Im Duracell-Modus

von Katrin Ullmann

Hamburg, 1. November 2017. "Tunix!" steht auf der Fahne. Und diese ragt jetzt aus einem unförmigen weißen Block. Ein rot gekleideter Astronaut hat sie dort hineingesteckt. Bedeutungsvoll und mit imperialistischer Geste. "Tunix!" ist der letzte (und auch der erste) Appell dieses Abends und hielte ich mich tatsächlich daran, stünde hier kein Text. Aber das geht nicht, ich habe eine Deadline, ich bin Verpflichtungen mit der Redaktion eingegagen. Und außerdem: kein Text, kein Honorar. Ich kann also nicht nichts tun. Oder etwa doch?

Fleißbienchen auf dem Hamster-Laufrad

"Tunix!", so heißt der Abend, den SKART / Masters of Universe entwickelt hat. Gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen. Das gemeinsame Arbeiten ist tatsächlich wörtlich zu nehmen, nicht umsonst definiert sich die Theatergruppe um die Gießener Absolventen Philipp Karau und Mark Schröppel als "altersgemischtes Ensemble". Es bietet, heißt es auf einem Informationspapier, "Menschen ab sieben Jahren im theatralen Rahmen die Möglichkeit, eigenständig und egalitär inhaltliche und ästhetische Positionen zu untersuchen". Dieses Mal – es ist die vierte Arbeit, die das Kollektiv auf Kampnagel zeigt – geht es um Arbeit und Müßiggang. Um das Infragestellen von Effizienz und Wachstum, von Karriere und Work-Life-Balance, kurz: um die Arbeitsethik unserer (Leistungs-)Gesellschaft. Und um das Recht auf Faulheit.

TNUIX 560 SvenPrevrhal uHamster und Faultiere empfehlen: "Tunix!" © Sven Prevrhal

So weit, so ehrbar. Allerdings ist der Erkenntnisgewinn des Abends furchtbar dünn. Erwartungsgemäß sind die fünf durchweg professionell agierenden Jung-und-Alt-Performer im Laufe des Abends mal als Hamster, mal als Faultiere zu erleben (auch der Programmzettel hält eine Faultier-Bastelanleitung bereit). Mal befragen sie Manager zu ihrer Hochleistungsmotivation, mal bewegen sie sich zackig-exakt zu einer Soundkulisse aus Tastaturklicken, Telefonklingeln und schnellen Beats. Und natürlich verausgaben sie sich auch mal schweißtreibend auf einem Hometrainer, tragen Fleißbienchen-Masken und laufen sich in einem durchsichtigen Wasserball bis in die Erschöpfung – die dann durch einen Hochfrequenz-Tinitus-Ton angezeigt wird. Später zappelt ein plüschiger Duracell-Hase über die Leinwand, während an seiner Seite ein totgeschossener Echt-Hase sich im Fast-Forward-Verfahren auflöst (Joseph Beuys grüßt vernehmlich).

In der Einschlafperformance knicken den Darstellern die Glieder weg

Der harte Sound, die fantasiereichen Kostüme, die kühle, mit roter Plastikfolie ausgelegte Bühne: All das zeugt von hoher Ästhetik und verleiht dem Abend ein gewisses Format. Und auch die stille, endlose Minuten dauernde (von manchen Zuschauern mit Getuschel und Bonbonrascheln erfolglos bekämpfte) Einschlafperformance, in denen den gähnenden Darstellern nacheinander Kopf, Unterkiefer und Gliedmaßen wegknicken, ist absolut sehenswert.

Doch eine abendfüllende, sinnstiftende oder auch nur streitbare Performance ergibt sich daraus nicht. Vor allem den Texten, den Ergebnissen der gemeinsamen Recherchen – und damit ja der eigentlichen Zielvorgabe – fehlt jegliche Richtung, Wertung, Schärfe oder gar Biss. Und so bleibt der Abend in erwartbaren Allgemeinplätzen und harmlosen Assoziationen stecken. Um das Nichtstun zum Bühnenereignis erklären zu können, muss – zumindest vorher – mehr getan werden.

 

TUNIX!
von Skart / Masters of the Universe
Mit: Charlotte Heidenreich, Stine Hertel, Philipp Karau, Annika Prevrhal, Anton Prevrhal, Mark Schröppel, Sina Schröppel, Hanna Steinmair, Anna Teuwen.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.kampnagel.de

 
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