Im Vorwärtsgang

von Christian Muggenthaler

Ingolstadt, 6. Oktober 2017. Luchino Visconti hat im Jahr 1969 im Film "La caduta degli dei", der in Deutschland unter dem Titel "Die Verdammten" lief, die Geschichte einer Stahlmagnaten-Familie erzählt, deren endgültiger Sündenfall ihre Kooperation mit der Nazi-Diktatur geworden ist, gekoppelt mit brutalen innerfamiliären Intrigen, wagnerianisch hineinschliddernd ins Götterdämmerungshafte. Die Familie wurde "die Essenbecks" genannt, aber allen war klar: Gemeint waren eigentlich die Krupps. 1986 hat der Holländer Tom Blokdijk unter dem Titel "Der Fall der Götter" daraus ein Theaterstück erarbeitet, das jetzt Donald Berkenhoff, stellvertretender Intendant am Stadttheater Ingolstadt, zur Vorlage genommen hat für eine sehr dynamische Neujustierung, ja Neuverfilmung des Stoffs.

Diktaturwerdung im Zeitraffer

Berkenhoff bedient sich einer überzeugenden, belastbaren Grundidee, schaltet vom Rückwärts- in den Vorwärtsgang, von der Vergangenheit ins Futur: Die Essenbecks haben sich nicht mit einer Diktatur eingelassen, sondern sie lassen sich gegenwärtig mit antidemokratischen Tendenzen ein, die das Land alsbald in einen neuen Totalitarismus überführen werden. So entwirft man in Ingolstadt mal eben als Eröffnungspremiere die düstere Vision eines zukünftigen Deutschlands, die ausgestattet ist mit allen möglichen beunruhigenden Zeichen und Zitaten der Gegenwart. Passend zum erfreulich forschen Motto der neuen Spielzeit: "Wir sind das Volk."

FalldGoetter1 560 Jochen Klenk uEine Familien-, nein: Volksaufstellung © Jochen Klenk

Ebenso flott ist "Der Fall der Götter" in Ingolstadt bei seiner Kernaussage: Liebes Volk, die Dinge sind so schnell veränderbar, so schnell könnt ihr gar nicht schauen, also fangt mal lieber an, Demokratiefeindlichkeit schon als Pflänzchen zu erkennen, denn das wächst schnell hoch. Zum Beweis wird denn auch vor allem die erste Hälfte des Abends rasend schnell, unübersichtlich, verwackelt: weil so ein Blick in die Zukunft mit hübschen, runden, sanften Bildern eben nicht zu machen ist. Bis man wieder zum Schnaufen kommt, ist schon Diktatur – und keiner hat's so richtig bemerkt. Und weil die zackige Atemlosigkeit seiner Inszenierung Berkenhoff noch nicht reicht, kommt nun die feine Idee Nummero zwo ins Spiel: Das Stück wird wieder zum Film.

Parabelhaft

Ein Regisseur (Stefano di Budio) inszeniert und filmt alles Geschehen auf der Bühne, die Bilder werden live auf eine zentrale Leinwand projiziert, die das Bühnenbild beherrscht. Wir sind am Set und sehen zugleich das Dreh-Ergebnis. Da erhält die Kamera auf der Bühne gleich noch einen weiteren Sinn: Die Vision ist zwar ostentativ künstlich, wird aber durch ihre massive Bildwucht noch zudringlicher. Wird fette Parabel. Und dies Künstliche, Parabelhafte wird dadurch weiter unterstrichen, dass die Kostüme (von Andrea Fisser) zeitlos durch die Zeiten gehen, vom 70er-Jahre-Outfit über Barockkostüme bis zum schlussendlichen Steinzeitfell.

