Müßiggänger ohne Mehrwert

von Susann Oberacker

Hamburg, 5. Juni 2008. Man amüsiert sich prächtig bei der jüngsten Premiere im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg: Shakespeares "Was ihr wollt", in der Inszenierung von Klaus Schumacher. Der Leiter der erfolgreichen und preisgekrönten Jugendsparte "Junges Schauspielhaus" gab mit der Komödie sein Debüt als Regisseur auf der großen Bühne. Wie gesagt: Man amüsiert sich prächtig – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Was dieser fast dreistündigen Inszenierung fehlt, ist die Notwendigkeit, dass es sie gibt, sind Momente der Irritation, Szenen, die angreifen. Am Anfang ist Wasser. Und ehe man sich an Jürgen Goschs Planschbecken-Inszenierung von Calypso erinnern kann, plumpst bereits eine pitschnasse Julia Nachtmann auf die Bühne. Auch die Schauspielerin ist eine Überläuferin vom Jungen ins "große" Schauspielhaus. Eine echte Entdeckung, die im Shakespeare-Stück die Viola spielt. Eine Schiffbrüchige, die von Wellen mit Schwapp-Soundtrack lautstark auf die Insel Illyrien gespült wird.

Insel der Glückseligen

Das Eiland ist eine Parallelwelt, in der von allem, was wir heute für ein erfülltes Leben brauchen, nichts getan wird. Hier wird weder gearbeitet, noch Karriere gemacht. Es werden keine Kinder gezeugt, dafür hat man viel Spaß am Sex. Die Illyrianer geben sich dem Tag und ihrer Lust hin. Kurzum: Sie sind Müßiggänger, die keinen Mehrwert schaffen. Auf diese Insel der Glückseligen kommt also Viola und verfällt sogleich den heimischen Sitten und Gebräuchen.

Sie sieht Orsino (Marco Albrecht), den Herzog von Illyrien, nur einmal und verknallt sich prompt in den melancholischen Kerl, der wie in Trance herumläuft und den Namen Olivia vor sich hinmurmelt. Viola beschließt, dem Herzog zu dienen – allerdings als Mann verkleidet und unter dem Namen Cesario. Damit fällt der Startschuss zu den üblichen Irrungen und Wirrungen einer mehr als 400 Jahre alten Komödiengeschichte: Orsino liebt die Gräfin Olivia (Ute Hannig), die ist in den jungen Cesario/Viola verschossen, der/die wiederum in Orsino verliebt ist.

Verkompliziert wird das Ganze durch den Umstand, daß Viola einen Zwillingsbruder namens Sebastian (Martin Wißner) hat, der bei dem Schiffbruch abhanden kam, unabhängig von seiner Schwester ebenfalls auf der Insel landet, von Olivia für Cesario gehalten und abgeschleppt wird. Dies alles ergibt nicht wirklich Konflikte, sondern ist Anlass für puren Spaß – auf Kosten des ewig sich lächerlich machenden Homo sapiens.

Ich bin nicht, was ich spiele

Und den kriegt Schumacher auch prima hin, diesen alten Komödientrick, den Menschen den Spiegel vorzuhalten. Die lustigen fünf, die im Geiste diesen Spiegel halten, steigen ins Publikum oder treten dicht an die Rampe – seht her, wir sind wie ihr. Unter ihnen sind drei ergötzliche Komödianten: Katja Danowski (Maria), Tim Grobe (Sir Toby) und allen voran Samuel Weiss (Malvolio). Nicht wer wie, sondern wer wer ist – das ist des Pudels Kern in dieser Geschichte. Und damit ist sie nicht nur zeitlos gültig, weil sie die Frage nach der Identität stellt, sondern eben auch eine Geschichte über das Theater.

