logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

"Kannst aufhören, Denis, wir sind jetzt so weit"

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Oktober 2017. Sonntagabend im Leipziger Schauspielhaus. In der Kassenhalle werden farbige Bändchen verteilt, die aus einem Publikum drei machen. Drei Gruppen, drei Stationen. Los geht es – zunächst noch für alle gemeinsam – mit Live-Musik im Garderobenfoyer. Deutsch-Pop, klingt gut. Manche tanzen sofort mit, anderen ist ein leichter Zweifel ins Gesicht geschrieben, ob es wirklich richtig war, sich gegen den Tatort zu entscheiden. Es war richtig, das mal gleich vorab! "Gewonnene Illusionen" ist im Programm angekündigt als Auseinandersetzung mit der wachsenden Beliebtheit Leipzigs vor allem bei Jungen und Kreativen: Leipzig als "Hypezig".

gewonnene illusionen3 560 Rolf Arnold uLet me see you pop: Laura Landergott, Tim Gorinski © Rolf Arnold

Die blaue Gruppe geht zuerst ins Rangfoyer, da wird eine Talkshow gegeben. Auch die hat einen lustigen Namen, "Kultur im Elfenbeinturm", ist aber sonst nicht weiter der Rede wert. Sie parodiert ein bisschen das Genre und das Gockeln und Gackern der Gesprächsteilnehmer und spielt mit der Idee, dass der Balzac-Roman "Verlorene Illusionen" ausgerechnet in Leipzig verfilmt wird, sogar als Serie. Paris war den Produzenten zu teuer, Klein-Paris (das steht hier tatsächlich als Slogan auf einigen Taxis) war halt günstiger.

Die eingespielten Videos aus der angeblichen ZDF-Serie sind gut gemacht, wirklich, aber so richtig ins Konzept einsortieren lässt sich dieser erste Akt noch nicht. Als Gruppe Blau hofft man halt, dass es so nicht bleibt. Schlimmer muss es für die gelbe Gruppe gewesen sein, die hat nämlich zuerst etwas Großartiges gesehen und kann die Talkshow danach nur als heftigen Absturz empfunden haben. Beendet wird sie durch drei "anti-kapitalistische" Demonstrantinnen, die gegen den Ausverkauf der Stadt protestieren. Gespielt wirkt so etwas immer ein bisschen albern.

gewonnene illusionen2 560 Rolf Arnold uDirk Lange, Anna Rot, Andreas Herrmann, Julia Berke, nur Wolfgang Bosbach fehlt © Rolf Arnold

Zweite Station für Blau: die "Schöpfung" auf der Hinterbühne. Das Herzstück, der Höhepunkt des gesamten Abends. Im Grunde war dieser kluge, tiefsinnige und doch immer auch humorvolle Text von Jörg Albrecht in seiner zumindest anfangs sehr atmosphärischen Umsetzung (sagt man eigentlich schon ersan-mondtagesk?) alleine den Theaterbesuch wert. Drei Personen suchen einen Ausweg, könnte man auch sagen. Der Kosmos (Florian Steffens), die Polis (Julia Preuß) und der Hype (Denis Petkovic) denken darüber nach, was an der Schöpfung wann schiefgegangen ist. Sie schwanken zwischen Resignation und Utopie, zwischen Kapitalismuskritik und Ironie. Sie fangen beim Urschleim an, aus dem der Kosmos sich im wahrsten Sinn erhebt und landen im Zeitalter des Hypes, der aus dem Schnürboden herabschwebt und zu dem am Ende alle aufschauen. Obwohl die Illusionen, die er als gewonnene aufzählt, naturgemäß schnell als zukünftig verlorene zu erkennen sind.

Das scheint die Dialektik von copy&waste zu sein, dieser Theatertruppe, die nun schon zum zweiten Mal mit dem Leipziger Schauspiel kooperiert. Dieser "Schöpfung" zu folgen, ihrem Tiefsinn, ihren Gedankensprüngen und -ebenen, ihrem – sogar selbstironischen – Spaß am Postdramatischen, ist ein Genuss. Sogar dass man mitspielen muss, Händchen halten mit den Sitznachbarn und gemeinsam für eine bessere Schöpfung beten, passt erstaunlich selbstverständlich in diese Station.

Auftritt: Zirkusdirektor

Die dritte ernstzunehmende Station des Abends findet auf der Großen Bühne statt, nun wieder für alle Bändchenfarben zusammen. Ein scheinbar endloser Monolog eines Zirkusdirektors, fulminant vorgetragen und gespielt von Denis Petkovic. Ganz allein steht er vor dem Eisernen Vorhang und redet und redet, dass man es zunächst mit der Angst bekommt, wo das überhaupt hinführen soll. Aber wie er das macht, Chapeau, das fesselt den Saal. Und die großen Bögen vom Völkerschlachtdenkmal zum (ähnlich aussehenden) Voortrekkerdenkmal in Pretoria bis zum Eisernen Vorhang in Europa und den verlorenen Illusionen der Deutschen Vereinigung – sie schließen sich endlich zu einem faszinierenden Geschichtspanorama.

