Selbstzweifel einer schönen Frau

von Kornelius Friz

Naumburg, 8. September 2017. Uta tritt aus einer der vier Silhouetten, die aus einer Spanplatte ausgesägt sind. Auf die Platte ist ein Wald aufgedruckt, ein deutscher Eichenwald, durch dessen Blätter in Sepiatönen die Sonnenstrahlen fallen. "Alles gut, ich sehe ja gut aus", sagt Uta: "...noch!" Und damit hat die mittelalterliche Protagonistin, dargestellt von Marie Nasemann, den Inhalt der Inszenierung auch schon abgesteckt. Der Plan ihres Gatten Ekkehard, seine eigene Sterblichkeit durch den Bau eines Doms auszusetzen, dient nur als Rahmenhandlung für die Selbstbespiegelung der ebenso klugen wie schönen Uta.

Steinernder Mythos

"Ich, Uta" heißt das Stück über die Markgräfin Uta von Ballenstedt, das im neuen Naumburger Turbinenhaus uraufgeführt wird. Als steinerne Figur ist Uta auch im Naumburger Dom zu sehen, von wo aus sie zu globalem und, so scheint es, auch ewigem Ruhm gekommen ist. Zur Ikone wurde die Figur nicht erst im Nationalsozialismus, als sie zur archetypisch reinen, vermeintlich urdeutschen Frauenfigur stilisiert wurde. Der Text "Ich, Uta" des Berliner Autors Thomas B. Hoffmann wurde ausgewählt, die Geschichten, die sich um Uta ranken, mit der Gegenwart zu verweben. Schließlich läuft zur Zeit wieder einmal ein Antrag, den Naumburger Dom zum Unesco-Welterbe zu machen, da kann es nicht schaden, die berühmteste der Stifterfiguren in Erinnerung zu rufen. Ich Uta 1 560 TorstenBiel TheaterNaumburg xSelbstzweifelnd im Zopfmuster-Pullover: "Ich Uta" mit Marie Nasemann als Markgräfin Uta
© Torsten Biel

Neben Ekkehard und Uta treten noch die weiteren Stifterfiguren Regelindis (Patricia Windhab) und Hermann (Peter Wagner) auf, eine ins Groteske verzerrte Spiegelung des ersten Ehepaars. Er gibt, stimmlich gewaltig, den dämlichen Lulatsch, markiert durch Hawaiihemd, zerzauste Haare und Schnauzbart. Sie ist die lebenslustige Plaudertasche, die schon vormittags beginnt, Piccolos zu süffeln und nur eine Sorge hat: dass man sie für zu dick halten könnte.

Warten auf das Kriegsende

"Uta – Universal, Total, Allumfassend", beschreibt Ekkehard seine Gattin begeistert. Sie ist sich hingegen sicher, dass er gar nicht sie liebt, sondern nur ihre Schönheit, vor allem aber sich selbst. "Uta beschäftigt sich seit einiger Zeit nur noch mit Eigen- und Fremdwahrnehmung", nölt Ekkehard angesichts einer Ehefrau, die mehr will, als zuhause darauf zu warten, dass ihr Gatte aus dem Krieg zurückkehrt: "Ja, und dazwischen liegen manchmal Abgründe!", kontert Uta.

In der zweiten Hälfte der Inszenierung, die adligen Herren sind längst betrunken, tun sich tatsächlich Abgründe auf: Anstatt Stereotype aufzuspießen, bleiben die Figuren in engen, kalauernden Dialogmustern verhaftet, die bemüht sind, die Realität abzubilden. So klopft Regelindis Sprüche, wie sie auch auf Messingschildern stehen, die im Naumburger Altstadt Kö-Pi zwischen Dom und dem kürzlich mit dem Theaterpreis des Bundes ausgezeichneten Stadttheater über dem Tresen hängen: "Da will man das ganze Haus putzen und was passiert? Man hat keine Lust!"

