Masse und Wucht

von Wolfgang Behrens

Braunschweig, 6. Juni 2008. Bei der Uraufführung der "Perser" des Aischylos, 472 v. Chr. in Athen, sollen es 12 Mann gewesen sein. Heute, zweieinhalb Jahrtausende später, sind es über 300, die den Chor bilden: Das darf doch einmal Fortschritt heißen, zumal hier in Braunschweig nicht nur Männer dabei sind, sondern auch Frauen: Bürgerinnen und Bürger aus der Region, die willig Claudia Bosses Aufruf – "Sei Perser! Demokratie erproben im Chor der 500!" – folgten.

Claudia Bosse hat "Die Perser" 2006 schon einmal erarbeitet, in französischer Sprache in Genf, damals waren es "nur" 164 Choristen. Stefan Schmidtke, der Künstlerische Leiter des Festivals "Theaterformen", hat sie daraufhin eingeladen, das Projekt zu dessen Eröffnung und diesmal auf deutsch zu wiederholen.

Gemeinsames Anatmen

Dass der Chor nun nahezu doppelt so groß ist, macht die Sache natürlich auch doppelt spektakulär. Oder etwa nicht? Mit den Riesenchören hat es seine spezielle Bewandtnis: Jeder Chordirigent weiß, dass größere Masse nicht gleichbedeutend ist mit größerer Wucht. Und wenn das Publikum in Braunschweig die leere Bühne betritt, die es mit den gut getarnten, weil alltagsgekleideten Choreuten teilt, dann macht es bald eine ähnliche Erfahrung. Die Respekt einflößende Anzahl 300 ist das eine, die Präzision das andere: Trotz des gemeinsamen Anatmens will und kann es wohl auch nicht gelingen, dass ein derart großer Chor aus einem einzigen Impuls heraus spricht.

Immer wirkt er ein bisschen schwerfällig, hie und da klappert es, und dass bei 300 Individuen hin und wieder und letztlich ziemlich oft jemand einen falschen Einsatz herausschreit, mag man nicht wirklich übelnehmen. Gleichwohl ist es denkbar, dass die zwölf Männlein der Uraufführung mehr chorischen Druck erzeugten: Wer im Theater etwa eines Einar Schleef erlebt hat, wie einen 10 oder 20 absolut impulsgleich skandierende Choristen in Furcht und Schrecken versetzen können, der wird jederzeit eine Lanze für den flexiblen Kammerchor brechen.

Ausharren oder Flucht?

Doch die sprachliche ist nur die eine Seite dieses gigantischen Chorprojekts – und diejenige, die sich schnell als eher gleichförmig und wenig aufregend herausstellt. Auf der anderen Seite sind die im Grunde einfachen, doch sehr wirkungsvollen Raumchoreografien, die Claudia Bosse mit den 300 einstudiert hat. Und diesem Lehrstück frei nach Elias Canettis "Masse und Macht" kann man sich nur schwer entziehen. Wenn etwa eine Phalanx aus vielleicht 100 Personen auf einen zu rückt, dann bleiben dem Zuschauer – der übrigens mit seinesgleichen klar in der Minderzahl ist – nur zwei Alternativen: Ausharren oder Flucht. Wer ausharrt, dem ergeht es wie Moses am Roten Meer: Auf wundersame Weise teilt sich die Front und man gleitet hindurch.

Deutlich anders ist die Situation, wenn der Chor sich plötzlich langsam im Rückwärtsgang bewegt. Im Wortsinne rücksichtslos wird der nicht ausweichende Zuschauer von dieser Masse geschluckt und/oder umgerannt. So oder ähnlich probiert Claudia Bosse mannigfaltige Bewegungsmuster und Konstellationen durch: die hektisch durcheinander rennende Masse, die fliehende Masse, die sterbende (sich auf den Boden legende) Masse etc. Das Publikum ist von Fall zu Fall zu Entscheidungen gezwungen: Sieht es sich als Teil des Chores, versucht es, soweit möglich, Distanz zu halten oder geht es gar auf Konfrontation aus? Wenn die gesammelte Macht der 300 in einer der letzten Szenen wie eine (diesmal tatsächlich undurchdringliche) Wand die Zuschauer im Zeitlupentempo auf immer kleinerem Raum zusammendrängt, wird die Bedrohung durch die Masse auf klaustrophobische Art spürbar.

