Junge Dramatik macht Lust auf mehr

von Simone Kaempf

Hamburg, 6. Juni 2008. Vier neue, bisher noch ungespielte Stücke werden in vier Werkstattinszenierungen vorgestellt – so simpel könnte man die Lange Nacht der Autoren am Hamburger Thalia Theater beschreiben, zumindest ganz von außen betrachtet. Aber so simpel ist die Grundidee natürlich nicht oder besser: nicht mehr. Im Laufe der vergangenen acht Jahre ist der Marathon-Abend am Thalia Theater (und zuvor bereits am Schauspiel Hannover) zu einem Spektakel für alle geworden: für die Zuschauer als Abschluss der Autorentheatertage, an denen zwei Wochen lang Inszenierungen zeitgenössischer Stücke gastieren; für Dramaturgen, Regisseure, Journalisten zeigt der Dramatikerwettbewerb – der die Lange Nacht in ihrer Organisationsform auch ist –, wie die Stücke, die aus der Menge geschriebener Dramen herausragen, auf der Bühne funktionieren könnten.

Blicke ins Jenseits der Autoren-Wohnzimmer

"Regen in Neukölln" von Paul Brodowsky, "Letztes Territorium" von Anne Habermehl, "Birds" von Juliane Kann und "Lilly Link" von Philipp Löhle – das sind die vier Stücke, die Alleinjuror Gerhard Jörder aus den 79 Einsendungen für die Lange Nacht ausgewählt hat.

Jörder hatte sich Texte gewünscht, "in denen der Blick nicht an den Wänden des eigenen Wohnzimmers endet", "in denen sich die Generation der Autoren und Autorinnen nicht nur mit sich selber unterhält", in denen schließlich die Synthese von "Kunst und Inhalt" gelänge. Das sei ausdrücklich keine Abschreckungsausschreibung gewesen, versicherte Jörder in seiner Eröffnungsrede der Autorentheatertage vor zwei Wochen, "andererseits war auch das Gegenteil nicht beabsichtigt".

So gab es in diesem Jahr keinen neuen Einsenderekord, dessen man sich hätte rühmen können - und immer wieder präsentiert man solche Zahlen bei den Stückemärkten und Autorentagen, ohne zu hinterfragen, was sie eigentlich genau belegen -, dafür aber gab es eine Ausbeute von vier Texten, von denen jeder seine spezielle Qualität hat. Und wenn also tatsächlich etwas in dieser Langen Nacht überzeugte, dann waren es die Texte, weniger die szenischen Fantasien der Regisseure – und man hat das früher auch schon genau umgekehrt gesehen.

"Letztes Territorium"

Zum Auftakt der Langen Nacht nutzte Regisseurin Corinna Sommerhäuser die Chance zum zwanglosen Herumexperimentieren jedenfalls kaum aus. Ihre Inszenierung von Habermehls "Letztes Territorium" wird dominiert von einem hohen, silbernen Maschendraht-Verschlag.

Mal sitzen dahinter im Wohnzimmer die Mutter, ihr Sohn und der Ex-Mann, mal sitzt Mehdi dort wie ein Gefangener hinter Gittern. Die Familie hat den schwarzen Flüchtling beim Urlaub auf den Kanaren kennengelernt. Nun steht er in Stuttgart vor der Tür, und es prallen Klischees, Vorurteile, Ängste aus zwei Welten aufeinander. Sommerhäuser inszeniert das didaktischer und weniger komisch, als es der Text vorgibt.

Den richtigen Ton hat der Abend noch nicht, aber in diesem Fall bleibt noch Zeit, um an der Inszenierung weiterzuarbeiten. Denn bereits vor den Autorentheatertagen hatte das Thalia die Uraufführung des Stücks durch Sommerhäuser für November 2008 auf den Spielplan gesetzt.

"Birds"

Ist bei Sommerhäuser der metallische Drahtverschlag das dominierende Requisit, so lässt Sascha Hawemann in seiner Inszenierung von Juliane Kanns "Birds" eine lange Schlange Supermarkt-Einkaufswagen auf die Bühne fahren. Die vier Heranwachsenden, um die es geht, rasen damit nicht über die Bühne. Sie sitzen darauf, reden, stechen sich ein Piercing, und tun sich mit ihren subtilen Aggressionen äußerst weh.

Die ersten Liebesversuche enden in Verletzungen, am Ende wird ein ungewolltes Kind geboren und stirbt. Das alles erzählt Hawemann langsam bis zur Schmerzgrenze, melancholisch aufgeladen mit viel Musik, und ob nun trotzdem oder gerade deswegen: der Text erwischt einen kalt.

Am Ende des Abends wurde dann auch Kanns Text mit dem 10.000 Euro dotierten Autorenpreis der Thalia Freunde ausgezeichnet. "Wir haben uns entschieden für das Stück, das sich am wenigsten schützt durch Konvention, Kunst und Formwille, das entschieden die Wunde zeigt, die die Autorin zum Schreiben zwang. Die Wunde des Erwachsenwerdenmüssen", so die Begründung der dreiköpfigen Jury aus Michael Börgerding, Friedrich Schirmer und der NDR Hamburg Journal-Journalistin Frauke Stroh.

"Regen in Neukölln"

Der Publikumspreis, dotiert mit 5.000 Euro, ging an Paul Brodowskys "Regen in Neukölln". Hasko Webers Zugriff auf das Stücks entsprach am ehesten einer typischen Langen Nacht-Inszenierung, durch die das Spektakel in Hamburg erst so beliebt geworden ist: das Offene bleibt sichtbar, ein Ausprobieren, das mit den Figuren des Stücks spielt, den Text im Vordergrund behält, nicht auf Theaterfertigkeit zielt, und klar suggeriert, dass es viele Möglichkeiten gibt, diesen Text zu inszenieren.

