Scheißquellenforschung

von Michael Stadler

München, 8. November 2017. Pardon, aber so heißt dieses Stück: Der letzte König von Scheißquelle. Dieser König ist ein flatterhafter Mann. Kaum hat man sich an die herrschaftliche Präsenz von Boyzie Cekwana alias "The Last King of Kakfontein" gewöhnt – wie er mit Faschingskrone auf dem Kopf, weißer Farbe im Gesicht und E-Gitarre in der Hand auf der Bühne des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig sitzt, spielt und von allerlei Dingen spricht, davon, wie Gerüchte zu Vätern von Nationen werden zum Beispiel –, schon verabschiedet er sich, weil er tanzen und sich dafür umkleiden und aufwärmen will. Das Publikum kann sich ja derweil unterhalten oder was an der Bar trinken oder sonst was machen. Tschüss. Ich bin dann mal weg.

The Artist ist dann einfach mal für ein paar Minuten nicht present. Das Saallicht geht an, das Publikum reibt sich die Augen, unterhält sich oder sitzt still, weil es doch so eine Sache ist mit den Geschenken von Königen: Man weiß diese plötzliche Freiheit vielleicht gar nicht zu nutzen. Oder ist nicht eigentlich entfesselt, da sie allzu kurzfristig verordnet wurde. Womit man schon bei einem Dilemma ist, welches das Spielart-Festival in allen möglichen Facetten durchspielt.

Frei geboren, aber nicht frei

Denn vom Apartheid-Regime befreit sind die südafrikanischen Künstler, die in diesem Jahr als ein Schwerpunkt beim Münchner Festival der freien Performancekunst vertreten sind, einerseits schon lange. Andererseits sind sie weiterhin Gefangene: Gefangene von stereotypen Vorstellungen, wozu auch der Slogan "Black is beautiful" und das sexuelle weiße Interesse am durchtrainierten schwarzen Körper gehören. Gefangene einer Politik, die es wohl gut gemeint hat mit Dokumenten wie dem 1955 verabschiedeten Freedom Charter, dessen Ziele jedoch beileibe nicht umgesetzt wurden. Und Gefangene einer offiziellen Geschichtsschreibung, mit der sich die Generation der "Free Born", jene also, die nach der Apartheid geboren wurden, nicht identifizieren kann. Deshalb suchen viele der freien Künstler die Vergangenheit, auch ihre private, noch mal auf, recherchieren, betreiben Quellenforschung bzw. im Falle von Cekwana, pardon, Scheißquellenforschung und graben nach neuen Lesarten. Reload erwünscht. Noch mal raus gehen. Sich aufwärmen. Und los.

SPIELART The Last King of Kakfontein 560 Christian Altorfer uPerformer mit Autoreifen – Boyzie Cekwana thematisiert damit auch die koloniale Ausbeutung: Einst ernteten Sklaven den Kautschuk für die Kolonialmächte © Christian Altorfer

Boyzie Cekwana wurde in Soweto als Choreograf ausgebildet und hat sich in Europa als Performancekünstler etabliert, der den postkolonialen Status quo seiner Heimat aufs Korn nimmt. Autoreifen dienen ihm bei der Königsshow als anschauliche Requisiten: Sie transportieren ihn nicht nur in frühe Kindheitsjahre zurück, als er mit anderen Jungs seinen Körper in solche Reifen drückte, um leichtsinnig steile Hügel hinunterzurollen, sondern führen tief in den größeren Kontext der Geschichte, als Sklaven den gewinnbringenden Kautschuk für die Kolonialmächte ernteten. Demokratie hat sich in Ansätzen entwickelt und ist jetzt im Verfall begriffen: Auf der Soundspur mixt Cekwana das Lachen von Südafrikas Präsident Jacob Zuma mit Trumps Mauer-Versprechen. Witzig ist das nicht.

Postkoloniale Profilschärfung

Mit seiner gelassenen, hintergründigen Art, aus der eine klare Haltung hervorscheint, passt Boyzie Cekwana in den Reigen südafrikanischer Performancekünstler, die sich bei dieser Spielart-Ausgabe neben jenen aus Süd(ost)asien tummeln und das Festival als Umschlagplatz postkolonialer Diskurse ausweisen. Durch diese beiden geographischen Schwerpunkte geht der Blick über den Tellerrand im Vergleich zu früheren Ausgaben noch deutlicher hinaus, was vielleicht auch den performativ ausgerichteten Kammerspielen unter Matthias Lilienthal zu verdanken ist. Während alte Spielart-Bekannte wie She She Pop, Gob Squad oder Florentina Holzinger mit ihren Arbeiten jetzt an Lilienthals Haus auftreten, kann das Festival mit (zumindest in München) weithin unbekannten Künstler*innen aus Asien und Südafrika das eigene Profil schärfen.