"Ich bin nicht, was ich spiele" (Viola), ist einer der Schlüsselsätze im Stück. Und so holt Schumacher alles hervor, was die Schauspielkunst hergibt. Das Ensemble darf voll ausspielen. Es wird gefochten, gebrüllt und Theaterblut verspritzt. Und: Das Theater beginnt bereits im Foyer. Auf einem kleinen kreisenden Podest stehen die Zwillinge Viola und Sebastian und schauen uns an. Das kreisende Element hat Katrin Plötzky für die Bühne aufgenommen. Viola "landet" vor einer halbrunden Milchglaswand, die sich im Laufe des Stückes öffnet und den Blick freigibt auf eine ab und an sich drehende Märchenlandschaft mit Phantasiepflanzen. Ein schöner Raum, der für diese Inszenierung zwar passend, aber nicht wirklich zwingend ist.

Melodram ohne Happy-End

Am Ende schließt sich das Halbrund wieder und schließt die Inselbewohner ein. Viola und Sebastian bleiben draußen und blicken – ein wenig ratlos diesmal – ins Publikum. Schumacher verzichtet auf Happy End und Doppelhochzeit. Stattdessen erliegen Orsino, Olivia und Konsorten melodramatisch blutend ihrer müßiggängerischen Lust. Die Zuschauer feierten nach der Premiere das Ensemble. Das ist nicht immer so am Schauspielhaus, wo Intendant Friedrich Schirmer sich auch in seiner dritten Saison noch nicht durchgesetzt hat. Sollte Schumachers Debüt ein Publikumsrenner werden, wäre das ein Pfund, mit dem Schirmer wuchern kann, wenn er demnächst zu Verhandlungen wegen seiner Vertragsverlängerung in die Hamburger Kulturbehörde gebeten wird. 

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Klaus Schumacher, Bühne: Katrin Plötzky, Kostüme: Heide Kastler.
Mit: Marco Albrecht, Julia Nachtmann, Martin Wißner, Tristan Seith, Ute Hannig, Katja Danowski, Samuel Weiss, Tim Grobe, Philipp Otto, Sören Wunderlich, Jürgen Uter.

www.schauspielhaus.de


Mehr lesen über Klaus Schumacher können Sie hier, nämlich seine Inszenierung der Komödie Louis und Louisa, die Schumacher zusammen mit David Gieselmann geschrieben hat, am Hamburger Jungen Schauspielhaus.

 

Kritikenrundschau

Krachend komisch, derb und eindeutig bis zur anal-oralen, bis zur fäkal-koitalen Schmerzgrenze, findet Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (7.6.2008) diese Inszenierung, die unsicher ist, ob sie Klaus Schumacher das als "mangelndes Ausloten der tieferen, vielschichtigen Beweggründe der Protagonisten übelnehmen" soll, oder sich über  das Urvertrauen  des REgisseurs in die Kraft Shakespeares und seiner Schauspieler freuen soll. Insgesamt verbucht sie die Aufführung aber doch als künstlerische wertvolle Kraftinfusion aus dem Jungen Schauspielhaus für die schwächelnde Erwachsenensparte.

An überbordender Spiellust, psychedelischen Pilzen, einer wunderbaren Julia Nachtmann, einem meisterhaften Samuel Weiss und vielem mehr freut sich Elske Brault im Deutschlandradio (7.6.2008), aus deren Sicht Kalus Schumacher alles was an Komik in diesem Srtücke stecke, auch zu Tage fördere und dabei doch jede Figur zutiefst ernst nehmen würde. Fazit: "Der Sprung auf die große Bühne ist Klaus Schumacher also mit Bravour geglückt."

Weniger amüsiert, beziehungsweise allerhöchstens bis zur Pause, zeigt sich Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (7.6.2008). Danach werde "nur grob hingelärmt". Handele es sich bei Shakespeare denn nicht um Menschen, "die uns zeigen, wie sehr man sich als Liebesobjekt überschätzt?" Doch statt bei der Liebesverblendung landet diese Inszenierung aus Sicht der Rezensentin "im pathologischen, krankhaft Übersteigerten" uund walze "als plumpe Klamotte mit Gebrüll und Geschmiere Shakespeares lustigstes Stück platt". Denn das Lustige sei nur wirklich komisch vor einer ernsten Folie.

 
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