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Von der Suppenhaftigkeit der Dinge

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 29. September 2017. Haben die Theaterleute vorschnell kapituliert, indem sie Werner Schwabs Faust-Paraphrase nach der Uraufführung (1994 in Potsdam) und einer weiteren Produktion in Schwerin in seltener Eintracht links liegen ließen? 23 Jahre jedenfalls hat es seit der Uraufführung gedauert, bis "Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm" sich nun auch nach Österreich und dort in des Dichters Heimatstadt Graz durchgesprochen hat. Im Schauspielhaus steht das Stück zu Saisonauftakt auf dem Prüfstand.

Enthemmte Textflut

"Coverdrama“ hat Werner Schwab (1958 bis 1994) diesen "Faust" wie auch zwei weitere Stücke genannt ("Der reizende Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler" und "Troiluswahn und Cressidatheater"), in denen er Stoffe der Weltliteratur durch die Mangel drehte. "Die Leber steigt in den Ring zum Kampf empor", lässt Schwab den Mephisto sagen, und man denkt angesichts dieser enthemmt-kreativen Textflut mehrmals daran, dass diesem Sprachlüstling eine Alkoholvergiftung das Ende machte. Und man kann schwerlich übersehen, dass Werner Schwab in dem expressionistisch-exzessiven Konvolut aus selbstverliebter Wortschrauberei und Eigenzitaten als Mann Mitte dreißig schon in den eigenen posthumen Schrittspuren unterwegs war. In dem Sinn: "Wir verwünschen uns für einen guten ihrigen Tag, Herr Faust!"

FAUST Graz 3 560 Lupi Spuma uBlutsbrüder, bis die Leber platzt: Faust (Florian Köhler) und Mephisto (Benedikt Greiner)
© Lupi Spuma

Claudia Bauer hat in Graz Regie geführt und ein kleines, ambitioniertes Ensemble eingeschworen auf diese urwüchsig konstruierte Faust-Apokalypse. Dieser Faust verzweifelt nicht nur an Erkenntnis, sondern an allem und jedem querfeldein. In der letzten Szene wird er als hilflos armefuchtelnder Greis erscheinen: "Wir sind des Lebens und des Todes müde, wir wollen bloß noch Spaß" – ein Finale im Kreise einer morbiden Tischgesellschaft, die lachhaft wirkt in ihrer, wie es so schön heißt, "Suppenhaftigkeit" (das hätte Thomas Bernhard einfallen können). Sie skandieren noch einmal den Sprechchor des Eingangs: "Philosophie – Megalomanie – Hypochondrie – Geriatrie". Vergeblich zetert der alte Faust: "Fuge!" Die Welt ist offensichtlich weniger komplex, als er sich das vorgestellt hat.

Ein paar Figuren, wie aus der Folklore entsprungen, haben einen Thespiskarren auf die Bühne gezogen. Als Videoprojektion (Livekamera) sehen wir den selbstzerstörerischen Faust im Inneren. Die Leutlein, die nach und nach zu Mitspielern werden, zu Wagner und Mephisto, zu Gretchen, Frau Marthe und zu Valentin, kommentieren und provozieren, einzeln und als Chor.

Im wahnvollen Studierzimmergehirn

Regisseurin Claudia Bauer nimmt Schwab so ernst wie nur möglich, und das ist urkomisch genug im Einzelnen. Die Souffleuse darf die szenischen Anweisungen vorlesen. Die Protagonisten erfüllen diese stets beinahe passgenau und dadurch parodistisch. Einmal wird die Souffleuse sogar Opfer des lüsternen Faust, wogegen er Gretchen gleich mal an Mephisto abtritt und sich nicht selbst abgibt mit der emanzipierten jungen Dame. Dieser Faust steht meist über den Dingen, selbst Mephisto ist ihm nicht viel mehr als eine Spielpuppe.

Im Prinzip spielt Schwabs Faust sowieso in dessen Kopf, verräumlicht in der Studierstube. Video bringt das Innenleben dieses "wahnvollen Studierzimmergehirns" nach draußen, wohin dann aber doch auch die Figuren purzeln, sodass wir auch genug Skurriles, im besseren Fall offenkundig Hintersinniges live zu sehen bekommen. Besonders krass in der apokalyptischen Walpurgisnachtszene. Julia Gräfner erledigt als Frau Marthe den Famulus Wagner (Fredrik Jan Hofmann) ebenso wie den Popanz Valentin (Raphael Muff), Henriette Blumenau kann ihre Zähne zeigen, nicht nur wenn "alle Telefonnummern schamlos besetzt" sind. Sie ist ja eine ganz Emanziperte. Benedikt Greiner als Mephisto: eine Kunstfigur direkt aus den Gedanken Fausts.

