Das Mythos-Dings

von Christian Rakow

Jena, 13. Oktober 2017. Vor Bowling-Abenden in Jena ist unbedingt zu warnen! Da begibt sich im Eröffnungsfilmchen dieses Bühnenvergnügens eine Gruppe junger Menschen in eine verrauchte Lokalität, die ebenso gut an der Saale wie an der Route 66 stehen könnte. Und eigentlich wollen sie nur ein wenig kegeln. Aber die Trefferanzeige streikt, aufblinkt: "Prometheus".

Das Winken der Titanen

Schon kommt ein mysteriöser Typ daher, spricht Orakelhaftes und holt ein kleines Papp-Puppentheater hervor. Und schwuppdiwupp wandelt sich die Szene, der Videoscreen wird hochgerollt, und unsere vier Kegelfreunde stehen live auf der Bühne des Theaterhauses Jena in sperrigen Papprüstungen mit Aufschriften wie "Zeus" oder eben "Prometheus". Kostümbildnerin Henriette Müller hat gebastelt und geklebt. Bühnenbildner Florian Dietrich flankiert die göttlichen Recken mit noch mehr Heimwerkercharme: einem gezimmerten Baum, Ölfässern, einer grünen Gartenlaube. Alles so wackelig wie's geht.

Prometheus2 560 Joachim Dette uSattelfest mit Aischylos: Anna Grete Weber und Roger Bonjour  © Joachim Dette

In diesem Setting schustern sich die vier Wackeren, von denen wir annehmen müssen, dass es sich noch immer um die Kegel-Zeitgenossen des Intros handelt, munter "Prometheus" -Versatzstücke zusammen: Textfragmente nach Aischylos und Hesiod sowie eigene Paraphrasen über das Wirken des Titanen, der Zeus das Feuer stahl, es den Menschen brachte und dafür gräulich bestraft am Kaukasus litt, angekettet und angefressen vom Adler, der täglich wiederkehrte. Sie wissen schon.

Das "Sie wissen schon" ist allemal wichtig. Hannes Weilers Jenaer "Prometheus"-Aneignung gehört zum Typus des Bescheidwissertheaters, wie man es von Theatergruppen à la andcompany&Co. kennt. "Die Bremse! Die Bremse! Warum ausgerechnet Bremse!", kreischt einmal Anne Greta Weber, weil das Wort gerade fiel und weil Weber, die eben noch als Zeus auftrat, jetzt irgendwie einen Schwenk zur Zeus-Geliebten Io hinkriegen will. Und da ist es schon besser, dass man jetzt sattelfest in seinem Aischylos ist und parat hat, wie die zur Kuh verwandelte Io bei Prometheus vorbeischneit, verfolgt von – richtig – einer Bremse.

Selbstbild und Supermarkt

Was aber wollen uns die fröhlich trommelnden Zitatkanonaden? "Prometheus" gilt Weiler (der Autor und Regisseur in Personalunion ist) als Grundfigur eines problematischen Individualismus bzw. eines problematischen Selbstbildes. Mit dem Abfall von den Göttern sieht sich der prometheische Mensch auf sich allein gestellt. Oder wie es in den Worten des Stückes heißt: "Jede Erzählung, die von einer ursprünglichen Unschuld ausgeht und die letztendliche Rückkehr zur Ganzheit zum Ziel erklärt, imaginiert das Drama des Lebens als Individuation, als Separation, und als Geburt des Selbst."

Als separiertes Selbst ist es aber irgendwie doof in der Welt. Weshalb die Akteure ostentativ hysterisch switchen zwischen Zeitgenossenschaft und antiker Folie, zwischen Supermarkt ("Ich muss noch Milch besorgen") und Mythos (die heilige Milch-Kuh Io wird sie wohl haben!). Obendrauf gibt's etwas Hardcore-Gendertheorie mit Donna Haraways "Manifest für Cyborgs".

Prometheus1 560 Joachim Dette uLeise flackert das Theorietheater: Roger Bonjour, Anna Grete Weber, Leander Gerdes und Sophie Hutter   © Joachim Dette

In all dem flackert mitunter René-Pollesch-Style auf. Nicht nur weil Haraway natürlich eine der Gewährsfrauen von Pollesch ist und Weiler schon mal Assistent beim Diskursmaestro war und offenbar gut gelauscht hat. Sondern auch, weil Weiler mit seinen inszenatorisch bestens eingestimmten Akteuren Roger Bonjour, Leander Gerdes, Sophie Hutter und Anne Greta Weber einen schön lässigen Grundton zwischen Aufgeregtheit und trockener Pointe hinkriegt.

Zitatenkegeln mit Pappenheimern

Allein textlich, ach textlich. Da bleibt's beim leisen Flackern des Theorietheaters. Anders als Pollesch findet Weiler keine Situationen, an denen die gelehrten Zitate sinnfällig werden könnten, keine Konkretheit. Das angestrebte Diskursspiel gerinnt zum bloßen Bildungsgehuber. Penetrant kokettiert man mit der eigenen Unschärfe: "Sag mal, wovon reden wir hier eigentlich?" Man hüpft zwischen Sinnbezügen und kontert sich aus: "Können wir nicht einmal eine Sache konzentriert zu Ende bringen." Nur um die eigene Unfähigkeit zur Fokussierung sogleich ins Allgemeine zu heben: "Das Leben ist ein fetzenhaftes." Das sind gängige Schutzbehauptungen eines Theaters, das die hingehuschte Anspielung bereits für einen vollwertigen Gedanken nimmt. So läuft die Spielfreude ins Leere.

"Sagt mal, kann es sein, dass wir vorhin beim Bowlen irgendwie in eine, ja wie soll ich das sagen, in ein Mythosdings, eine Mythosfalle getappt sind?", fragt Leander Gerdes einmal. Wahrlich, ein Mythosdings. In Jena gewesen, zum Zitatekegeln mit Pappenheimern. Und die Trefferanzeige war ausgefallen.

 

Prometheus
nach Aischylos und Hesiod
Regie: Hannes Weiler, Bühne: Florian Dietrich, Kostüme: Henriette Müller, Dramaturgie: Friederike Weidner.
Mit: Roger Bonjour, Leander Gerdes, Sophie Hutter, Anne Greta Weber.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.theaterhaus-jena.de

 


Kritikenrundschau

"Absolut sehenswert!", urteilt Ulrike Merkel in der Thüringer Allgemeinen (16.10.2017). Hannes Weiler "entwickelt aus dem antiken Prometheus-Mythos ein ganz eigenes, kluges wie urkomisches Theaterstück. Das übersprudelnde Spiel der Schauspieler, das simple Bühnenbild mit mächtigem Baumstamm und Gartenlaube, die Kostüme vom Pappkleid bis zum Einweg-Plastikanzug und vor allem Weilers Textfassung, die antike Dichtung, philosophische Gedanken und versponnene Handlungsverläufe brillant paart – all das schafft einen ganz eigenen Kosmos. Eine Ästhetik, die angesiedelt ist zwischen genialem Trash und philosophischem Experiment."

 
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