Prädikat wertvoll

von Hartmut Krug

Stendal, 2. September 2017. Alles beginnt mit einer Erklärung: Ein Schauspieler steigt aus der Kulisse ins Scheinwerferlicht und liefert Informationen, was vor dem Geschehen in der "Antigone" passierte. Zwar ist das Stück als abendländisches Kulturgut Klassiker und Schulstoff, doch vorausgesetzt werden kann wohl die Kenntnis des Hintergrunds des Geschehens nicht. Während üblicherweise bei Antigone-Inszenierungen das schlimme Schicksal der Labdakiden, der von einem Fluch getroffenen Herrscherfamilie Thebens mit ihrer Abfolge von Schuld und Unheil, im Programmheft erläutert wird, verkündet man sie im Theater der Altmark direkt von der Bühne.

Dabei gibt der Darsteller gleich Stil und Haltung der Inszenierung des Intendanten Alexander Netschajew vor: Er spricht fast nüchtern, jedenfalls ohne jedes aufgesetzte Bedeutungspathos. Auf der von einfachen Holzwänden strukturierten, zeitlos wirkenden, offenen Bühne mit ihrem kleinen Podest stehen die Darsteller dann und liefern bei ihren Auftritten ihre Texte wie gestaltete Nummern ab. Es herrscht eine angenehme, ja, fast Nüchternheit, im Spiel.

Antigone 62 560 Kerstin Jana Kater uDie Bühne von Mark Späth. V.l.n.r.: Angelika Hofstetter (Chor), Jochen Gehle (Kreon), Andreas Müller (Chor), Simone Fulir (Ismene) und Caroline Pischel (Antigone) © Kerstin Jana Kater

Dabei gestaltet dennoch jeder seine Texte so, dass die Unterschiedlichkeit der Figurencharaktere deutlich wird. Stets  werden Haltungen aus der Sprache heraus entwickelt. Was insgesamt anfangs etwas zu einfach wirkt, sich nicht als ergreifend darstellt, nicht wuchtig in Spiel und Haltung ist, sondern eher einer Nacherzählung gleicht, – sich aber im Fortlauf des Spiels als Qualität erweist. Wie zum Beispiel Carsten Faseler als Wächter seine Berichte beim König abliefert, indem er Sprache zugleich als Mitteilungs- wie als Selbsterkenntnis- oder Darstellungsmedium entwickelt, ist ein Beispiel dafür, dass die Inszenierung, indem sie einfach nacherzählt, überzeugen kann. Während der ruhige, nachdenkliche Jochen Gehle als Kreon Sprache gelegentlich zu sehr zelebriert.

Oft untermalt atmosphärische Musik das Geschehen im Denkraum der Inszenierung, und gelegentlich sollen Videos mit Autos oder Menschengetümmel zeigen, dass wir auch im Heute sind. Sonst gibt es keine "Regieeinfälle", und auch der  gelegentliche Ausbruch eines Schauspielers in die ersten, leer und wirr herumstehenden Parkettreihen wäre nicht nötig.

Antigone 1 560 Kerstin Jana Kater xKostüme von Sofia Mazzoni. V.l.n.r.: Jochen Gehle (Kreon), Andreas Müller (Chor), Carsten Faseler (Wächter), Angelika Hofstetter (Chor) © Kerstin Jana Kater

Intendant Netschajew hat die Spielzeit unter den Begriff "wertvoll" gestellt: Mit dem Stück von Sophokles, in dem sich Antigone vergeblich mit sittlicher, individueller Macht gegen die Macht des Staates zu behaupten sucht, zielt er auch auf eine Untersuchung heutiger gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Was allerdings zu allgemein und vage bleibt, – da steckt im Text doch mehr, auch über die Rolle von Frauen. Das Schicksal von Antigones beiden Brüdern, die beim Kampf gegeneinander um die Macht im Staat fallen, worauf König Kreon gebietet, den einen der beiden, der die Stadt angegriffen hatte, unbeerdigt und den Tieren zum Fraß liegen zu lassen, wird von Sophokles auf mehreren Ebenen als Material für eine Auseinandersetzung über gesellschaftliche und individuelle Macht genutzt.

