Durchs Netz fallen

von Maximilian Pahl

Basel, 22. Oktober 2017. Die Frage, die heute bestimmt niemand beantwortet, fällt immer wieder: "Warum eigentlich?" Vier Performer stellen sie einander, wollen wissen, was die Gründe sind für all die Kuriositäten der Schweiz, für das Bankgeheimnis oder die Neutralität. Er wisse schon warum, sagt Daniel Hinojo: Krieg sei einfach eine schlechte Idee. Und damit ist die Tiefenschärfe von "Money Piece I (Comedy)" auch schon definiert. Die griechisch-schweizerische Zusammenarbeit will weniger die Staatsschuldenkrise analysieren, als das einzuhalten, was da in Klammern im Titel versprochen wird.

In Krisenzeiten, so lautet die Arbeitshypothese, reagiere die Kunst auch keinesfalls immer ernst und direkt auf Probleme. Das wird auch an diesem Abend in der Basler Kaserne sofort ausgeschlossen, wenn die vier Performer in ihren Tennisclub-Poloshirts kurze Szenen anspielen und dauernd von schrillen Jingles ("Money, Success, Fame, Glamour") unterbrochen werden, zu denen sie dann an ihre nächste Position tänzeln und neu beginnen.

Berliner Toiletten

Kleine Reibereien entstehen, etwa über die korrekte Aussprache des englischen Wortes "poor", darüber, ob Berliner Toiletten schmutziger sind als jene in Athen, oder ob sich Probleme prinzipiell immer mit Talkshows lösen lassen. Periklis Fokianos ist eher skeptisch. Ihm sei auch das Prinzip der Effizienz zuwider, sagt er im Zusammenhang mit der Tatsache, dass Griechen durchschnittlich in einer Woche bedeutend länger arbeiten als andere Europäer.

Es ist eine Gemeinschaftsarbeit aller Beteiligten unter der Leitung von Marcel Schwald, welche vom Festival Culturescapes koproduziert wurde. Die Basler Biennale möchte die künstlerische Auseinandersetzung mit dem diesjährigen Gastland beleben. Die Krise bleibt natürlich präsent, soll aber nicht reflexartig und typisiert hinzugedacht werden.

Schweizer Tugend

Die Gruppe um Schwald stört ihre Zusammenhänge permanent durch kleine Fremdkörper. Fokianos hat plötzlich seinen Hund auf der Bühne, der gebannt wie die Sphinx zuschaut. Später steuert er einen Lichtkegel, die heimliche fünfte Figur, durch den Saal. Während sich die drei Männer aufgekratzt freuen und mit je einem Lied vorgestellt werden (Petros Bouras verbringt den Abend am E-Piano), schaut die Schweizerin Ariane Andereggen traurig drein. Schliesslich beginnt sie, leicht stammelnd, zu formulieren: Spar…sam…keit. Sie schlägt verdrossen vor, sparsamer mit den Worten umzugehen, und mit den Gedanken und der eigenen Meinung gleich dazu.

moneypiece 1 560 franziska schmidt uAuf den Hund gekommen. Raum und Kostüme: Zoë Hatziyannaki © Franziska Schmidt

Lieber sollten die anderen von ihr die erste Schweizer Tugend lernen: die Verheimlichung. Die praktiziert Andereggen dann auch rein schauspielerisch, weil meistens sehr schön unersichtlich bleibt, was ihre Handlungen antreibt. Sie kommt irgendwann mit einer Tüte voll Papierkringeln herein und schwärmt davon, dass ihr Herz aufgeht: "Die entziehen sich jedem Warenstrom. Schauen Sie sich diese Form an: Die will nichts sein. Wir laden Sie ein, sich daran aufzuladen."

Wenn aus solchen Willkür-Momenten eine eigensinnige Komik entsteht und der Abend insgesamt zum Verheimlichungs-Manöver wird, wird es immer interessanter und ulkiger. Plötzlich kann sich der Amerikaner Daniel Hinojo wahnsinnig über die erscheinenden Übertitel freuen. Seine Funktion in der Gruppe sowie sein breites Überspielen sind ohnehin fragwürdig. Er spricht dann auch weniger über Griechenland als über die neunziger Jahre in San Francisco, als er noch einen Pager hatte und Akt stand, um Geld zu verdienen.

Lieder mit Marktwert

Die losen Stücke aus den vier Biografien werden mit ebenso losen Stilmitteln und viel Musik ergänzt. Der One-Dollar-Song zum Schluss dürfte wohl das erste Lied sein, dessen Marktwert in Echtzeit angezeigt wird. Je nach Fremdwert der gesungenen Sprache steigt oder fällt er, weshalb sich Hinojo zu einer spanischen Rap-Einlage hinreißen lässt. Als Zugabe dann noch eine Ballade zu eingeblendeten Bildern dieser Inszenierung ganz gratis dazu. Bouras, dem Komponisten dieser Schmacht-Nummer, schmerzen beim Spielen schon die Hände.

Das alles rührt sparsam an der Thematik, auch wenn sich keine greifbare Erkenntnis einstellt. Das Stück spannt ein Netz aus Formen auf, um dann hindurch zu fallen. Es verheimlicht, was es vermitteln will, vielleicht auch vor sich selbst. Nebst dieser disruptiven Wirkung hält es dabei aber auch, was da in Klammern im Titel versprochen wird.

 

Money Piece I (Comedy)
von und mit Ariane Andereggen, Petros Bouras, Periklis Fokianos, Daniel Hinojo
Regie und Künstlerische Leitung: Marcel Schwald, Raum und Kostüme: Zoë Hatziyannaki, Musik: Petros Bouras, Ton: Susanne Affolter, Licht: Thomas Kohler.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.kaserne-basel.ch

 
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