Her mit den alternativen Fakten!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 17. November 2017. Rotes Scheinwerfer-Licht auf einem rosa gestreiften Boden. Phototapete miesester Auflösung betont die Holzhütte als Holzhütte. Eine Reihe von Bildschirmen, flimmernd, Clipart-Atmosphäre. Von oben hängt eine Projektionsfläche, eingefasst in Höhlenromantik. Sieben Schauspielende in beigem Trainingsanzug und mit Kim-Jong-un-Frisur tunken die Gesichter langsam ins dann grüne Scheinwerfer-Licht. Zu langsam, zu bunt, zu hell, zudem ein viel zu leises Gedudel, das hört niemals auf. Am Volkstheater Wien inszeniert Hermann Schmidt-Rahmer den Roman "1984" von George Orwell in richtig ranziger Optik. Die Bühne von Thilo Reuther, die Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch, die Videos von Clemens Walter und das Licht von Paul Grilj: Ist alles immer Verfremdungseffekt. Hält die Bühnenillusion in verstörender Distanz.

1984 3 560 Lupi Spuma uLauter kleine Kim Jong-uns spielen Dystopie am Volkstheater Wien © Lupi Spuma

Trump, Conway und ein Emoji-Chor

Ist das Kitsch oder ist das geil oder ist dieser Kitsch geil? Und das Ensemble spielt exaltiertest mit. Birgit Stöger steckt den Finger in die Luft. Klirr! Frau Parsons klingelt bei Winston an der Wohnung. Pantomime Tür auf, Pantomime Tür zu. Steffi Krautz krächzt "Gedankenverbrechen". Dank dieser Meldung ihrer Tochter werden Herr und Frau Parsons zu Unpersonen erklärt, also aus der Geschichte radiert. "Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit." Sebastian Klein wischt an einem Bildschirm. So stimmt das Photo von Trumps Inauguration mit den "alternativen Fakten" überein. Repeat! Katharina Klar hüpft stotternd in Ausgangsposition. Delete! Sebastian Pass und Kaspar Locher werfen sich angestrengt zu Boden.

Schmidt-Rahmer vermengt aktuelles Textmaterial mit Alan Lyddiards Theaterfassung der Orwell-Vorlage. Macht Aktualisierung ohne moralisierende Anbiederung an die Gegenwart. "Wir nehmen die Macht von Washington und geben sie an das Volk." Das Ganze als Abfolge von Lektionen, Trumps Inaugurationsrede als Lektion eins: "Doppeldenk bedeutet die Fähigkeit, zwei einander komplett widersprechende Ansichten gleichzeitig zu denken und zu akzeptieren." Beim Zwei-Minuten-Hass, eine verpflichtende Abreaktions-Übung der Bewohnenden von Ozeanien, wird Kellyanne Conway benutzt: "Komm raus, du blöde Sau, zeig mir deine alternativen Fakten, zeig sie her!" Und mit einem Text des Journalisten Kai Strittmatter resümiert ein Emoji-Chor über Big Data, Überwachung und die Verehrlichung der Menschen in Zeiten der Algorithmen.

Stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt

Eingearbeitet in die Lektionen erzählt sich die Geschichte vom systemuntreuen Winston Smith. Nach kurzer Etablierung seiner Lebensrealität geht's mühelos rüber zur Liebesgeschichte mit Julia und deren Aufdeckung durch ein Mitglied der inneren Partei. "Lektion 173. Wir können Verbrechen identifizieren, bevor sie überhaupt begangen wurden." Im "Ministerium für Liebe" soll Winston später, nach der Pause, die Lektion aller Lektionen erleben: Zwei und zwei macht fünf – im Roman das ultimative Alternativ-Fakt, in die Welt gesetzt von der Partei. Die Bühne dominiert jetzt ein schäbiges Weiß, analog zu Orwells dauerheller Umkachelung. Rainer Galke mimt den Winston ungebrochen unruhig. Augen rollen, links, rechts, die Knie gebeugt, zu einer Flucht bereit. Vertraulich, viel zu vertraulich, und leise durch ein Mikrophon wendet er sich mit Zustandsbeschreibungen ans Publikum. Kaum fallen seine schweren Schultern Richtung Bauch, richtet er sich wieder auf, ein ganzkörper-mümmelnder Hase, die Flucht von vornherein vorbei.

1984 1 560 Lupi Spuma uKniend vor der Kamera, Tomaten spuckend: Rainer Galke ist Winston Smith, die Hauptfigur in George Orwells "1984" © Lupi Spuma

Big Brother ist totalitärer als die Ermordung von Dissidenten. Erst wenn Winston seine Lektionen gelernt und verinnerlicht hat, wenn er die Macht liebt und bejaht, dann kommt die Kugel in den Kopf. "Wenn Sie sich ein Bild von der Zukunft ausmalen wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in ein Menschenantlitz tritt – immer und immer wieder." Die Inszenierung zelebriert die Folter: Galke kniet vor einem Tisch, spuckt Tomaten und Bananen. Über die Nahaufnahmen-Projektion flimmern Objekte, wieder Clipart-Atmosphäre. Derweil verliest Krautz Foltermethoden als Asia-Restaurant-Bestellungen: "Rachengeschnetzeltes, weich". Gleichzeitig diskutiert Birgit Stöger als Offizier O'Brien mit Winston über vier oder fünf Finger: "Was ist dir lieber: Mich zu überzeugen, dass du fünf siehst oder sie wirklich zu sehen?" Zu viel, auf einmal, zu disparat, so verfremdet – so ein richtig verblüffender Theaterabend.

 

1984
von George Orwell
Theaterfassung von Alan Lyddiard, Deutsch von Michael Raab
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Thilo Reuther, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Video: Clemens Walter, Licht: Paul Grilj, Dramaturgie: Anita Augustin.
Mit: Rainer Galke, Katharina Klar, Sebastian Klein, Steffi Krautz, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Birgit Stöger.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.volkstheater.at

 

Kritikenrundschau

Am Schluss glaube Winston tatsächlich, fünf Finger zu sehen, obwohl ihm nur vier gezeigt werden, schreibt Ronald Pohl in Der Standard (online am 18.11.2017). "Das Wiener Volkstheater glaubt ja auch, dass ein paar Wirklichkeitszitate aus Übersee und etwas 'Neusprech' zusammen eine zeitgenössische Interpretation von '1984' ergeben. Beide behalten Unrecht."

In der Presse (online am 18.11.2017) ärgert sich Thomas Kramar. Es fehlten in Schmidt-Rahmers viele fürs Verständnis des Stoffs wesentliche Passagen, "und vieles wurde sinnlos durcheinandergewürfelt." Außerdem wolle Schmidt-Rahmer aus "1984" ein Anti-Trump-Drama machen, und seine "plumpe, noch dazu handwerklich schlecht gemachte Collage" verwische damit den Unterschied zwischen den USA – "in denen, bei aller Kritik an Trump, eine Demokratie besteht, mit aufrechten 'Checks and Balances'" – und argen Diktaturen, so Kramar. Sein Fazit: "Vielleicht muss man sich an den skurrilen Trend gewöhnen, dass im Theater heute schon fast mehr Romane als Dramen gespielt werden. Doch man darf verlangen, dass die Romane wenigstens ernst genommen werden."

 
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