"Barbarische Belustigung"

Bei Netschajew erscheinen die Schwestern Antigone und Ismene, trotz unterschiedlicher Haltungen, gleichermaßen verständlich. Simone Fulir gibt ihrer Ismene, einer Figur, die sonst mit ihrer Weigerung, ihrer Schwester Antigone in deren Übertretung des königlichen Verbotes zu folgen, meist als ängstliches Hoffräulein gezeigt wird, ein starkes eigenes Profil. Während Caroline Pischel, neu im Ensemble, die Titelfigur nur solide und allzu konventionell aufrührerisch gibt. Der Chor der fünfzehn thebanischen Stadtältesten umfasst in Stendal nur zwei weißgekalkte Personen, die allerdings leider allzu sehr auf darstellerische Pointen zielen.

Insgesamt hätte Brecht, der sich im "Kleinen Organon" gegen "das Schmarotzen an den seelischen Waschungen des Sophokles" und gegen die einfühlende, "barbarische Belustigung" aussprach, seine Vorwürfe kaum gegen die leicht unterkühlte Stendaler Inszenierung richten können. Aber auch Hegel, der die Antigone als "das vortrefflichste, befriedigendste Kunstwerk" bezeichnete, würde dies mit Blick auf Stendal nicht sagen.
Doch insgesamt ist dem Theater der Altmark in Stendal eine beachtliche, durchaus auch unterhaltsame Inszenierung gelungen.

 

Antigone
Tragödie des Sophokles aus dem Griechischen von Alfred S. Kessler
Regie: Alexander Netschajew, Bühne: Mark Späth, Kostüme: Sofia Mazzoni, Video: Max Kupfer, Dramaturgie: Cordula Jung
Mit: Caroline Pischel, Jochen Gehle, Simone Fulir, Dimitrij Breuer, Carsten Faseler, Hannes Liebmann, Angelika Hofstetter, Andreas Müller.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.tda-stendal.com

 

Kritikenrundschau

Birgit Tyllack schreibt auf Volksstimme.de, der Internetplattform der Magdeburger Volksstimme (4.9.2017): Regisseur Netschajew lasse Kreon erzählen, was die Götter seiner Familie über die Jahre hinweg angetan hätten, sollten "solche Götter wirklich über das Gesetz gestellt werden"? Diese Frage fasse das Dilemma Kreons zusammen und mache deutlich, "dass er nicht gänzlich unrecht hatte". Und Antigone auch "nicht ganz recht". In Stendal sei der Stoff "spannend und eindrucksvoll umgesetzt" worden. Das Publikum werde "in den Bann gezogen". Die Inszenierung setze auf "die ursprüngliche Wortgewalt". Von den Darstellern "wirkungsvoll umgesetzt". Die junge Schauspielerin Caroline Pischel habe mit ihrer Antigone einen "fulminanten Einstieg am Theater der Altmark". Netschajew lasse dem Zuschauer viel Raum, "eigene Interpretationen anzustellen". Das sei "wohltuend".

Ulrich Hammer schreibt in der Altmark Zeitung (4.9.2017), "eindrucksvoll" wirkten die "szenischen Arrangements im direkten Gegenüber von Antigone und Kreon in der großen Auseinandersetzung um Recht oder Unrecht nach ihrer Tat." Andererseits werde die Unüberbrückbarkeit klar in "bühnenweit auseinanderklaffenden Gegensätzen der Standpunkte". Der "minutenlange Schlussapplaus" bestätige Regie und ensemble die "klare Position der Interpretation". Für "Gesetz und was es sein soll, braucht es Stimme und Gegenstimme".

 

 
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