Die Wahrheit geht vor den Teufel

von Valeria Heintges

Zürich, 21. Oktober 2017. Nichts ist hier, wie es scheint. Der Richter ist in Wahrheit der Angeklagte, der Schreiber ist ein Zeuge, der Verlobte eine Frau und Zeugin Frau Brigitte ein Mann. Am Ende liegt diese verkehrte Welt in Trümmern, doch Licht ins Dunkel kommt trotzdem nicht – auch wenn es im Laufe des Abends immer heller und heller wird. Denn am Ende spricht der gestrenge Gerichtsrat Walter kein Recht und lässt den Schuldigen laufen. Und wieder wird es dunkel.

Wenn doch Hoffnung besteht, dann nur, weil Eve ihre Angst ablegt und mutig sagt, was wirklich passiert ist. Vielleicht ist das ein Anfang. Vielleicht aber auch nur das höllische Ende. Denn für ihre Inszenierung von Kleists "Der zerbrochne Krug" hat Intendantin und Regisseurin Barbara Frey sich von Muriel Gerstner eine Konstruktion auf die Drehbühne des Zürcher Pfauen setzen lassen, die aussieht wie der Hut eines Leuchtturms samt Aussichtsplattform auf dem Dach. Sie zeigt, sich drehend, Kammer um Kammer. Am Ende sind sie darin alle nackt, verbogene, verkrampfte, einsame Gestalten. Vor allem Dorfrichter Adam sieht – mit den Füßen gen Himmel – aus, als wäre er direkt aus Auguste Rodins "Höllentor" gestiegen, das vor dem benachbarten Kunsthaus die Verdammten dieser Erde in die Hölle purzeln lässt.

Pirouetten auf dem Eis der Lüge

Am Anfang ist Dunkelheit, Adam ist nackt und entblößt seine Wunden: Zwei am Kopf, eine an der Seite, auch die Knie sind blutig. Die gequälte Kreatur, die am Boden kriecht und sich krümmend "Evchen!" brüllt. Dann wird es heller. Und dem nackten Marcus Scheumann als Dorfrichter Adam steht der bienenfleißige, korrekte Schreiber Licht gegenüber, dem Michael Tregor eine allwissende Stocksteifigkeit verleiht, dass auch dem Letzten klar ist: Der weiß alles.

KrugZH 0032 560 Matthias Horn uIm Dunklen leuchtet der nackte Adam, seines Zeichens Richter, gequälte Kreatur und teuflischer Lügner © Matthias Horn Marcus Scheumanns Dorfrichter Adam windet sich wie eine Schlange, nutzt jede Gelegenheit, um aus der scheinbaren Niederlage Gewinn zu schlagen. Doch nur die Naivsten – die es allerdings auch gibt – können glauben, die Wunden seien beim Aufstehen entstanden. Als Frau Marthe Rull erscheint, mitsamt Tochter Eve, deren Verlobtem Ruprecht und dem titelgebenden zerbrochenen Krug, und die Gerichtsverhandlung beginnt, wird es wieder ein wenig heller.

Aber dieser Richter muss die Dunkelheit lieben. Denn er selbst war in der Nacht bei Eve, machte ihr vor, der Verlobte komme in den gefährlichen Ostindienkrieg und sie könne ihn nur retten, wenn sie ihm ein wenig gefügig sei. Ja, die Perücke hat er verloren, ja, der Weinstock hat ihn zerkratzt, ja, der Verlobte hat ihm mit der Türklinke den Kopf zerschlagen, ja, den Krug hat er zerbrochen. Auf dem Eis der Lüge dreht Scheumanns Adam eine Pirouette nach der anderen. Seiner Phantasie hat Kleist keine Grenzen gesetzt, seiner Sprachvirtuosität auch nicht. Und so ist er mal schleimig, mal freundlich, mal frech – und tatsächlich ein wenig teuflisch.

Kleinbürger und Engel

Barbara Frey vermeidet jede aktuelle Anspielung, setzt ganz auf die Kleist'sche Sprache und den Kleist'schen Witz – und bietet auch den anderen Schauspielern damit wunderbares Futter. Hans Kremers Gerichtsrat Walter kann immer weniger glauben, was ihm da geboten wird. Dass er Adam am Ende laufen lässt, verwundert allerdings, so sehr, wie ihm vorher die Wahrheitsfindung am Herzen lag. Friederike Wagners Marthe Rull ist mit aufgerissenen Augen ganz empörte Kleinbürgerin, die ihr Recht will – und dafür auch bereit ist, ihrer Tochter alles Mögliche zuzutrauen.

