Odysseus auf der Balkanroute

von Veronika Krenn

Wien, 8. September 2017. Die Windräder stehen still. Kein Lüftchen kräuselt das Wasser, in dem ein paar zersprengte Griechen sich die Füße kühlen, während sie auf die Meeresoberfläche stieren. Grillen zirpen, Odysseus, knietief im Wasser, lässt seine Muskeln spielen. Federnd sprintet er, das Nass unter den Sandalen verdrängend, an die Bühnenrampe, schüttelt lässig die Tropfen von seiner Neopren-Leggings. "Licht" schreit er ins Publikum und es ward hell.

Knietief im Wasser

Odysseus - Sebastian Pass mit an die Brust tätowierten Orden – berichtet dem Publikum in amikalem Ton von Menelaos und seiner von Paris geraubten Frau Helena. Diese soll, um die Ehre aller Griechen wiederherzustellen, im Krieg zurückerobert werden. Aber die Kriegstreiber sitzen fest, kein Wind regt sich, der die Schiffe zu den Feinden tragen könnte. Feldherr Agamemnon (Rainer Galke) sticht, mit Sorgenfalten im Gesicht, auf hohen Plateauschuhen ins Wasser, er setzt aus Papier gefaltete kleine Schiffchen hinein, die sich aber bloß im Kreise drehen.

Iphigenie OccidentExpress 5 Badora 560 www.lupispuma.comVolkstheater uAlles unter Wasser im ersten Teil von Anna Badoras Inszenierung am Volkstheater Wien 
© Lupi Spuma

Im zweiten Teil des Abends wird Regisseurin Anna Badora mit Stefano Massinis Stück "Occident Express", nach dem schon vollzogenen Krieg einsetzen, für den man im ersten Teil in den Startlöchern steht. Dann wird eine Odyssee durch eine siebenköpfige Gruppe erzählt, in der die Figuren nun variabel voneinander die Erzählstränge aufgreifen. Im Zentrum steht Haifa, eine alte Frau aus Mossul, die mit ihrer vierjährigen Enkelin auf andere Flüchtende trifft. Sie alle flüchten aus dem Irak und gelangen über zahllose Hürden bis Stockholm, auf der sogenannten Balkanroute. Gespielt wird Haifa von der großartigen Henriette Thimig, die schon im ersten Teil in "Iphigenie in Aulis" den "Alten" gibt. Es handelt es sich dabei um einen Boten, der Agamemnons Plan, seine Tochter statt zu vermählen für den Krieg zu opfern, an dessen Frau Klytaimnestra verrät.

Brandreden flehen um Rettung

Anna Badora inszeniert den ersten Teil des zweiteiligen Theaterabends mit feinem komödiantischen Einschlag und Autor Soeren Voima bestückte die antike Tragödie mit neuen Chorpassagen für einen singenden und rappenden Mädchenchor. Die Mädchen sind Teenies in durchsichtigen blauen Rüschenkleidchen, die in Netz-Kniestrümpfen heftig pubertieren, pseudo-revoltieren und den Kriegshelden Achilleus anhimmeln. Kostümbildnerin Irina Bartels lässt Agamemnon und seinen Bruder Menelaos Brustpanzer anlegen. Im Streit schlagen sich die beiden mit nassen Handtüchern, denn Agamemnon reut sein Versprechen bitter, seine Tochter für seines Bruder Frau Helena zu opfern.

Iphigenie OccidentExpress 3 Badora 560 www.lupispuma.comVolkstheater uSebastian Pass als Odysseus, Anja Herden als Klytaimnestra, die für die Rettung ihrer Tochter
später auf dem Boden kriecht © Lupi Spuma

Agamemnos Frau, eine elektrisierend von Anja Herden gespielte Klytaimnestra, deren untrüglichen Instinkt dieser zurecht fürchtet, erscheint in staatstragendem Pomp. In ihrem roten Kleid, mit langer Schleppe, tritt sie durch den Publikumsbereich ins Rampenlicht, dem schaulustigen Pöbel im Zuschauerraum winkt sie gönnerhaft zu. Diensteifrig tragen die Chormädchen die rote Schleppe hinter ihr her. In roten High-Heels durchschifft sie das Wasser auf der Bühne, hält feurige, starke Reden und zögert dabei keine Sekunde, für die Rettung ihrer Tochter vor Achilleus auf dem Boden zu kriechen. Ihrem Mann liefert sie eine Brandrede. Iphigenie, in silbrig-weißem Kleid und mit rotzig auftoupiertem Haar, gerät bei Katharina Klar zur der ihr ebenbürtigen Tochter, die alle erdenklichen Emotionen aufbietet, ihren Vater umzustimmen. Bis sie mit jedem Schritt und jedem Wort vor den Augen des Publikums die Schwelle vom Teenie zur zu früh Gereiften überschreitet und ihr Leben selbstbestimmt für die Sache gibt.

