Der große Alptraum

von Dorothea Marcus

Bochum, 6. Juni 2008. Macbeth ist schon vor dem Mord an König Duncan als Mörder markiert: mit blutigen Händen liegt Martin Rentzsch zwischen vier Stühlen und vier riesigen Metallpfeilern, erschöpft nach dem Norwegerfeldzug. Von Anfang an ist er mit Blut und Schuld besudelt, das wird nie wieder abgehen. Der Gedanke ist schon die Tat, an Blut zu denken, heißt auch, welches zu vergießen.

Shakespeares alptraumhaftes Drama ist eines der Einbildungskraft, alles findet im Kopf statt: der Mord, die Schuldgefühle, der Wahnsinn – und wenn nicht die Hexen seine gierige Fantasie stimuliert hätten, wäre vielleicht alles ruhig geblieben.

Zwischen Pathos und Coolness

Die Regisseurin Lisa Nielebock ist erst 30 Jahre alt, aber sie hat keine Scheu vor großen Stoffen: vor rund einem Jahr inszenierte die Hausregisseurin am Schauspielhaus Bochum bereits erstaunlich überzeugend eine reduzierte und gefühlsintensive "Penthesilea". "Macbeth" nun hat sie radikal entkernt und in ein karges Bühnenbild (Kathrin Schlecht) verlegt – knapp 100 heftig zwischen Coolness und psychologischem Pathos schwankende Minuten.

Es beginnt trocken, einfach und undramatisch: Duncan, Banquo, Macduff und Malcolm mit Langhaarfrisuren und in Lederhosen stehen um den liegenden Macbeth herum wie ein paar Altrocker, müde geworden nach langen jugendlichen Schlachten, aber Klamotten und Gesinnung irgendwie treu geblieben. Nur Malcolm sticht heraus, Marco Massafra spielt ihn wie einen karrieristischen, blassen und leicht schwul wirkenden Emporkömmling. Ganz praktisch, dass Macbeth ihm mit den Morden die Drecksarbeit abnimmt. Immerhin macht er so dem künftigen König von Schottland den Weg frei.

Die Hexen kommen aus dem Zuschauerraum, wie Verkörperungen jener täglichen medialen Einflüsterungen, denen wir alle ausgesetzt sind. Wenn sie nicht gebraucht werden, setzen sie sich in die erste Reihe zurück: gruftige Schicksalsschwestern in langen schwarzen Mänteln, die – mit viel Hall in der Stimme, der zuweilen unfreiwillig komisch wirkt - bedeutungsschwanger englische Alliterationen zischen und Macbeths Gier wecken.

Die Lady und das Nichts

Auch Lena Schwarz als Lady Macbeth trägt schwarzes Abendkleid und muss sich für ihren berühmten ersten Monolog – den sie mit leiernder Gleichmut und starken Schluss-Ts spricht wie eine Schauspielschülerin – an einer Zigarette festhalten.

Während es der Lady an Motivation und Mordlust fehlt, wird durch eine hinzu erfundene Figur wiederum zuviel des Guten getan. Agnes Riegl spielt das "Nichts": eine Art zerstruwwelter Hofnarr, Todesbote und Kommentator. Wie eine Stubenfliege turnt es zwischen den Metallpfeilern herum. Ansonsten erledigt es ein paar Morde, knutscht die Herrin, springt Macbeth zum Schluss blutbesudelt mit einem Biss an: ein böser Geist und Begleiter zwischen Realität und Wahn.

Vor Macbeth demonstriert die Lady ihr Repertoire, sie changiert zwischen keifender Männlichkeits-Angreiferin, archaischer Verzweifelter und verführerischer Kindfrau. Gierig greift sie ihm an die Glatze oder sitzt mit großen Augen zu seinen Füßen. Ein Auftritt, der zwar beeindruckend ist, aber auch in die Karikatur zu kippen droht. Was ist das für eine komische, kinderlose Sadomaso-Beziehung zwischen dem blutrauschsüchtigen Paar? Wir erfahren es nicht.

Schlag auf Schlag

Duncan und sein Gefolge begrüßen Lady Macbeth nur mit kurzem charmanten Winken, dann sind sie auch schon ermordet. Alles hier geht Schlag auf Schlag. Die Nacht ist außer Rand und Band, und endlich haben Macbeth und seine Lady mal wieder Sex – aber man ahnt ihre Entfremdung. Während an ihrer Hand schon die Brillanten funkeln, bleibt Macbeth in Lederhose, schmutzigem Hemd und: seine Hände voller Blut.

Ist erst einmal die Schwelle zum Mord überschritten, erledigt sich der Rest dann wie von selbst. Auch Banquo und die Familie von Macduff sind schnell tot – als ihm das "Nichts" die Nachricht überbringt, stürzt Macduff (Marc Oliver Bögel) in ein beunruhigendes, grandioses Schweigen, die Spannung im Raum kann man schneiden.

"Sehnsucht ist die einzige Energie, meine Sehnsucht, meine Sucht", röhren die Einstürzenden Neubauten, während sich Macbeth zu einem durchgeknallten Fremdenlegionär in eigener Sache entwickelt – ein Mann holt sich, was ihm zusteht.

Effektsicher inszeniertes Höllenreich

Musik und grandiose Lichteffekte illustrieren verschwenderisch ein lila-rot-schwarzes Höllenreich, in dem sich der Boden hebt und senkt und wo – auf der Hinterbühne – Menschenschatten über die Wände tanzen.

