Dies ist kein Theater?

16. November 2017. Über seine Gegner und Kritiker, über Kontinuität an der Volksbühne, eine Instrumentalisierung durch die Kulturpolitik und von ihm gemachte Fehler spricht der neue Volksbühnen-Intendant Chris Dercon im themenoffenen Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung.

Nicht mehr unternommen zu haben, um mit Castorf, Pollesch, Fritsch oder Marthaler ins Gespräch zu kommen, bezeichnet Dercon als einen seiner größten Fehler: "Es war falsch, so oft an Politiksitzungen teilgenommen zu haben, ich hätte besser jeden Tag an der Tür von Castorf geklingelt. Ich hätte unbedingt dafür sorgen müssen, dass ich das Alte mit dem Neuen verbinde."

Verbrannte Erde?

Volksbühnen-Regisseure wie René Pollesch oder Herbert Fritsch hätten Dercons "Liebe nicht erwidert", so Interviewerin Daniele Muscionico: "Für mich war die grösste Enttäuschung, dass Pollesch sich abgewandt hat", so Dercon. "Die noch grössere Enttäuschung war, dass es uns nicht gelang, einige Stücke von Castorf, Marthaler, Pollesch und Fritsch in unser Repertoire zu übernehmen. Wir haben bei null angefangen, verbrannte Erde. Kein deutsches Theater musste je bei null wiederbeginnen – ausser 1946."

Gefragt, ob er sich als "Kriegsgeschädigter" verstehe, antwortet Dercon: "Nein, ein Krieg ist ein Krieg. Ein Theaterkrieg ist nur Theater." Was "nur" heiße, ob er nicht um Inhalte gekämpft habe, will Muscionico wissen. Dercon antwortet: "Wenn man ins Theater geht, ist man ein Gläubiger. Man glaubt an einen Regisseur, an ein Stück. Man kommt zu einer Messe." Als "Glaubenskrieger" aber sehe er sich nicht. Er habe eine Vision, sei "ein Moderator von Veränderungen" und glaube an "gewisse Kunstformen", allerdings "nicht im Sinne eines Fans".

Eiszeit aufwärmen

Als "Passeur" oder Zwischenhändler im Derrida’schen Sinne interessiere ihn, was zwischen den Künsten passiere, lässt Dercon wissen: "Was mich nicht interessiert, ist der Kitsch vom Gesamtkunstwerk und der Kitsch von Interdisziplinarität." An der Volksbühne werde etwas Neues entstehen: "Wir leben in einer sozialen, ökonomischen und politischen Eiszeit, und das Theater hat die Mittel, sie aufzuwärmen." Dabei knüpfe er an die Tradition des Hauses an. "Die Volksbühne ist die Geschichte von hundert Jahren Radikalität und von Neubefragung der Konventionen, und wir stehen für Kontinuität."

Auf Muscionicos Nachfrage – "Sie diskreditieren Ihre Kritiker, indem Sie diese als Fans abtun, sich selber aber nennen Sie einen Visionär" – entgegnet Dercon, er könne seine Gegner nicht ernst nehmen, weil sie ihn "als Projektionsfläche für alles Mögliche betrachtet" und vorverurteilt hätten. Kritik hingegen schätze er und nehme etwa die Frage ernst, ob er an der Volksbühne ein Repertoire und ein Ensemble aufbauen könne, so der Intendant auf zweimalige Nachfrage.

Kulturpolitik versus Kunstfreiheit

Mit "Jupp!" antwortet Dercon auf Muscionicos Äußerung, dass er vom Regierenden Bürgermeister Berlins, Michael Müller, im Regen stehen gelassen worden sei und vom Kultursenator Klaus Lederer öffentlich infrage gestellt wurde. "Die Frage ist doch: Was machen wir hier? Machen wir in Berlin Politik oder linke Kulturpolitik? Und was heisst das für die Kunstfreiheit?" Die Kunst dürfe ihre Freiheit nicht aufgeben: "Wenn passiert, was in Ungarn geschieht, oder in Polen, in Russland – oder ein Stück weit in Berlin –, dann wird es gefährlich", so Dercon. "Aber vergessen Sie nicht: Belgien ist die Wiege des Surrealismus: 'Ceci n’est pas une pipe.' Für die Volksbühne heisst das: 'Ceci n’est pas un théâtre?' Mit Fragezeichen!"

(Neue Zürcher Zeitung / eph)

 

Die Nachtkritik zur Volksbühnen-Eröffnung mit einem Beckett-Dreiteiler und Situationen von Tino Sehgal ist hier zu lesen.

Eine kommentierte Presseschau fasste im September 2017 den Stand der Debatte um die Volksbühne zusammen.

Kommentar schreiben