FAUST Graz 1 560 Lupi Spuma uAlle Nummern schamlos besetzt: Faust-Tour mit Benedikt Greiner, Florian Köhler und Henriette Blumenau © Lupi Spuma

Die Regisseurin kommt vom Puppentheater her, entsprechend hergerichtet sind die Personen der Handlung. Und wie sie sprechen! Schwab hat ja eine ganze Ebene gebundener, musikalisierter Sprache eingezogen. An der Uraufführung wirkten die Einstürzenden Neubauten mit. Ein nicht unwichtiger Satz bei Schwab ist einem derer Songs entnommen: "Gott hat sich erschossen. Ein Dachgeschoß wird ausgebaut."

Florian Köhler ist Faust, ein gar nicht unsympathischer Charismatiker. Natürlich ist er selbst der "Geist, der stets verneint" und der ganz richtig argwöhnt: "Womöglich hält mein Geist sich keinen Hund." Der verquere Kopf ist des Pudels Kern, und das ist möglicherweise Crux und Faszinosum dieses Theatertexts gleichermaßen. Von Schwabs Wortschwällen fühlt man sich zwar über weite Strecken ertränkt, und doch finden sich immer wieder Formulierungs-Inseln voller hellsichtiger, nach bald einem Vierteljahrhundert immer noch und gerade jetzt aktueller, treffsicherer Gedanken. Vielleicht also doch ein zu Unrecht vernachlässigtes Stück.

Zuletzt wird der alte Faust, mit faltiger weißer Maske, rührend hilflos nach Suppe rufen. Das Fressen kommt nach gescheiterter Moral und anderen Unannehmlichkeiten. "Schönheit...", japst er, "... Ästhetik war schon schwer genug..."

 

Faust :: Mein Brustkorb : Mein Helm
von Werner Schwab
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Dirk Thiele, Video: OchoReSotto, Musik & Sounddesign: Peer Baierlein, Licht: Viktor Fellegi, Dramaturgie: Elisabeth Geyer.
Mit: Henriette Blumenau, Julia Gräfner, Benedikt Greiner, Fredrik Jan Hofmann, Florian Köhler, Raphael Muff.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau

Claudia Bauer lasse das Ungetüm-Stück immer vom Sinn her verständlich 'ersprechen', schreibt Thomas Trenkler im Kurier (2.10.2017). Raffiniert gehe sie zudem mit den fantasievollen Regieanweisungen um. "Ensemble und Technik folgen mitunter den erfüllbaren Wünschen, mitunter setzen sie sich mit viel Witz über diese hinweg."

"Fäkal-brachiale Wortwucht" donnere zwei Stunden auf das Publikum nieder, so Elisabeth Willgruber-Spitz in der Kleinen Zeitung (1.10.2017). Claudia Bauer nutze originelle Schmähs für lockeren Wind in der sprachverschraubten Dekonstruktion und verleihe dem "im Sprachwolf zermalmten Stoff" schaulustige Spanung. Ironie überspitze den Hohn des Grazer Genies auf die verkommene Menschheit.

Margarete Affenzeller schreibt im Wiener Standard (online 4.10.2017): Claudia Bauer inszeniere stilsicher "Faustens postapokalyptischem Albtraum", sie entwickle "den Abend radikal aus der Sprache und deren schneidenden Rhythmen". Das wirke maschinell (und manchmal auch ein wenig leer), doch das sei ganz im Sinne des Erfinders. Am Ende mache sich "Surrealismus breit: Bilder vom deformierten Dasein, das letztlich zu nichts Besserem taugt als zum Konsum". Eine "bittere wie heitere Pointe dieser fabelhaften Schwab-Wachküssung".

Es verwundere nicht, dass dieser komplexe, sperrige Text bisher so selten auf die Bühne fand, schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (6.10.2017). "Umso erstaunlicher, wie unkompliziert, transparent und, ja, unterhaltsam das Stück in Graz daherkommt." Claudia Bauer habe mit dem Ensemble ganz offensichtlich sehr genau am Text gearbeitet, "und das ist hier schon die halbe Miete." Fazit: "Werner Schwab (…) ist nicht veraltet. Wie lebendig seine Texte noch sind, beweist diese Aufführung, die auch eine Botschaft für andere Theater transportiert: Man kann Schwab spielen, wenn man's kann."