Wo das tatsächlich hinführt? Nirgendwohin. Es endet abrupt mit einem Mädchen, das ihm sagt: "Kannst aufhören, Denis, wir sind jetzt so weit." So geht das copy&waste-Spiel eben. Was das Mädchen meint, ist das Schlussbild der Inszenierung, das nun feierlich enthüllt wird: ein goldener Löwe (wegen Leipzig, gell?), vor einen Streitwagen gespannt. Er hat Speere im Rücken, sicher hat ihn der Hype erlegt. Rings herum posiert der Kinderchor (der seltsamerweise nicht singt). Aber was für ein Bild! Ein Sinnbild? Eine Hoffnung, dass die Illusionen doch Wahrheit werden? Wer weiß, wer weiß.

Kein Spektakel

Alles in allem bleiben die "Gewonnenen Illusionen" ziemlich diffus. Der Abend, für den das Leipziger Schauspiel einen unglaublichen Aufwand betrieben hat, zerfällt in fünf Einzelteile von extrem verschiedener Bauart und Qualität. Die drei erwähnten theatralen Akte, das – deutlich zu kurze – Konzert mit Laura Landergott zu Beginn, das am Ende sicher besser platziert gewesen wäre. Und schließlich das so genannte "Palais Royal", ein mit Kleinkunst angereicherter Nachbau einer Shopping Mall mit einem "Gebetsraum der Gentrifizierung" (in den immer nur eine Zuschauer*in reindurfte), einem Casino (in dem man Illusions-Aktien gewinnen konnte) mit echter Bar und falschem Tattoo-Studio ("Audrey Tattoo"). Das wiederum hätte einen wunderbaren Gesamtrahmen für den ganzen Abend abgegeben, statt es für alle Gruppen einzeln als Station einzuschieben.

Und nun? Viel erlebt, viel gesehen, vieles gemocht und doch ein wenig enttäuscht. Das hätte bestenfalls ein großes Theater-Spektakel werden können. Die Zutaten waren da, aber der Zusammenhang nicht zwingend.

 

Gewonnene Illusionen
von Jörg Albrecht
Eine Kooperation von Schauspiel Leipzig und copy&waste
Regie: Steffen Klewar, Koregie: Jörg Albrecht, Bühne: Silke Bauer, Kostüme: Elena Gaus, Video: Roman Hagenbrock, Stefan Ramírez Pérez. Live-Musik: Laura Landergott, Tim Gorinski. Dramaturgie: Matthias Huber, Clara Probst.
Mit: Laura Landergott, Tim Gorinski, Denis Petkovic, Florian Steffens, Julia Preuß, Andreas Herrmann, Anna Rot, Dirk Lange, Julia Berke, Thomas Braungardt, Carmen Orschinski, Teresa Martin, Petra Müller, Sarka Prusak, Miloslav Prusak, Gabriela Michaelis, Timo Fakhravar, Gabriela Hamm, Behruz Bajalani, Björn Wilda, Hartmut Neuber, Lars-Henrik Busch, Brian Völkner, Dana Koganova, Theresa Neumann, Henrike Schmidt, Kinderchor.
Dauer: 3 Stunden und 10 Minuten, keine Pause

www.copyandwaste.de
www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Viel Wert lege die Inszenierung auf eine "bunt ausgemalte Symptombeschreibung des Hypes", schreibt Dimo Riess in der Leipziger Volkszeitung (4.10.2017), "auf Ausblicke entlang der bekannten Entwicklungslinen vom Ausverkauf der stadt als Filmkulisse, bis zu hoffnungsfrohen Individuen, die als Luciens [eine Figur aus Honoré de Balzacs "Verlorene Illusionen" aus dem Paris der 1820er Jahre] des 21. Jahrhunderts als prekäre Ich-AGs landen". Lohnenswert werde die Inszenierung durch den "eindrücklichen Kontrast", wenn die "Hype-Symptome" gespiegelt würden im "ewigen Fluss der Dinge", in der Evolution. Wer das Glück habe vom "Talk in die Schöpfungsgeschichte und von dort in die Shopping Mall zu gelangen, erlebe einen "gelungenen dramaturgischen Spannungsbogen, wirkungsvollle Fallhöhen in einem handwerklich eindrucksvoll gebauten Abend". Beim Finale im großen Saal folge man "atemlos" Denis Petrovic' "atemlosen Monolog", auch wenn das "Wortgespinst" sich auf "verwirrende Pfade" begebe.

Helke Ellersiek schreibt auf taz.de (online 6.10.2017): "Gewonnene Illusionen"sei der zweite Teil der Reihe "Ceci n’est pas un Hype", die mit "Humor und Ironie" den Hype um Leipzig auf die Schippe nehme. Die "Elfenbeinturmbewohner" im Studio, das im Theater aufgebaut wurde, "schwadronieren selbstverliebt, streiten affektiert und machen Werbung – oder Antiwerbung – für Leipzig."