Die Welt ist aus den Fugen, der Rocker wird zum getriebenen Rambo. Und kämpft zum Schluss nur noch schweißgebadet und blutbesudelt mit einem Haufen Stühle. "Euch allen Dank", sind Malcolms letzte, genüsslich gesprochene Worte, allein sitzt er auf dem Stuhl, neuer König im Reich des Todes.

Lisa Nielebock inszeniert, das erste Mal auf der großen Bochumer Bühne, und zeigt Mut zum Pathos. Der Abend kippt zwar manchmal ins Groteske, kann sich auch nicht immer zwischen Psychologie und distanziertem Schnelldurchlauf entscheiden. Trotzdem: Die Aufführung scheut keine Aussagen, ist dabei einfach und beeindruckend effektsicher zugleich.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Regie: Lisa Nielebock, Bühne: Kathrin Schlecht, Kostümmitarbeit: Johanna von Gehren, Ursula Peters.
Mit: Lena Schwarz, Jele Brückner, Manuela Alphons, Veronika Nickl, Agnes Riegl, Klaus Weiss, Marco Massafra, Martin Rentzsch, Oliver Möller, Mark Oliver Bögel.

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (9.6.2008) erinnert Stefan Keim an die "Ästhetik des Denktheaters", die Lisa Nielebocks bisherige Bochumer Inszenierungen geprägt habe. Nun, da sie mit "Macbeth" erstmals auf der großen Bühne arbeitet, habe sie "ihr Gespür für Feinheiten ... weitgehend in den Kammerspielen gelassen, im Schauspielhaus sucht sie den großen Wurf – und zielt manches Mal daneben." Die "konzentrierte Faszination der 'Penthesilea'" gelinge diesmal nicht: Martin Rentzsch spiele zwar einen ordentlichen, aber auch etwas oberflächlichen Macbeth", Lena Schwarz' Wahnsinnsszene sei "gewaltig überinszeniert". Trotzdem sei auch "das große Talent Lisa Nielebocks immer wieder spürbar". Keim lobt abschließend als Verdienst des Intendanten Elmar Goerden, "dass er interessante junge Künstler ans Haus holt und ihnen Freiräume verschafft." Des Intendanten Hauptproblem sei "der Regisseur Goerden, der in Bochum viel zu viel inszeniert und dabei bisher keinen Erfolg hatte".

Werner Streletz schreibt in der Westdeutschen Allgemeinen (9.6.2008), dass es Lisa Nielebock "über die gesamte blutrünstige Strecke" des "Macbeth" wie selbstverständlich gelinge, "pathetischen Pomp zu meiden, Bedeutungsschwere zu mildern, ohne die beinahe magische Intensität des fortschreitenden Unheils zu gefährden". Die Regisseurin verlege "den Konflikt in die Innensicht von Macbeth, als psychologisches, weniger als machtpolitisches Desaster." Lena Schwarz statte die Lady Macbeth "mit einer mondänen Boshaftigkeit aus, mit einem bis ins Hysterische getriebenen Eifer, einem bis zum Trotz hinausgeschrieenen Ehrgeiz". Martin Rentzsch, "jeder Gefühlsnuance nachspürend und übergangslos zwischen verschlagener Brutalität und bebender Hilflosigkeit changierend", könne als Macbeth "die elegante Vernichtungsgier seiner Lady ebenbürtig parieren".

"Von den jungen Regisseurinnen, die Goerden ans Schauspielhaus holte und förderte", habe sich Lisa Nielebock – so meint es Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (9.6.2008) – "als das meistversprechende Talent" erwiesen. Ihre "Macbeth"-Inszenierung nun finde zwar "sinnfällige Bilder, auch erhellende Einzelheiten und starke Details, aber sie fällt auch in Beliebigkeiten und Rampensteherei. So nimmt sie nur Anläufe zur Tragödie und fügt sich nicht zum großen Bogen." Was in Nielebocks "Penthesilea" "Verdichtung wurde, wird hier Verkürzung. Wie sich das Schauspielhaus Bochum, so Elmar Goerden, für jeden amtierenden Intendanten als zu groß erweist, so auch Shakespeares Tragödie für die junge Regisseurin."

Jens Dirksen
schreibt in der Neuen Ruhr Zeitung (9.6.2008), das "'Macbeth'-Filet, das die junge Regisseurin Lisa Nielebock im Bochumer Schauspielhaus aus dem mörderischsten von Shakespeares Mörderdramen angerichtet" habe, sei kein "blutiges Filet, sondern gut abgehangen: Streng reduziertes Personal, Verzicht auf Randszenen, bis auf den Kern freigelegte Dialoge." Man müsse bei Nielebock "das Morden nicht sehen, um zu verstehen. Denn das Übertreten der zivilisatorischen Grenze beginnt vielleicht damit, dass man Mord schon mal gesehen hat, Mal um Mal, folgenlos, womöglich sogar belohnt. So steht bei Lisa Nielebock das Wort für den Mord." Es sei ein "Macbeth für das Zeitalter der Mugabes und der Manager im Verfolgungswahn". "Inszenierungen wie diese" seien es jedenfalls nicht, "die dem Intendanten des Hauses das Genick gebrochen haben".

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