Hausmeister-Hack

von Falk Schreiber

Hamburg, 15. September 2017. Nacht. Eine Tür knarrt, ein Wasserhahn tropft, jemand schnarcht. Und ein Huhn gackert. Das Huhn ist ein Problem. Alte Regel: Sobald ein lebendes Tier auf der Bühne steht, ist das Publikum unkonzentriert, achtet nur noch darauf, was das Tier so anstellt. Es spricht jedenfalls für Karin Beiers Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus, dass man sich nach einer Weile vom Federvieh losreißt und schaut, was die Handlung von "Tartare Noir" so hergibt.

Where's the beef?

Beier beherrscht Ensembletableaus, die Beobachtung von Menschenmengen in Wohnmaschinen, das weiß man seit ihrer Kölner Inszenierung von Ettore Scolas Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen, 2010 am Schauspiel Köln, von der eine direkte Linie zu "Tartare Noir" führt. Schauplatz ist ein Mietshaus, das Johannes Schütz als zusammenbrechende Puppenstube gestaltet hat. In einer postapokalyptischen Welt ist die Lebensmittelversorgung zusammengebrochen: Fleisch lässt sich praktisch keines mehr bekommen, weswegen der Schlachter im Erdgeschoss regelmäßig neue Hausmeister einstellt, die nach einer kurzen Eingewöhnungsphase zu Hack verarbeitet werden.

TartareNoir 560a ThomasAurin uZusammenbrechende Puppenstube: Johannes Schütz' postapokalyptische Bühne © Thomas Aurin

Der Stoff stammt von Thomas Peckett Prest, einem heute weitgehend vergessenen britischen Autor von Groschenromanen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter anderem lieferte er die Basis für den 1991er-Film "Delicatessen" von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro. Jeunet und Caro werden übrigens am Schauspielhaus nicht erwähnt, was überrascht, weil sich Beier in der ersten Hälfte des Abends ziemlich dicht an den Film anlehnt, zumal "Delicatessen"-Hauptdarsteller Dominique Pinon optisch stark an Lars Rudolph erinnert, der in Hamburg das Schlachtopfer Edgar spielt.

Ekel, Horror, Gelächter

Sei es drum, jedenfalls taucht Edgar in der Hausgemeinschaft auf (Rudolph ist eine kluge Besetzungsidee, weil er als einziger Hauptdarsteller nicht zum engeren Schauspielhaus-Umfeld zählt, also auch selbst ein Eindringling ist), lernt die Mitbewohner kennen, freundet sich zart mit der verhuschten Edith (Angelika Richter) an, verursacht ein mittleres Chaos in der zerfallenden Wohnung des Ehepaares Dipp (Yorck Dippe als unterschwellig gefährlicher Spießer, Ute Hannig im grotesken Fatsuit) und freut sich auf das vom jovial-brutalen Schlachter (Ernst Stötzner) angekündigte Grillfest. Dieser Stoff funktioniert als Aneinanderreihung von drastischen Grand-Guignol-Miniaturen, bleibt aber weitgehend an der Oberfläche.

Immerhin ist "Tartare Noir", nach Schiff der Träume und Hysteria – Gespenster der Freiheit, der Abschluss von Beiers Trilogie einer zerfallenden, zunehmenden paranoiden Gesellschaft, und gerade wenn man diese Produktion mit der politischen Schärfe der Vorgänger vergleicht, stellt sich ein gewisses Gefühl der Relevanzarmut ein. "Where's the beef?" fragt man sich, und zumindest in der ersten Hälfte des Abends muss man befürchten, dass dieser tatsächlich nur im trivialen "Die einen bekommen Filet, und die anderen kriegen nicht einmal einen Knochen" besteht, mit dem Edith das blutige Geschehen kommentiert. Damit man bei solch billiger Kritik an gesellschaftlicher Ungerechtigkeit nicht abwinkt, braucht es schon eine große Menge Ekel, Horror und Gelächter. Die die Inszenierung dann auch brav liefert. Gelinde unbefriedigt bleibt man trotzdem.

Peinlichkeit, auf die Spitze getrieben

Nach der Pause immerhin besinnt sich Beier, dass ein funktionierender Schocker noch keinen rundum gelungenen Abend hergibt. Und bremst das Funktionieren radikal aus: Edith und Edgar sitzen gefesselt im Kühlraum und starren panisch auf das Grauen, das sich vor ihnen ausbreitet, unter anderem als Kochshow mit Publikumsanimation, als Predigt, als Choreografie und als läppisches Geplantsche auf der nach und nach vollständig gefluteten Bühne. Was nicht einmal in Ansätzen zusammenpasst. Sowas muss man sich auch erstmal trauen: einen als Schenkelklopfer gut reinlaufenden Abend so richtig gegen die Wand zu fahren, nacheinander dem Stück, dem Publikum und der Interpretation den Mittelfinger zu zeigen.

TartareNoir 560 ThomasAurin uDer Schlachter (Ernst Stötzner) bei der Arbeit mit Sachiko Hara und Jan-Peter Kampwirth
© Thomas Aurin

Verzweifelt versucht man, sich aus dem Mix aus Gore und Slapstick eine Deutung zu ziehen: Geht es hier um das Für und Wider von Fleischkonsum? Geht es um die Gentrifizierung des Wohnungsmarktes, wo man seinen Körper verkauft, um ein Dach über dem Kopf zu finanzieren? Nein, das ist alles zu einfach, und es ist nicht unsympathisch, dass die Inszenierung selbst nicht glaubt, dieser Welt als Schlachthaus eine klare Deutung entlocken zu können.