Noch mehr als sonst fühlt man sich als Festivalbesucher angeregt, sich mehrere Performances anzuschauen, da diese für sich alleine genommen oft allzu ausschnitthafte Eindrücke geben, als Puzzlestücke nach und nach jedoch ein vielfältiges Porträt der ausgewählten Kontinente / Länder ergeben. Als Rezensent fühlt man sich mitunter wie ein Nüsse sammelndes Eichhörnchen. Der kritische Geist droht im Rausch der Elementarteilchen flöten zu gehen, während man sich einzelne Performer-Persönlichkeiten wie Panini-Bildchen ins Gedächtnisalbum klebt, bis ein wirklich beeindruckendes Team komplett ist.

Twerken im Einkaufszentrum

In der Erinnerung haften bleibt vor allem die Wut im Bauch, die man bei vielen der südafrikanischen Performer*innen spürt, sowie die Körper, die oft stolz und herausfordernd präsentiert werden: als durchsexualisierte Ausstellungsobjekte wie bei Nora Chipaumire in Portrait of Myself as My Father oder bei Jaamil Olawale Kosoko, der in "#Negrophobia" den brutalen Tod seines Bruders beklagt und die Polizeigewalt gegen Schwarze in Bild und Ton anprangert. Kosoko setzt kluge Stimmen aus der Geschichte wie James Baldwin dagegen und lässt sich von der Trans-Performancekünstlerin IMMA per Handy filmen. Indem diese Bilder live auf eine Videoleinwand projiziert werden, wird die männliche Dominanz des souverän auftretenden Kosokos gebrochen, er wird selbst zum Objekt eines queeren Blicks. Zu Beginn stöckelt IMMA durch den weiten Bühnenraum des Schwere Reiter im Kreativquartier, verschwindet, taucht wieder auf, stöckelt, und das reicht als Performance-Element schon aus, weil ihr Hintern und Körper so freizügig in Szene gesetzt sind, dass man fast nicht anders kann, als voyeuristisch hinzuschauen – und diesen Voyeurismus zugleich zu reflektieren gezwungen ist.

SPIELART negrophobia 560 Dajana Lothert uWie der Körper zum Objekt wird, das zeigt Jaamil Olawale Kosoko in "#Negrophobia" © Dajana Lothert

Was kritisiert werden soll, muss vorgeführt werden? Der schwarze Körper wird einem vehement gezeigt, bis das Hinschauen langweilt oder der eigene lustvolle Blick peinlichst bewusst wird. Dabei ist nicht immer ganz klar, ob die Künstler Klischeevorstellungen und den eingetrichterten Selbstoptimierungswahn vorführen wollen oder ihm ein Stück weit erliegen, indem sie selbstbewusst ihr Ego präsentieren: Mein fitter Körper gehört mir.

Es ist wohl beides. Und andere Modelle gibt es durchaus auch. Wenn sich der zum traditionellen Heiler ausgebildete Albert Khoza aus Johannesburg für seine "Influences of a Closet Chant" auszieht, dann setzt er unseren Schönheitsnormen charmant seine Körperfülle entgegen und beweist tanzend seine Beweglichkeit. Buhlebezwe Siwani und Chuma Sopotela aus Kapstadt spannen in "Those Ghels" den Bogen von kindlicher Bewegung im Strampelanzug beim Cartoon-Gucken zum Twerken und den sexy Posen der Hiphop-Jugend im tighten Outfit. Den Ausverkauf der Körper führen sie ausgerechnet im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) vor, Ort des Fastfoods und Dauerkonsums. Wortschleifen mit den Bestandteilen "fuck", "hoe", "ass" singen Siwani und Sopotela zuletzt monoton in die Mikros, still stehend, während im Video hinter ihnen Männerpopos wackeln. Was zeigt das? Eine Sozialisation, die offenbar von Anfang an, pardon, im Arsch ist? Die Botschaft landet im OEZ allerdings nicht bei allen, schaut man sich die mitfilmenden, feixenden Zuschauer oben auf der Galerie an.

Spielart Those Gehls 560 uIm Strampelanzug, mit Einkaufswagen – Ausverkauf der Körper, gezeigt in "Those Gels" von Buhlebezwe Siwani und Chuma Sopotela © Spielart Festival

Sex und Krieg

Dem Selbstbewusstsein der Performer kann das wenig anhaben. Allein, dass sie international unterwegs sind, ist ein Erfolg. Olawale Kosoko stellt in "#Negrophobia" triumphierend fest, dass er jetzt, eben, in München auftritt. Dass recht viele Performances unvollständig wirken, spielt da fast keine Rolle mehr. Auf ihrem Weg zu Spielart haben manche Stücke sich, ohne dass das künstlerische Leitungsteam Sophie Becker und Tilmann Broszat darauf Einfluss gehabt hätten, verändert. Die Performances entwickeln sich weiter, und man darf gespannt sein, ob beispielsweise Ahmed Tobasi aus dem Jenin und "Those Ghels"-Performerin Chuma Sopotela aus Kapstadt für ihr ziemlich lustiges, zwischen den Geschlechtern und unterschiedlichen Nationen fetzendes Duett "Let's Talk about Sex: The Beginning of War" noch ein Ende finden werden. Nach Beischlafanekdoten, Sahne-Verspritzen, Penisanalyse ("Wie groß ist deiner?"), Brustentblößung, Josephine-Baker-Kopie im Bananenkleid und diversen Scharmützeln versandet die Performance im HochX in einer Sektparty mit dem Publikum.