Die Grenzen der Größe

Einige im Publikum ziehen es in dieser Situation vor, auf die Angreiferseite zu wechseln und gleichsam die erste Reihe des Chorblocks zu bilden. Und die "Perser"? Die werden wortwörtlich gespielt – und zwar in der jüngst bereits bei Dimiter Gotscheff zu neuen Ehren gekommenen sperrigen Interlinearübersetzung von Peter Witzmann (Heiner Müller hat sie durchgesehen und mit seinem Namen geadelt). Die Solisten bemühen sich redlich den Text fremd und groß erscheinen zu lassen, stoßen dabei aber an ihre Grenzen.

Die Königsmutter und Hauptpartie Atossa (Doris Uhlich) stakst barbusig auf Do-it-yourself-Sperrholz-Kothurnen daher, ihr zerhackender Rezitationston, den alle Solisten gleichermaßen pflegen, bleibt aber merkwürdig schlaff und impulslos. Im Versuch, Aischylos' Sprache zugleich zu zelebrieren und fernzurücken, geht sie leider auch ihres Reichtums verlustig: Claudia Bosses Mittel sind hier zu wenig vielfältig, zu wenig differenziert. Und die Tragödie erzählt sich so auch nicht. Die Tragödie ist hier aber ohnehin nur ein Mittel zur Darstellung des Chores – und nicht umgekehrt.


Die Perser des Aischylos
Übersetzung: Peter Witzmann/Heiner Müller
Konzept, Inszenierung, Partitur: Claudia Bosse, Regieassistenz: Andreas Gölles, Koordiniation, Recherche, dramaturgische Mitarbeit: Anselm Lenz, Anke Dyes, Produktionsleitung: Caroline Farke.
Mit: Doris Uhlich, Jörg Petzold, Christine Standfest, Marion Bordat und Bürgerinnen und Bürgen im Alter von 12 bis 79 Jahren. (Die Mitwirkenden am "Chor der 500" finden Sie hier).

www.theaterformen.de
www.theatercombinat.com

 

 

Kritikenrundschau

Claudia Bosses "Perser"-Projekt bei den Theaterformen in Braunschweig ziele "auf Theater als politisch-sozialen Prozess", meint Hans-Christoph Zimmermann in der taz (9.6.): die "Kollektiverfahrung in einer individualisierten Gesellschaft und die Auslotung psychischer Grenzen zwischen Ichbehauptung und Massenemphase sollten erfahrbar gemacht werden." Das Chorkollektiv verschmelze mit den Zuschauern: "Verdrücken ist nicht möglich." Claudia Bosse nehme dabei "den Massen aber jede bedrohliche oder gar martialische Wirkung. Der archaisierende Ton, mit dem die dunkle Übersetzung von Peter Witzigmann und Heiner Müller gesprochen wird, wirkt als distanzierendes Element. Die zahlreichen Kunstpausen im Vers gehen dabei allerdings eher auf Kosten des Sinnkontinuums, als dass sie einer Sprachkritik an der Propaganda des Griechen Aischylos gegenüber dem persischen Staatsfeind dienen." Der Abend nerve zwar gelegentlich "durch die stilisierte Pseudoarchaik, doch die 'Erlösung' des Zuschauers aus dem vereinzelnden Theatersessel, die Erfahrung des Demos im Theater gehören zum Erstaunlichen dieser Aufführung."

Mit Claudia Bosses "Persern" sei "weniger ein Fall von Theaterkunst als vielmehr ein Wille zur gelebten Basisdemokratie zu vermelden", meint Christine Wahl im Tagesspiegel (9.6.): "Man muss sich die Aufführung als eine Art ritualisierten Polit-Crashkurs vorstellen, den die großkoalitionäre Bundesregierung mal buchen sollte. Für Nicht-Regierungsmitglieder hingegen bietet der Abend eher begrenzte Einsichten." Obwohl man Bosses Chorkonzept "keine Plausibilitätsmängel vorwerfen" könne, handele "es sich doch um einen sehr einseitigen Zugang"; "der Wille zum Anti-Illusionistischen" führe "lediglich zu einer roboterhaft monotonen Sprechweise". Doch immerhin: "Weiter kann man die Distanz zwischen Publikum und Bühne nicht aufheben", und insofern könne man einen "gelungenen Festivalauftakt" verbuchen.

