Traurig, aber sexy

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt am Main, 29. September 2017. In Zeiten des Utopieverlustes blühen die Dystopien wie giftige Pilze im Wald. Und so folgt auch auf dem Theater ein Weltuntergang auf den nächsten. Die Dramatikerin Laura Naumann schreibt jetzt die ganze Welt in Schutt und Asche. Gleich zu Beginn stehen ihre sich aus den einzelnen Textflächen heraus schälenden Figuren, hier eine alleinerziehende Mutter dreier Kinder, dort ein engagierter Bürger, am offenen Grab. "Traurig, aber sexy" tragen sie die Welt zu Grabe und müssen sich auch sonst keine Illusionen mehr machen.

Laura Naumann beschwört in ihrem für das Schauspiel Frankfurt geschriebenen sprachlustigen und -mächtigen Stück frech das Ende aller Sicherheiten und versieht das Ganze mit dem unerschrocken märchenhaften Titel "Das hässliche Universum". Darin zeichnet sie das Bild einer Gesellschaft, die den täglichen Überdruss mit routiniertem Tatendrang abhaken möchte. Es ist ein apokalyptischer Weckruf, der Frischs Brandstifter wie Waisenknaben aussehen lässt, zelebriert Naumann doch einen wahren Weltenbrand, der auf der Bühne der Frankfurter Kammerspiele allerdings eher als Rauchfeuer daherkommt.

HaesslichesU2 560 JessicaSchaefer uAuf der Suche nach dem Glück im falschen Leben. Sarah Grunert, Torsten Flassig, Uwe Zerwer, Luana Velis, Katharina Linder © Jessica Schäfer

Regisseurin Julia Hölscher verlebendigt die im Stück angedeuteten Figuren, indem sie die Stimmen auf die Schauspieler*innen Torsten Flassig, Sarah Grunert, Katharina Linder, Luana Velis und Uwe Zerwer verteilt und sie immer wieder anders inszeniert beziehunsgweise arrangiert. So erinnern die fünf mal an Sektenmitglieder, mal an eine Herde Tiere, mal an kasernierte Traumatiker, mal an gewöhnliche Glückssucher. Zu Anfang kommen die Stimmen der Schauspieler vom Band. Als Friedhofsgesellschaft agieren sie wie ein Gespensterballett.

Theoretisch ein guter Kniff, um die vage Figurenbildung und die lebenden Toten des Stücks vorzuführen. Auf der Bühne verfängt das nicht so recht, der Schauwert ist gering, die Untergangsstimmung tendiert in Richtung angestrengt-manieriert. Das wird dann schnell erstaunlich fad. Hinzu kommt, dass der Abend zu Beginn regelrecht zumusiziert wird, wozu dann die Texte so bedeutungsschwer aus den Boxen tönen, dass ihnen jedwede poetische Leichtigkeit abhanden kommt. Im Verlauf des Abends finden die Spieler dann immer mehr in ihre Stimmen, bis sie am Ende richtig sprechen, wobei nicht deutlich wird, warum sie das auf einmal machen und vorher nicht.

HaesslichesU1 560 JessicaSchaefer uAuf dem Pfad der Dämmerung: Torsten Flassig, Katharina Linder, Uwe Zerwer, Luana Velis
© Jessica Schäfer

Doch der Abend gewinnt, je näher das Weltenende kommt. Bestechend die Idee, die geheimnisvolle Rosa in Form eines Bretts wie eine himmlische Versuchung von links in die Bühne schieben zu lassen. Mal locken knallrote Kaugummis, die auf die rätselhaften Kaugummiautomaten im Text verweisen, mal eine Schachtel Zündhölzer, mit denen Rosa ihren Vernichtungsfeldzug in Gang setzt. Rosa ist die Hauptfigur des Stücks, gewissermaßen sein wunder Punkt, wobei sie womöglich, wenn nicht wahrscheinlich nur ein Hirngespinst und keine reale Person ist. Sie oder es verkörpert das utopische Moment, das über dem Stück schwebt wie eine dunkle Wolke.

Einem Geheimnis auf der Spur

Natürlich denkt Laura Naumann gar nicht daran, Rosas Geheimnis zu lüften. Und die Inszenierung tut gut daran, ihr darin zu folgen, wie bei der erwähnten Idee mit dem von Geisterhand betriebenen Brett. An anderer Stelle tritt Rosa dann als leibhaftiges, niedliches, ordentlich bezopftes, kleines Mädchen auf und sofort sinken ihre Zukunftsvisionen auf Der-kleine-Prinz-Niveau. Einen szenenapplauswürdigen Auftritt legt später Sarah Grunert mit ihrem pressweh gespielten destruktiven Nein-Monolog hin, wobei der im Text schärfer, lakonischer, gegenwärtiger daherkommt als in dieser sehr beherzt gespielten Nummer. Selbes gilt für die eine oder andere der von Naumann hübsch gedrehten Pointen.

"Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus", heißt es hier und da und auch in "Das hässliche Universum". Naumann setzt diesen Satz in ihrem Stück quasi in die Tat um. Störend wirkt in diesem Zusammenhang, dass sie den Eindruck erweckt, uns alle zu meinen, während die Inszenierung die Figuren aus ungeklärten Gründen irgendwann in so einen Abgehängten-Look aus Jogginghosen und Schlabberpullis drängt. "Wer ist wir?" wird ja gerade allenthalben gern und längst nicht nur an den Theatern gefragt. Nach diesem Abend in Frankfurt können wir jetzt guten Gewissens sagen: die anderen.

 

Das hässliche Universum
von Laura Naumann
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Susanne
Scheerer, Musik: Tobias Vethake, Dramaturgie: Ursula Thinnes
Mit: Torsten Flassig, Sarah Grunert, Katharina Linder, Luana Velis, Uwe Zerwer sowie Cosima Geadah/Aimèe Rose Geiger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Julia Hölschers Regie "entwickelt, wie das von Naumann wortreich entfachte Inferno zustande kommt", schreiben Michael Kluger und Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (2.10.2017). Aber erst als sich aus dem Totentanz fünf reale Menschen formten, komme "endlich etwas Schwung in die Inszenierung. Spät vielleicht, etwas eindimensional auch, denn die Fünf könnten als Klischeevorstellungen von frustrierten AfD-Wählern herhalten." Aber so ergebe der Start mit lebenden Toten und Stimmen aus einer anderen Welt "doch noch einen Sinn".

Die Inszenierung versuche den Text auf eine dräuende, unheimliche Stimmung zu betten, "weil sie kaum eine andere Wahl hat", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (2.10.2017). "Aber wenn man mal probeweise die Augen schließt (...), kann man sich 'Das hässliche Universum' doch eher als Hörspiel gut vorstellen." Denn "weit wie ein Scheunentor" öffne Naumanns Text sich "für alles, einfach alles, will mehr und immer mehr – aber offenbar noch radikaler als in früheren Stücken bloß keine Figuren und keine Dialoge".

"Die Uraufführung des Auftragswerks war schon deshalb ein Wagnis, weil es sich um die Zustandsbeschreibung einer Gegenwart handelt, die sich im Ungefähren verliert", schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (7.10.2017). Die Regisseurin Julia Hölscher zeige Naumanns "Angst- und Sorgenbündel als verängstigte Urhorde" – "der Text kommt lange Zeit aus dem Off, irgendwann wird auf der Bühne aber doch gesprochen, während die Schauspielerinnen und Schauspieler ausdauernd trippeln oder in Stummfilmposen verharren. Das geht in Richtung eines minimalistischen Gesamtkunstwerks."

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