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Identitärer Wolf im linksliberalen Schafspelz

15. November 2017. In der Zeit analysiert und kritisiert die Theaterwissenschaftlerin Amy Stebbins die Erfolgsgeschichte von Ayad Akhtars "Geächtet", das auf deutschsprachigen Bühnen rauf- und runtergespielt und soeben in Wien als "Stück des Jahres" mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet wurde.

"Geächtet" sei "das geplante, designte Produkt der Araca Group", einer amerikanischen Theaterproduktions- und Vermarktungsfirma, die 1997 ursprünglich als Merchandisingunternehmen gegründet wurde, skizziert Stebbins die Produktionsgeschichte. Und fragt sich: "Was macht es so erfolgreich? Die Geschlossenheit seiner Narration? Das Identifikationspotenzial seiner überzeichnet geheimnislosen Figuren? Die schlichte, anspruchslose Sprache, die, bar jeder literarischen Qualität, eher den Anforderungen einer Arztserie als den Möglichkeiten des Sprechtheaters gerecht wird?"

Der Text gehe jederzeit von der ungebrochenen Identifikation des Schauspielers mit seiner Rolle aus, emotional, physisch – "ja sogar in der Erwartung an die Ethnizität des Darstellers, seiner 'Rasse', wie man auf Englisch ja völlig ungeniert sagt", so Stebbins. "Ayad Akhtar möchte 'echte Menschen' sehen." Von der Möglichkeit, Rassen- und Kulturklischees als sozial und ökonomisch bedingte Performances zu dekonstruieren, mache er "folgerichtig keinen Gebrauch". "Einmal Muslim, immer Muslim, und braune Muslime schlagen eben weiße Frauen. Offensichtlich entspricht nicht nur die Abwesenheit irgendeiner strukturellen (ökonomischen) Kritik den Erwartungen eines wohlsituierten Publikums", schreibt Stebbins.

"Geächtet" bediene so die unterdrückten Vorurteile des reichen, linksliberalen Publikums "auch in Deutschland", "ohne dieses in seiner wirtschaftlichen und weltanschaulichen Überlegenheit zu bedrohen", heißt es. "Und es transportiert die Ideologie des Identitären. Auf der Ebene seiner Geschichte, in der jeder sich am Ende als derjenigen 'Identität' zugehörig entpuppt, in die er sowieso hineingeboren wurde, wie auf der Ebene seiner Rollenbesetzung – indem die Darsteller möglichst so auszusehen haben, wie die Zielgruppe des Stückes sich eben einen Muslim oder einen jüdischen New Yorker vorstellt."

Stücke wie "Geächtet" seien "das Gegenteil dessen, was sie zu sein behaupten. Sie stabilisieren den festen, treuen Glauben in die Unausweichlichkeit des Bestehenden, statt die Konstruktionsprinzipien desselben begreifbar und angreifbar zu machen", führt Stebbins aus. "Und da die meisten Theaterbesucher nach wie vor zu denjenigen gehören, die vom Bestehenden profitieren, macht diese Art Stück sie satt und glücklich."

(sd)

Der Chefdramaturg des Residenztheaters München (wo "Geächtet" auch auf dem Spielplan steht), Sebastian Huber, reagiert hier auf Amy Stebbins' Essay.

Nachtkritiken zu Inszenierungen von "Geächtet" auf deutschsprachigen Bühnen:

am Residenztheater München (Regie: Antoine Uitdehaag, Premiere: 3. Februar 2016)

am Burgtheater Wien (Regie: Tina Lanik, Premiere: 25. November 2016)

am Schauspiel Köln (Regie: Stefan Bachmann, Premiere: 23. Mai 2017)