Nicht immer stellten sich, so bemerkt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (11.6.), "so blank und bloß die beiden Fragen: Was geschah damals mit denen dort? Was geschieht jetzt mit uns hier?" Claudia Bosses "Perser" seien "der Versuch, die Geschichte zurück in ein Ritual zu verwandeln. Das funktioniert, und gerade deshalb, weil der Ablauf bei allem Effekt durch Masse und Lautstärke nüchtern wirkt." Die Zuschauer, mit denen "wohl eine Menge geschehe", würden "so etwas noch nicht gesehen haben", und doch könnten sie nicht dazu gehören: "Es ist offenkundig, dass erst recht die Beteiligten aus Braunschweig, aber auch Adenbüttel und Benkte, Weyhausen und Wolfenbüttel ein einmaliges Erlebnis haben. Und dass es nicht erst mit Vorstellungsbeginn angefangen hat und mit den letzten Worten und der kurzen Stille danach aufhört. Auch da können wir nicht mitreden und froh sein, im letzten Moment noch einen Zipfel des Projekts erwischt zu haben."

"Wo kämen wir hin", fragt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (16.6.), "wenn uns das Theater ständig derart zu Leibe rücken würde wie bei Claudia Bosses 'Perser'-Projekt in Braunschweig?" Wir würden, so antwortet sie, "überrumpelt und im schlimmsten Fall vom Theater platt gemacht!" Das Irritierende, Faszinierende an dieser Inszenierung sei: "dass sie eine Tragödie physisch erfahrbar macht, dass wir körperlich-sinnlich teilhaben daran. Dass sie buchstäblich aus unserer Mitte, aus unserem bürgerlichen Mittelmaß entspringt." So anstrengend der Abend sei, so gewinne doch die "Masse Mensch, die hier im Chor wimmert, schreit und skandiert, ... eine ungeheure Kraft, der man sich nicht entziehen kann. Das geht über das bloß Effektvolle des Überwältigungstheaters hinaus, weil es mit einer derartigen Ernsthaftigkeit, Konzentration und von den Laien mit einer solch wilden Entschlossenheit betrieben wird, dass der Abend eine befremdliche Archaik atmet, in der etwas herüberweht von 2500 Jahren Geschichte und dem Leid der Menschheit."

In der Braunschweiger Zeitung (7.6.) schreibt Martin Jasper statt einer Rezension einen "offenen Brief an den Kollegen aus dem Perser-Chor". Darin heißt es: "Diese Aufführung ist eine Zumutung! Da steht man geschlagene zweieinhalb Stunden in dieser kahlen, öden Hinterbühne herum. Und dann kommt ihr Chortypen auf uns arglose Zuschauer zu. Brüllt uns eure Verse um die Ohren. Immer und immer im gleichen abgehackten Rhythmus. Glotzt grimmig. Keilt uns ein. Treibt uns vor euch her. Rennt uns fast um. Kein Vergnügen, das!" Dann aber: "Stark jedoch die Choreografie. Wie ihr euch als Chor zusammenrottet und verlauft, wie ihr gegeneinander losgeht oder wild durcheinanderstiefelt. ... Es ist schon so: Wenn man es schaffen will, ein 2500 Jahre altes Stück heute noch Leuten unter die Haut zu brennen, dann ist die Idee der Regisseurin Claudia Bosse wohl ziemlich brillant. ... Da entfaltet sich aus der totalen Niederlage der alten, feudalen Ordnung eine ungeheure, zornige, malmende Kraft. Die spüren wir. Am eigenen Leib! ... Wir können uns nicht entziehen. Das gibt ein klammes Gefühl, das man sonst nur ganz selten hat im Theater."

 
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