegnet". Diese "Medea" sei nicht nur ein "intellektueller Genuss", sondern vor allem auch "ein sinnlicher". Nicht zuletzt wegen eines "grandios aufgelegten Ensembles". Wenn Kühnel "seine Ideen zum Tanzen" bringe und mit "Bedeutung" verzahne, stelle sich "ein Zauber" ein.

 

 
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