Chips, Popcorn und Sektflaschen

Dem Autor ist das Kunststück gelungen, eine historische Figur in unsere Gegenwart zu setzen und mit alltäglichen Sorgen und Konflikten auszustatten, ohne dass diese aus der Zeit gefallen oder allzu konstruiert daherkommt. In der Inszenierung des Naumburger Intendanten Stefan Neugebauer schießt das Stück jedoch über das Ziel der Gegenwärtigkeit hinaus, und das nicht nur beim bunten Kostüm oder den Massen an Chips, Popcorn und anderen Süßigkeiten: Wenn der Feldherr Ekkehard genervt ist von der "political correctness", zahllose Klischees herunterleiert und dafür plädiert, dass wir "wieder zu unseren Vorurteilen stehen" sollten, dann liegt nahe, welchen realen Vorbildern dieses eindimensionale Abziehbild eines Herrschers nachempfunden ist.

Ich Uta 2 560 TorstenBiel TheaterNaumburg x Mit Massen von Popcorn auf der Bühne © Dejan Patic

Marie Nasemann, die neben Peter Wagner für diese Uraufführung in Naumburg gastiert, stellt hingegen eine hochgeschlossene Edle dar, die als Einzige ihre Sorgen nach außen kehrt: Die ständigen Selbstzweifel wirken allerdings arg pubertär, und das obwohl Nasemann in ihrem Strickpullover mit Zopfmuster die biederste und leider auch steifste Figur abgibt. Vor ihrer Ausbildung zur Schauspielerin belegte die damals zwanzigjährige Nasemann den dritten Platz bei Germany's Next Topmodel.

Auf Momente fixiert

Es klingt wie ein Treppenwitz, dass ein Model besetzt wird, eine Frauenfigur darzustellen, die seit Jahrhunderten als Projektionsfläche dient, und dabei eher hausfraulich, denn ikonenhaft auftritt. Ihre Handlungen bleiben oftmals auf halbem Wege stecken, ganz so, als würde man nur ein Foto betrachten, das ihre Geste in einem Moment fixiert.

Uta ist zur Passivität verdammt: als Ehefrau, als Steinstatue im Westchor des Naumburger Doms und eben auch als Theaterfigur. Sie scheitert an den schweren Steinen, mit denen sie ihre Silhouette verschließen, ihr eigenes Spiegelbild aussperren will. Woran es bei der Inszenierung liegt, ist schwer zu sagen, doch auch die verendet auf halber Strecke.

Ich, Uta
von Thomas B. Hoffmann
Uraufführung
Regie: Stefan Neugebauer, Ausstattung: Rainer Holzapfel.
Mit: Tom Baldauf, Marie Nasemann, Peter Wagner, Patricia Windhab.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theater-naumburg.de

 

Kritikenrundschau

"Das hat Witz, das hat Tiefgang, das ist gut spielbar", lobt Wolfgang Schilling Hoffmanns Stück im MDR (9.9.2017). "Das ist ein Stück, das was zu sagen und zu erzählen hat." Regisseur Stefan Neugebauer konzentriere sich ganz auf die Grundlagen des Theaters: Text, Raum und Schauspieler. Dieser Minimalismus funktioniere wunderbar. "Marie Nasemann erspielt es sich, der Mittelpunkt des Abends zu sein." Wolfgang Schilling sah aber auch eine "große Ensembleleistung am kleinsten Stadttheater Deutschlands".

"Thomas B. Hoffmann hat einen ebenso intelligent gebauten wie flott geschriebenen Text vorgelegt", schreibt Albrecht Günther im Naumburger Tageblatt (12.9.2017). In ihm agiere mit Uta und dem nach Macht und Protz strebenden Macho Ekkehard ein Paar, das ebenso wenig zueinander finde wie der trottelige Hermann und die den schönen Dingen des Lebens zugewandte Reglindis. Marie Nasemann agiere als Uta souverän. "Wo es notwendig ist, kühl, dann wieder - vor allem in den Dialogen mit Reglindis - mit erfrischender Lebendigkeit. Am stärksten jedoch sind jene Momente, in denen sie die Uta zweifeln lässt, in denen diese auf der Suche nach dem eigenen Ich ist." Fazit: Insgesamt gehe das Spiel auf, weil Regisseur Stefan Neugebauer den Akteuren Raum lasse, sie nicht einenge und immer straff an der Leine der Handlung halte.

 

 
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