Brodowskys Figuren, die sich eigentlich auf den Straßen Neuköllns treffen, kommen bei Weber in einer Wohngemeinschaft zusammen, aber das Interessanteste ist eher die Typenzeichnung, die hier stattfindet. Bei allem Spaß daran machte die Inszenierung aber auch nochmal klar, dass "Regen in Neukölln" mit seinen vielen Perpektivwechseln, Erzählpassagen, Ortswechseln eine ziemliche Herausforderung für einen Regisseur ist.

"Lilly Link"

Mit Philipp Löhles "Lilly Link" hat man da weniger Probleme, wie Jorinde Dröses schnelle, szenenhafte Inszenierung zeigte. Wird in "Genannt Gospodin" die gleichnamige Hauptfigur zum Außenseiter, weil er außerhalb des Geldkreislaufes zu leben versucht, ist es nun Lilly, die sich bis zur Lächerlichkeit an die Idee des politischen Widerstands klammert.

Umgeben ist sie von Freunden, Bekannten und Eltern, die erkannt haben wollen, wie das Leben eben läuft, die wie Amoz in den Widerstand "so reingerutscht" sind, wie Manuel glauben "dass sich alles irgendwann ausgleicht", und zwar von allein, oder die wie Anne zwar jeden Donnerstag in der Aktionsgruppe Frösche über die Straße tragen, aber jedes Mal den Ekel überwinden müssen. Im Grunde stellt Löhle mehr Fragen an Grenzen und Notwendigkeiten eines politischen Handelns.

Dröses Inszenierung, mit einem kleinen aufklappbaren Häuschen auf der Bühne, betonte die groteske Seite dieser Fragen. Seinen Weg wird das Stück ganz sicher machen. Ausgezeichnet wurde es auch schon, auf dem Heidelberger Stückemarkt vor einem Monat gewann "Lilly Link" den Autorenpreis.

Direkt  - ein bisschen zumindest

Gab es in den vergangenen Jahren in Hamburg immer wieder Stück-Auswahlen, in denen einzelne Texte untergingen, oder bei denen eine Kanonbildung nicht stattfand, so repräsentieren die vier Texte vier junge Autoren, die von unten nachdrängen, die alle bereits mit ersten Texten Erfolg hatten. Ihre Figuren bleiben nicht nur auf dem Wohnzimmersofa kleben. Familiäre Konstellationen werden nicht mehr überstrapaziert, um etwas über gesellschaftliche Veränderungen zu erzählen. Relevante Themen sind wieder direkter angesprochen, ein bisschen zumindest. Aber genügend, dass die junge Dramatik hier Lust auf mehr macht.

Für Juror Jörder hat sich "im Vergleich zu früheren Jahren nicht nur das Spektrum der Themen, sondern auch die Bandbreite der Tonfälle, der Genres, der Stillagen ausgeweitet." Wird man die vier Stücke demnächst auf deutschsprachigen Bühnen wiedertreffen? Dramaturgen und Chefdramaturgen sichtete man jedenfalls auch diesmal im Publikum. Sie stellen zwar nur eine Instanz, der ein Stück gefallen muss, aber immer noch die wichtigste, damit es ein Text auf den Spielplan schafft.

 

Lange Nacht der Autoren 2008

Letztes Territorium
von Anne Habermehl
Regie: Corinna Sommerhäuser, Bühne: Martina Stoian, Kostüme: Adriana Braga Peretzki.
Mit: Natali Seelig, Christoph Tomanek, Claudius Franz, Asad Schwarz-Msesilamba.

Regen in Neukölln
von Paul Brodowsky
Regie: Hasko Weber, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Katharina Kownatzki.
Mit: Simone Henn, Jörg Koslowsky, Jörg Pose, Hartmut Schories, Helmut Mooshammer, Katharina Rivilis, Markus Graf. 

Birds
von Juliane Kann
Regie: Sascha Hawemann, Bühne und Kostüme: Anna Macholz.
Mit: Lisa Hagmeister, Moritz Grove, Thorsten Hierse, Claudia Friebel.

Lilly Link
von Philipp Löhle
Regie: Jorinde Dröse, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Veronika Bleffert.
Mit: Susanne Wolff, Harald Baumgartner, Marina Wandruszka, Benjamin Hübner, Hans Löw, Anna Blomeier, Ben-Daniel Jöhnk, Daniel Christensen, Jörg Kleemann.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Die beiden prämierten Stücke der diesjährigen Hamburger Autorentheatertage hätten "inhaltlich und stilistisch unterschiedlicher kaum sein können", schreibt Monika Nellissen in der Welt (9.6.), sie entsprächen aber "exakt der Vorgabe, die als Motto über der Ausschreibung stand: 'Mehr Inhalt, weniger Kunst.'" In Juliane Kanns "Birds" agierten "vier Jugendliche im Zustand des Frühlingserwachens", "gefährdet durch ihr familiäres Umfeld, verwirrt und herausgefordert durch ihr erwachtes Drängen nach Sexualität, das in eine Katastrophe mündet." "Paul Brodowskys wie hinskizziert wirkende, bisweilen etwas konfuse Miniaturen 'Regen in Neukölln' dagegen beschreiben die brüchige, auch skurrile Welt des Berliner Stadtteils Neukölln als Biotop einer multikulturellen Gesellschaft." Hasko Weber finde für Brodowskys Stück "einen Inszenierungsstil, der drastische Überzeichnungen nicht scheut".

 
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