Von Stockholm träumen

Während im ersten Teil von Anna Badoras Inszenierung der beiden Stücke der Pöbel nach Opfern und Krieg dürstet, fliehen in "Occident Express" versprengte Figuren aus dem vorigen Stück nun vor dem Krieg. "Abgerüstet" in Bademänteln, eine Maus im Glaskäfig wird vor einer Kamera platziert und ihr Bild, mit Timecode versehen, auf einen Bildschirm geworfen.

Iphigenie OccidentExpress 4 Badora 560 www.lupispuma.comVolkstheater uWind und Handtücher pfeifen um die Ohren © Lupi Spuma

Emsig arbeitet das Tier, während auf der Bühne die Schauspieler*innen sich in Rollen einfinden und diese wieder verlassen. Sich bis auf die Unterwäsche entkleiden, wie Schafe blöken und einen Hirten mit seinen Söhnen zeigen, der sich auf den Weg zur türkischen Grenze macht. Die in einen schmalen Plexiglascontainer steigen, in dem sie sich dicht aneinander drängen, die Wangen an die Scheiben, bis von oben eine dunkle Masse über sie rinnt. Sie träumen von Berlin und von Stockholm, tauschen Fluchttipps aus, besteigen die Drehbühne wie Züge, auf die sie aufspringen müssen. Sie steigen in die Rollen von Schleppern und Geschleppten, bilden Allianzen, verzweifeln, schöpfen Hoffnung und verzweifeln erneut.

Zur Sesshaftigkeit verdammt

Ein Kontinuum der beiden Stücke ist, neben den Darstellern, auch der Chor der Mädchen, der von Achilleus und Iphigenie singt, von der Jungfrau und dem Krieger, während der Wind ihnen um die Ohren pfeift. Den Beginn und den Schluss von Massinis "Occident Express" bildet die Geschichte von Haifa, der alten, weißhaarige Frau, deren Schwester ihr sagte: "Haifa, du bist zur Sesshaftigkeit geboren." Was Haifa damals bejahte und worüber sie heute lachen muss.

Eine antike Tragödie, mit Elementen des Komischen drapiert, die vom herandräuenden Krieg erzählt, in Kombination mit einer Tragödie des dritten Jahrtausends – dem Massenexodus als Folge von kriegerischer Gewalt - funktioniert über weite Strecken doch überraschend gut. Beide Stücke entfalten ihre volle Wirkung aber erst nach anfänglichen Unschärfen.

Iphigenie in Aulis / Occident Express
von Euripides/Soerem Voima / Stefano Massini
Regie: Anna Badora, Bühne: Damian Hitz, Kostüme: Irina Bartels, Musik: Klaus von Heydenaber, Choreografie: Jasmin Avissar, Licht: Paul Grilji, Dramaturgie: Anita Augustin.
Mit: Rainer Galke, Anja Herden, Lukas Holzhausen, Katharina Klar, Sebastian Pass, Henriette Thimig, Jan Thümer, Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren Sophia Streich, Simon Stadler-Lamisch/Nikolaus Baumgartner.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at/

Kritikenrundschau

"Es ist kein geringer dramaturgischer Schachzug, diese beiden Texte zusammenzuführen, sie ineinander zu spiegeln, die Kriegsgier mit den Kriegsfolgen zu konfrontieren. Die Überlegung zeigt, dass das Volkstheater nach Eigenem sucht und es auch kreiert, anstelle gehypte Texte nachzuspielen", bemerkt Margarete Affenzeller im Standard (11.9.2017). Jedoch: "Als Stücktandem bleibt ein jedes für sich, sie werden lediglich addiert." Am Ende stelle sich ein, womit Anna Badora doch eigentlich nichts zu tun haben wolle: "Flüchtlingsfolklore".

"Es ist zwar ein kühner Versuch, diesen Bogen zu schlagen, Gemeinsames erschließt sich nur in Spurenelementen, aber der Abend mit dem Doppeldrama funktioniert tatsächlich. Die Direktorin hat diesmal eindeutig den besten Start von ihren bisher drei Saisonen in Wien erwischt", schreibt Norbert Mayer von der Presse (9.9.2017). "Der Tragödie des Euripides werden sowohl das nötige Pathos als auch der entscheidende Schuss Ironie versetzt, die Fluchtgeschichte bewegt sich hart an der Grenze zum Sozialkitsch, aber das ist zweitrangig, denn es wird atemlos, mit einfachen Mitteln, eine spannende Geschichte erzählt."

Der wachsende Kriegswahn der Vorlage werde hier einleuchtend verschärft und verstärkt, goutiert Michael Laages im Deutschlandfunk (9.9.2017). "Leider aber rutscht der Rest der Antike stark ab in eine mal mehr, mal minder schrille Familien-Saga." Anna Badoras dramaturgische 'Idee' für den Zusammenhalt des strukturell ziemlich wackligen Abends trage nicht wirklich.

 

 
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