Ein bisschen Wahnsinn schadet nie

von Michael Stadler

München, 29. Oktober 2017. Was für eine berauschende Idee, die Zukunft vorhersagen zu können. Von industrialisierten Städten, rekordhohen Wolkenkratzern, Wohlstand, einem autarken Nationalstaat träumte die malaysische Regierung 1991 und gab diesen Traum als schaffbare Vision für das Jahr 2020 bekannt. Im Oktober 2016 vertagte der Staat die glanzvolle Zukunft auf das Jahr 2050. Er sei dann 60 Jahre alt, stellt Roger Liew, einer von fünf auf der Bühne, ernüchtert fest. Wie schnell Utopien sich als leere Versprechungen entpuppen, davon erzählt Mark Teh aus Kuala Lumpur in "Version 2020 – The Complete Futures of Malaysia Chapter 3": Minoritäten jenseits des Islams werden in Malaysia weiterhin ausgegrenzt und die Gesellschaft narkotisiert sich im Konsumrausch.

Aus Plastik und anderem Müll basteln sich die Performer in der Black Box im Münchner Kulturzentrum Gasteig Kostüme. Mit Hilfe von Fotos, Zeitungsartikeln, alten Ausweisen kramen sie im Gedächtnis, re-enacten eine Parade, erinnern sich an "Occupy Dataran", die Besetzung des Platzes der Unabhängigkeit in Kuala Lumpur im Sommer 2011. In einem Zelt leuchtet ein Performer mit grünem Licht und rollt über die Bühne – ein kurioses Bild, aber sie glauben daran, etwas in Bewegung gebracht zu haben. Am Ende listen sie minutenlang und sehr ruhig im Dunkeln auf, wie für sie die Stadt der Zukunft aussieht. Die Hoffnung stirbt zuletzt?

Version2020 560 Franz Kimmel uNo future – oder doch? "Version 2020" von Mark Teh © Franz Kimmel

Das ambivalente Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit lotet Spielart in seiner 12. Ausgabe besonders aus. Tilmann Broszat hat das Festival 1995 gegründet; Sophie Becker, die seit 2008 freiberuflich als Dramaturgin und Kuratorin bei Spielart mitarbeitete, bildet mit ihm nach dem Ausscheiden von Co-Gründer Gottfried Hattinger das künstlerische Leitungsteam. Als Schwerpunkte haben sie Südafrika und Süd(ost)asien ausgewählt, ließen sich von Kuratoren vor Ort beraten, bereisten beide Kontinente. Die eingeladenen Performer suchen oft nach neuen Interpretationen der Geschichte, alternativ zu den Lesarten der Staatsmächte. Eine performative Nachlese, sozusagen.

Blut ist dicker als Tinte

Sethembile Msezane aus Kapstadt, die zu der Generation der "Born Free" gehört, jenen Südafrikanern also, die nach der Apartheid geboren wurden, nimmt in "The Charter" ein Dokument demokratischer Hoffnungen aufs Korn. 1955 verabschiedete der Congress of People in Soweto die Freedom Charter, einen Katalog von Forderungen nach Gleichberechtigung, Demokratie und Menschenrechten. Im Foyer des Gasteig steht Msezane auf einem Podest, auf ihrem Rücken eine Stange, von der Papierbahnen herunter hängen, darauf gedruckt der Text der Charta. Die Bahnen reichen in Tröge hinein, die mit einer blutartigen Flüssigkeit gefüllt sind. Zwei Stunden steht Msezane auf der Stelle, das Blut soll die Bahnen von unten langsam einfärben. Die Versprechungen der Charter blieben bis heute unerfüllt. Statt Veränderung: quälender Stillstand.

Minefield 560 Tristam Kenton uSchnee über den Falkland-Inseln. "Minefield" von Lola Arias © Tristam Kenton

Die Last der Vergangenheit beschäftigt auch Lola Arias in "Minefield", aber ihre Auseinandersetzung mit dem Falklandkrieg zwischen Großbritannien und Argentinien, führt auf der Bühne des Carl-Orff-Saals im Gasteig zu einem sehr lebendigen Widerstreit und Austausch der einstigen Feinde. Sechs Veteranen, die 1982 um die unscheinbare Inselgruppe im Südatlantik kämpften, konnte Arias für ihr Projekt gewinnen. Während Lou Armour, David Jackson und der Nepalese Sukrim Rai auf Seiten der Briten die Inseln verteidigten, gehörten Gabriel Sagastume, Rubén Francisco Otero und Marcelo Vallejo zum argentinischen Militär. Zwischendurch geben sie sich gegenseitig die Schuld an Verfehlungen, Rechtsbrüchen, an den Toten. Aber vornehmlich schweißt Arias sie zu einem Team in gemeinsamer Erinnerungsarbeit zusammen. Performance als therapeutisches Durcharbeiten. So gehen sie noch mal in den Drill, stellen Kriegsszenen per Modell nach, formieren sich zur Rockband. Arias und ihre Veteranen machen das empathische Zuschauen und Zuhören leicht.