FalldGoetter2 560 Jochen Klenk uSandra Schreiber, Patrick Schlegel, Sebastian Witt, Enrico Spohn, Ingrid Cannonier, Nils Buchholz,
Stefano Di Buduo, Manuela Brugger © Jochen Klenk

Die nackte Gewalt, die der Wesenskern der entstehenden Diktatur ist, setzt sich im innerfamiliären Betrieb der Stahl- und Waffenfabrikanten fort. Schranken fallen, Mord wird zur legitimen machiavellistischen, macbeth'schen Lösung. Wahn bricht aus, es ist tatsächlich: Götterdämmerung. Es ist schlicht grandios, wie Enrico Spohn den Irrsinn seiner moralisch zerfledderten Figur Martin Essenbeck zur Grimasse verdichtet, wie Sascha Römisch sich in der Doppelrolle von Joachim Essenbeck und Friedrich Bruckmann in einer hinreißend komischen Szene als Mörder und zugleich Opfer praktisch selbst erschießt oder wie Sandra Schreiber in einem Augenblick von der russischen Prostituierten Olga zu deren missbrauchter Tochter Lisa mutiert. Das Studium der Zukunft schließt hohe Kunstfertigkeit ja nicht aus.

 

Der Fall der Götter
nach dem Film "La caduta degli dei – The damned" von Luchino Visconti
für die Bühne bearbeitet von Tom Blokdijk, deutsch von Monika The
Regie und Bühne: Donald Berkenhoff, Kostüme: Andrea Fisser, Video: Stefano di Buduo, Dramaturgie: Judith Werner.
Mit: Stefano di Buduo, Sascha Römisch, Ingrid Cannonier, Sebastian Witt, Patrick Schlegel, Nils Buchholz, Teresa Trauth, Sandra Schreiber, Manuela Brugger.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater.ingolstadt.de

 

Kritikenrundschau

"Theater am rasenden Puls der Zeit, Schwindelgefühle inklusive," schreibt Michael Heberling in der Augsburger Allgemeinen (9.10.2017). Die erste Premiere der neuen Spielzeit im Großen Haus biete ein Endzeit-Szenario, das aus Sicht dieses Kritikers erschreckend aktuelle Bezüge herstellt. Doch habe man es mit jenem "ausfransende(n), übergriffige(n) Inszenierungsstil" zu tun, in dem der Einschätzung des Kritikers zufolge aktuell "bevorzugt große zeitkritische Tableaus entworfen werden: Alles muss raus, rücksichtslos über die Rampe. Wir sehen ein Stück im Stück, alles ist Bühne, Umbauten und Kostümwechsel auf offener Szene, Regieanweisungen als Rollentext, Parolen, Parodien, manchmal Kabarett, Musik von Bach bis Laibach, Konserve und live." Das Kritikervazit am Ende: "Viele Angebote, keine Lösungen". Momente fesselnden, bewegenden Schauspiels sieht der Kritiker im Ingolstädter Götterfall zu selten.

"Donald Berkenhoff ist mit dieser Inszenierung ein scharfsinniger Kommentar zur Gegenwart gelungen", billanziert Anja Witzke im Donaukurier (9.10.2017) die Inszenierung. In einem großen, bunten Spektakel führe der Regisseur die Psychopathologie einer Familie vor: "Keimzelle und Spiegel der Gesellschaft. Jeder Krieg braucht Waffen. Hier werden sie produziert. Die politische Führung sucht sich willfährige Kandidaten aus der Vorstandsebene und sorgt dafür, dass Rivalen ausgeschaltet werden. Und diese Mechanik der Macht inszeniert Berkenhoff mit seinem unglaublich spielfreudigen Ensemble eindrucksvoll." Gesetzt werde auf permanente Überforderung – visuell und akustisch. "Als Zuschauer muss man wachsam sein, mitdenken, Zeichen erkennen: Ist das noch Demokratie – oder schon Diktatur?"

Donald Berkenhoffs wirke, als sei der Stoff "in einen neunzigminütigen Schleudergang geraten, an dessen Ende man sich verwundert die Augen reibt, was das Waschprogramm mit dem 'teuren Stück' angerichtet hat", schreibt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (10.10.2017) und meint das durchaus positiv. "Eine Bestandsaufnahme der Gegenwart mit Anleihen in der Geschichte, angesiedelt zwischen Clownerie und Tragödie, albern, wütend und bitterböse zugleich. Und mit einer gehörigen Portion Selbstironie versehen."

 

 
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