"Ich gebe zu, ich habe Fleischeslust", singt Angelika Richter einmal mit dünner Stimme. "Ich bin mir dieser Peinlichkeit absolut bewusst", das ist so schlecht, man möchte der Darstellerin die Ukulele entreißen, nur damit sie sich selbst nicht länger demütigt. Aber Richter singt weiter, es ist peinlich, aber es ist auch eine starke Darstellerinnenleistung, die Peinlichkeit auszuhalten. Auch Regisseurin Beier ist die Peinlichkeit von "Tartare Noir" bewusst. Aber es nötigt einem Respekt ab, dass sie diese Peinlichkeit auf die Spitze treibt und nicht bei der harmlosen Empörung "Der Schlachter ist ein Verbrecher, er verkauft uns Menschenfleisch!" des ersten Teils stehenbleibt. Gerade weil die als Theater stimmig war und einen sogar das Bühnenhuhn vergessen ließ.

 

Tartare Noir
Eine Groteske nach Motiven von Thomas Peckett Prest
Regie: Karin Beier, Bühne und Kostüme: Johannes Schütz, Kostüm-Mitarbeit: Astrid Klein, Musik: Jörg Gollasch, Geräusche: Peter Sandmann, Licht: Annette ter Meulen, Video: Antje Haubenreisser, Peter Stein, Dramaturgie: Christian Tschirner.
Mit: Till Beckmann, Paul Behren, Yorck Dippe, Ute Hannig, Sachiko Hara, Jan-Peter Kampwirth, Angelika Richter, Lars Rudolph, Sayouba Sigué, Ernst Stötzner, Kate Strong, Michael Wittenborn.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

Karin Beier entwickle diese Farce auf den Fleischkonsum als Horrorlein mit Blutekel und grotesken Verrenkungen, schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (19.9.2017). Doch "erschließt sich nicht recht, was einem dieses Abendmahl der Spaßgesellschaft wirklich sagen will." Ist es ein burlesker Ernährungsappell oder  ist das ganze Festmahl gemeint als große Metapher für die Schrecken der Welt? "Die Lust am schaurigen Thema führt zu einem langen Szenendarm, der recht unterhaltsam mit Einfällen gefüllt und dann zu Einzelnummern gedreht wird." Fazit. "Karin Beiers Schlussresümee fällt jedenfalls so aus: 'Der Mensch ist gut, Fleisch essen ist böse. Oder ist Fleisch essen gut, und der Mensch böse?' Vorhang. Mahlzeit."

"Warum nicht das Thema Kannibalismus, sagt Karin Beiers raffinierte Inszenierung einfach und lässt das Theater amüsant-ergreifend und herrlich verschwenderisch zeigen, was es kann: Direktheit der Emotionen, Gleichzeitigkeit von Ereignissen, Phantastereien live", findet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.9.2017). die Regisseurin habe keine Antworten, aber sie verbiete weder sich noch dem Publikum die Fragen. "Manchmal boulevardesk, meist makaber, dabei immer fulminant ausgestaltet, steckt sie kunstvoll wie konsequent das weite Feld des Menschseins ab: zwischen ekelhaft und lecker, zwischen Fressen und Gefressenwerden."

"Die situative Gleichzeitigkeit ist erst mal ganz hübsch anzusehen", so Katrin Ullmann in der taz (19.9.2017). Sind die Figuren auch schrill gezeichnet, "ereignet sich hin und wieder auch ein freundlicher Slapstick". Ähnlich wie in dem Film "Delicatessen" sei die Welt, die Karin Beier erzählt, marode und surreal. "Doch leider füllt die Regisseurin sie bald – und je später der Abend, desto bedeutungsschwerer – mit allerlei Inhalten." Beier nehme eine detailreiche Ausschmückung vor, "schrecklich, sinnfrei, unerträglich!"

"So wenig Appetitanregendes war selten zu erleben, und auch so wenig Überraschendes, Geheimnisvolles, Gruseliges", winkt Monika Nelissen in der Welt (18.9.2017) ab. Es gehe an diesem Abend um nicht "weniger als um den Untergang des Abendlandes, um Überbevölkerung, Selbstzerfleischungsprozesse, um das Fressen und Gefressenwerden. In moralisierenden bis platten Einschüben wird der Spaß an manchen Sequenzen, der durchaus bisweilen da ist, enorm gebremst."

Geistlos und albern sei "Tartare Noire", meint Michael Laages in Deutschlandfunk Kultur (16.9.2017), ein "nicht mal richtig kurzweiliger Abend voll von schrägem Schrott". Vernichtendes Fazit: "Es gab ja schon Flops in Karin Beiers tendenziell eher erfolgreicher Bilanz am Beginn des fünften Hamburger Jahres. Aber Schlimmeres als dieser Abend war noch nicht zu sehen."

Der Abend sei "Abgesang, eine wütende, beinahe hilflose Anklage gegen eine Gesellschaft, die sich selbst genug ist, die die eigenen Bedürfnisse über alles stellt und Moral lästig findet", vermeldet Katja Weise im NDR (16.7.2017) "Neue Erkenntnisse zur  gibt es keine. Der Text ist eher schwach, Karin Beier setzt vor allem auf Bilder und ihr mit viel Lust die grotesken Situationen auskostendes Ensemble. Aber letztlich kommt alles etwas dicke, und so wirkt diese Groteske selbst ein bisschen wie durch den Fleischwolf gedreht."

 

 
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