Auf den Spuren der Wunderheiler

Mit Schauwerten wird man hingegen in der Pop-Oper "An Atypical Brain Damage" von Tianzhuo Chen bombardiert. Eine Reizflut in der weiträumigen Muffathalle. Hier Ausschnitte aus dem Notizblock des Kritikers: Band still an der Bar (Gitanes Blondes). Chinese in Drag auf der Theke. Mitte der Halle: Rot-weißer BMW. Im Gestrüpp: Butoh (?)-Tänzer, Reißzähne, Skelett-Schwanz. Hinten: Almhütte. Apple-Zeichen. Markenterror. Frau in Hütte wäscht Hemdchen. Gegenüber: Metzger/Bestatter wäscht zwei Leichen mit Blut. Band spielt, Pantomimin gestikuliert, (…). Leinwand. "Jede Kunst, die ich mache, wird politisch sein." Karaoke im BMW /asiatische Kitschkultur (Klischee) im Bayerischen Motorwerk. Erzählter Mord. Tänzer als Vogel. Frau mit Schlachtmesser. (…) Durchtrainierter Glitzerboy hält Rede, Vogel öffnet seinen Hosenlatz (…) Kettendomina. Unterwerfung. Techno. Tanzen. Erschöpft.

Ein bisschen Wahnsinn kann bei einer Festivaleröffnung nicht schaden. In "Influences of a Closet Chant" bewegt sich Albert Khoza aus Johannisburg auf den Spuren südafrikanischer Wunderheiler. Er selbst ist einer und zelebriert im Einstein-Kultur einerseits ein Tanzritual, andererseits sein selbstbestimmtes Ich als schwarzer homosexueller Mann. Wie er bei einem Vortanzen durchfiel, erzählt Khoza. Dabei habe er eine Prüferin überhört, wie sie sich über sein Gewicht lustig machte: Wie und wo soll denn dieser Dicke bitte jemals performen? Heute, so Khoza, würde er sie gerne wiedertreffen und auf ihre Zukunftsprognose reagieren: "Look at me now, bitch! I am international."

 

Version 2020 – The Complete Futures of Malaysia Chapter 3
Regie: Mark Teh, Produktionsdesign: Wong Tay Sy, Lichtdesign: Syamsul Azhar, Projektionen und Performance: Fahmi Reza, Stage Manager: Hoe Hui Ting, Produktionsassistenz: Ong Tong
Mit: Faiq Syazwan Kuhiri, Imri Nasution, Lee Ren Xin und Roger Liew
Dauer: eine Stunde, ohne Pause

 

The Charter
von und mit: Sethembile Msezane
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

 

Minefield
Regie und Text: Lola Arias, Recherche und Produktion: Sofia Medici, Luz Algranti, Bühnenbild: Mariana Tirantte, Musikkomposition: Ulises Conti, Lichtdesign: David Seldes, Videodesign: Martin Borini, Tontechnik: Roberto Pellegrino, Ernesto Fara
Mit: Lou Armour, David Jackson, Gabriel Sagastume, Ruben Otero, Sukrim Rai, Marcelo Vallejo
Dauer: 100 Minuten, keine Pause

 

An Atypical Brain Damage
Regie: Tianzhuo Chen, Konzept: Tianzhuo Chen, Petra Poelzl, Text: Tianzhuo Chen, Beio, Dramaturgie: Petra Poelzl, Choreografie: Tianzhuo Chen, Ylva Falk, Kostüme: aisandopeboys, Bühne: Tianzhuo Chen, artbox Graz, Komposition und Musik: Dis Fig, Igor Dewe, Produktionsassistenz: Stefan Simic, Licht: Thomas Ritz, Ton: Stephan Taul, Musiker München: Gitanes Blondes
Mit: Beio, China Yu, Le Brothers (Le Ngoc Thanh & Le Duc Hai), House of Drama (Ylva Falk, Igor Dewe, Amélie Poulain)
Dauer: 100 Minuten, keine Pause

 

Influences of a Closet Chant
von und mit: Albert Silindokuhle IBOKWE Khoza, Produktion, Administration und Verbreitung: Damien Valette, Musik: Thabang Tabane et Malombo, Cinematic Orchestra, Madonsini, Izangoma zikaDabulamanzi, Zim Nqawana
Dauer: 30 Minuten, keine Pause

 

Weitere Kritiken: Ebenfalls im Programm des Spielart-Festivals stehen Zig Zig von Laila Soliman und Milo Raus Inszenierung Die 120 Tage von Sodom.

 

Kritikenrundschau

"Bei Tianzhuo Chen weiß man beim besten Willen nicht, was er einem eigentlich erzählen will", schreibt Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (2.11.2017). Sein "An atypical brain damage" ist Installation, Techno-Oper, Horrorsplatter und französisierendes Tralala. "Leichen werden gewaschen und erwachen zum Leben, ein Urvogel nagt mit seinem Schnabel am Penis eines Vortragskünstlers, ein Trio spielt tres chic Chansons" in der rumpelnden Unterhaltungsshows, die sich frisch allen westlichen und superintellektuellen Diskursen im Umgang mit zeitgenössischer Bühnenkunst verweigert. Dagegen hänge "Minefield" die Messlatte mächtig hoch. Den Falklandkrieg fächere die argentinische Autorin und Regisseurin Lola Arias in ihren menschlich desaströsen Folgen auf - nüchtern, unsentimental und umso eindringlicher.

 

 
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