Die Eve von Lisa-Katrina Mayer ist das erschreckte, verschüchterte Engelchen, das in die Fänge des Teufels geraten ist. Erschreckend ihr Ausbruch, wenn sie Mutter und Verlobtem vorwirft, sie vertrauten ihr nicht, obwohl sie es doch besser wissen müssten. Eve ist Dreh- und Angelpunkt des Stücks, sagt aber selbst nicht viel. Es ist nicht Mayers Schuld, wenn die Rolle am schwächsten wirkt.

Aufgeklebte Fragezeichen

Neben dieser zarten Eve ist Ruprecht – burschikos. Inga Busch verleiht ihm alle Empörung, die ein zu Unrecht Angeklagter aufbringen kann. Aber was ist der tiefere Grund für diese Quer-Besetzung? Allein das kleine Störmoment, das nicht alles ist, wie es scheint? Ähnlich der Befund im Fall der Frau Brigitte, die Marthaler-Schauspieler Graham F. Valentine mit wehenden, roten Locken wunderbar naiv gibt. Aber darüber hinaus ist wieder kein Grund für diese Besetzung erkennbar.

KrugZH 1468 560 Matthias Horn uGraham F. Valentine spielt Frau Bigitte – geschlechtermäßig quer besetzt. Im Hintergrund: Lisa-Katrina Mayer (Eve), Friederike Wagner (Marthe Rull), Inga Busch (Ruprecht), Markus Scheumann (Adam), Hans Kremer (Gerichtsrat Walter) © Matthias Horn

Die kryptische Aufschrift "m) Die den Wasserkrug zerbrochen haben" auf dem Drehhäuschen erschließt wenigstens das Programmheft: Sie ist Teil einer Kunstsprache von John Wilkins, der Tierarten alphabetisch klassifiziert: "a) dem Kaiser gehörige, b) einbalsamierte, c) gezähmte". Eine krude Idee ohne viel Mehrwert. Sie verstärkt den zwiespältigen Eindruck, den die Inszenierung hinterlässt: Ein tragikomischer Abend für Stück und Schauspieler, dem Besetzung und Bühnenbild unnötige Fragezeichen ankleben, die nicht weiterführen, sondern besserwisserisch stören.

 

Der zerbrochne Krug
von Heinrich von Kleist
Regie: Barbara Frey, Bühne: Muriel Gerstner, Kostüme: Esther Geremus, Lejla Ganic.
Mit: Hans Kremer, Markus Scheumann, Michael Tregor, Friederike Wagner, Lisa-Katrina Mayer, Inga Busch, Graham F. Valentine.
Dauer: eine Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

Kritikenrundschau

"Identitätsverrückungen gehören zu Kleist, aber, ach, der Geschlechterwechsel leuchtet wieder wenig ein", schreibt Martin Halter in der FAZ (23.10.2017). Der Abend sei konzentriert, leise und nur maßvoll komisch. Viel Hoffnung scheint er auch nicht zu bieten: "Der zerbrochene Krug wird nie wieder heil, der Rückweg ins Paradies ist versperrt."

"Ganz tief ins Ernste, ins Schwere und Schwarze leuchtet dieser 'Zerbrochne Krug'. Dorthin, wo sonst kein Licht fallen mag – in die Zerscherbtheit einer Gesellschaft", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (22.10.2017). Glücklicherweise habe Frey ihr wie so oft statisches, strenges Spiel ganz in die Hände eines starken Ensembles gelegt. "Was Frey zweitens nicht hoch genug anzurechnen ist: Mit der ihr eigenen Konsequenz ignoriert sie die Tagesaktualität des Dorfmonsters Adam." In ihm den Sündenfall, den Justizfall Weinstein zu erkennen, wäre ein Leichtes gewesen.

"Barbara Frey inszeniert den Klassiker von Heinrich von Kleist als düsteres Kammerspiel", so Cordelia Fankhauser vom SRF (22.10.2017). Zeitlos seien die Kostüme, "gewöhnliche Kleider, alle in braun, grau oder schwarz". Belebt werde diese Szenerie nur von der Intensität der Schauspieler und vor allem von Markus Scheumann.

Verletzliche Menschen in einem "abstrakten, filigran rhythmisierten Reigen" hat Alexandra Kedves vom Tagesanzeiger (23.10.2017) gesehen – Existenzialismustheater, das sich nicht anbiedere. Barbara Frey gehe ein Wagnis ein: "Statt auf die Bauernposse und den Whodunnit-Spass zu setzen", reduziere sie das Stück "auf seine harten Grundbausteine": aufs "Karussell der Figuren, die im eigenen Saft rotieren, aneinander vorbeilamentieren" und auf Kleists pointenreiche Sprache, die Frey aufleuchten lasse. Scheumann, der Kleists Zeilen "als Buchstaben-Staccato spricht, als Stolpersteine", habe die Figur des strauchelnden Richter "derart genial im Griff, dass man selbigen gar nicht mehr spürt, nur atemlos lauscht".

 
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