Dramaturgischer Höhepunkt? Fehlanzeige. Aber vielleicht braucht es das auch nicht. Der letzte König von, pardon, Scheißquelle spricht ein Gedicht und geht einfach ab von der Bühne. Sein Wille ist geschehen: München ist wach, Südafrika war da.

 

The Last King of Kakfontein
Choreographie, Szenografie, Licht, Kostüm, Performance und Musik: Boyzie Cekwana, Video: Lungile Cekwana.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

#Negrophobia
Kreation, Konzept, Installation, Lyrik / Text: Jaamil Olawale Kosoko, Bühnenbild: Jaamil Olawale Kosoko, Kate Watson-Wallace, Kostüm: Jaamil Olawalel Kosoko, IMMA, Ton: Jeremy Toussaint-Baptiste, Sound Design: Jeremy Toussaint-Baptiste, Jaami Olawale Kosoko, Licht: Serena Wong, Dramaturgie: Mersiha Mesihovic, Video Design: James Doolittle, Jeremy Toussaint-Baptiste, Jaamil Olawale Kosoko.
Mit: Jaamil Olawala Kosoko, IMMA, Jeremy Toussaint-Baptiste
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Influences of a Closet Chant
von und mit: Albert Khoza
Dauer: 30 Minuten, keine Pause

Those Ghels
von und mit: Buhlebezwe Siwani, Chuma Sopotela.
Dauer: 30 Minuten, keine Pause

Let's Talk about Sex: The Beginning of War
Konzept und Kreation: Chuma Sopotela, Ahmed Tobasi, Produktionsassistenz und Choreografie: Gregor Lustek, Video, Fotografie und Lichtdesign: Borut Bucinel, Bühnenbild und Sounddesign: Davor Sanvincenti, Produzentin: Natasa Zavolovsek.
Mit: Chuma Sopotela, Ahmed Tobasi.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

 

Den Bericht zum Auftakt des Spielart-Festivals finden Sie hier.


Kritikenrundschau

Ein "Festival, das hierzulande kaum bekannte Künstler zeigt, das wenig auf verführerischen Schauwert setzt und insgesamt wie ein großer Bühnenessay funktioniert", hat Egbert Tholl für die Süddeutsche Zeitung (7.11.2017) mit "Spielart" erlebt. In den eingeladenen Arbeiten gebe es stets einen "Verweis auf die Kolonialzeit, selten plump und nie als Ausrede", so der SZ-Kritiker. "Wenn es nicht um die Wunden der Vergangenheit, um Kolonialkriege in Deutsch-Ostafrika, sexuelle Gewalt, aufgezwungene gesellschaftliche Systeme geht, dann um den Verlust der kulturellen Identität durch bildwütiges Kopieren westlicher Vorbilder."

"Schonungslose Selbstentblößung" fehle den Arbeiten des Spielart-Festivals nicht, schreibt Sabine Leucht in ihrem Festivalbericht für die taz (10.11.2017). "Aber eine Dramaturgie, die ein Thema kontinuierlich vertieft, fehlte vielfach bei den auf 16 volle Tage verteilten, schwerpunktmäßig aus (Süd-)Afrika und Südostasien stammenden Performances, die wahlweise auf diskursive Geschichtsnachhilfe oder den aufgeladenen Moment und dampfende Körperlichkeit setzten."

Eine "Sensation" sei die diesjährige Festivalausgabe von Spielart, in ihrer Gänze betrachtet, schreiben Egbert Tholl und Eva-Elisabeth Fischer von der Süddeutschen Zeitung (12.11.2017). "Einzelne Produktionen jedoch erklären sich nicht unbedingt von allein." Wenn etwa Hansol Yoon den Koreakrieg auf Koreanisch abhandle, sei eigentlich konkretisierende Vermittlungsarbeit nötig, andererseits wollten die Festivalleiter*innen Tilmann Broszat und Sophie Becker die Künstler nicht domestizieren. "Man lernt, dass Avantgarde in Afrika oder Asien etwas anderes bedeutet als bei uns, obwohl die Künstler von dort sehr genau zu wissen scheinen, was mitteleuropäischer Theaterdiskurs ist. Sie haben halt nur unterschiedlich viel Lust darauf", bemerken Tholl und Fischer. "So wurde, trotz aller kurzfristigen Verständnisschwierigkeiten, die diesjährige Ausgabe von 'Spielart' zu einer der an- und aufregendsten des Festivals."

 

 
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