Gärende Lebensreste

von Katrin Ullmann

Hamburg, 18. November 2017. Man möchte Gerda eine Strumpfhose schenken. Eine, die richtig gut sitzt. Und schöne Beine macht. Denn wenn sie sich gleich zu Beginn des Abends rücklings auf einen der Barhocker hangelt, dabei immer wieder abrutscht und es zeitlupenmühsam und vergebens aufs Neue versucht. Dann rutschen auch immer wieder ihre Nylon-Kniestrümpfe. Rutschen hinunter bis zu den Knöcheln. Und damit und dorthin auch ihr letztes Restchen Würde.

Handschuh3 560 Sinje Hasheider uMänner mit Milieu: "Der goldene Handschuh" © Sinje Hasheider

Die großartige Bettina Stucky spielt Gerda Voss: ihre gemusterte Kittelschürze war vermutlich nie Orange (Kostüme: Dorle Bahlburg), ihr Körper ist schon lang aus der Form geraten, ihre Haare strähnig, ihre Brillengläser fingerdick. Gerda ist eine der Figuren in Heinz Strunks Roman "Der goldene Handschuh". Einem Roman, der in den siebziger Jahren in der gleichnamigen 24-Stunden-Kneipe im Hamburger Rotlichtmilieu spielt. Hier versammelten sich die Abgerissenen, die halb Verrotteten, die ganz und gar Hoffnungslosen. Sie rauchten "Eckstein ohne Filter", tranken Schnaps, nein "Fako", Fanta Korn. Hier grölten aus der Musikbox die Sehnsuchtsmelodien, hier stank es nach Pisse, Rauch und Säufersuff. Hier verkehrten "Doornkaat-Willy, Bulgaren-Harry, Ritzen-Schorsch" und auch der vierfache Frauenmörder Fritz Honka, genannt Fiete. Ihnen allen war "das Glück im Arsch erfroren".

Viel Lotter, wenig Psychogramm

Strunks Roman galt im vergangenen Jahr als kleine Sensation, wurde in den Feuilletons hoch- und runtergefeiert, und sogar für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Tatsächlich wird einem beim Lesen fast schlecht, und gern glaubt man, dass der Autor an die 150 Mal – wie er erzählt – selbst in der Bar war, um "dies und das aufzuschnappen". Entsprechend gibt es in seinem Buch viel Milieu, viele gärende Säcke und viele verlotterte (Frauen)körper. Wenig, zu wenig allerdings erfährt man über das Psychogramm des Serienmörders Honka, des schmächtigen 40-jährigen Nachtwächters, der 1975 erst nach tagelangem Schweigen die Morde gestand.

Handschuh1 560 Sinje Hasheider uGlanz und Elend unter Rotlicht oder Eine naturalistische Nummernrevue © Sinje Hasheider

Gemeinsam mit seinen Kollegen Jacques Palminger und Rocko Schamoni alias Studio Braun hat Strunk nun seinen Roman am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführt. Und damit Suff, welkes Fleisch, wabbelige Lebensreste, perverse Lust und wütendes Morden auf die große Bühne gehievt; als eine krude Mischung aus schonungslosem Naturalismus und vermeintlich schräger Nummernrevue. Ein detailreich gezeichnetes Kabinett des Elends: Da hängen die Stammgäste des "Goldenen Handschuhs" windschief am Tresen – ein übergroßer Aschenbecher mit eingelassenen Urinalen (Bühne: Stéphane Laimé). Da stolpern jene Gerda oder später Anni (Lina Beckmann) in die verwahrloste Dachgaube von Fritz Honka (Charly Hübner), werden geschlagen, von hinten genommen und schließlich erwürgt. Da treten Pole-Tänzerinnnen (Rica Blunck, Gala Othereo Winter) auf, die Heilsarmee und immer wieder der Sänger und Songschreiber Jens Rachut als verkaterter Kater im Fellkostüm. Im Hintergrund behaupten großflächig projizierte, historische Hamburgaufnahmen eine Zeitreise. Mal flackern neonbunte Sex-Reklamen, mal wird statt einer Juke-Box die Live-Band angeworfen.

Schon harter Tobak

Klar, all das erzeugt Atmosphäre(n). Der Abend ist streckenweise realistisch genug, um, wie bei der Romanlektüre, zu schaudern. Zugleich sind seine theatralen Mittel so schlicht und vorhersehbar, dass man sich fürchterlich schnell langweilt. "Ha, Ha, Ha", lachen die bösen Männerfiguren extra böse und spritzen mit Schnaps nach den x-beinigen Frauenfiguren in Opferhaltung. "Schon harter Tobak" raunt ein ergrauter Herr im Parkett ein bisschen angeekelt seiner Begleitung zu. Und hat doch bis dahin bestimmt ein halbes Dutzend heimliche Fotos von der Aufführung gemacht. Er ist dem schrecklich ausgestellten Voyeurismus von Studio Braun voll aufgesessen. Dem unverzeihlichen Figurenverrat, der fehlenden Überhöhung oder Abstraktion durch eine Inszenierungsidee. "Stimmt, harter Tabak", erwidert die Begleitung beim Schlussapplaus. Und ja, da war zu viel Milieu, zu viel plump provozierte Lust am Ekelhaften. Dafür ins Theater? Dann lieber eine Eckstein ohne Filter. Und eine Fako vor Ort.

 

Der goldene Handschuh
von Studio Braun, nach dem Roman von Heinz Strunk
Regie: Studio Braun, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Dorle Bahlburg, Musik: Studio Braun, Lieven Brunckhorst, Sebastian Hoffmann, Ton: Matthias Lutz, Christoph Naumann, Licht: Rebekka Danke, Videodesign: Jan Speckenbach, Video: Marcel Didolff, Peter Stein, Choreografie: Rica Blunck, Dramaturgie: Bastian Lomsché.
Mit: Lina Beckmann, Rica Blunck, Lieven Brunckhorst, Ali Busse, Rosemary Hardy, Taco van Hettinga, Jonas Hien, Sebastian Hoffmann, Charly Hübner, Josef Ostendorf, Jacques Palminger, Jens Rachut, Sönke Rust, Rocko Schamoni, Heinz Strunk, Matthias Strzoda, Bettina Stucky, Michael Weber, Gala Othero Winter.
Dauer: 1 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Furchtlos und handgreiflich stürzt sich das Ensemble in die Rollen der Schmutzigen, Hässlichen und Beleidigten – mit der gleichnamigen Filmadaption landete Intendantin Karin Beier vor rund zehn Jahren in Köln einen Theatererfolg", erinnert sich Eva Behrendt in der taz (20.11.2017). "Damals problematisierte ein verglaster Showcontainer die voyeuristische Perspektive der Zuschauer*innen." Doch feinsinnige Blickpolitiken seien Studio Brauns Sache nicht. Genauso wenig Rücksicht nehme das Trio auf all die Diskriminierungsdebatten, die das Theater die letzten Jahre geführt hat: "Die geschmeidigen Tresensprüche und Herrenwitze, die rund um den Handschuhtresen gekloppt werden, sind brachial authentisch in ihrem Sexismus, Rassismus, im Schwulen- und Selbsthass. Geschenkt", so Behrendt: Schmerzlich jedoch fehle der Inszenierung die "traurige Präzision" von Strunks Sprache, für die man eine eigene Theatersprache hätte erfinden müssen.

"Die Sorge, dass die Beschreibung von Honkas Leben in den Siebzigern sich in reinem Blödsinn auflöst, wird mit dem Auftritt von Charly Hübner schnell entkräftet", meint Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.11.2017). Hübner konzentriere alles Mitgefühl mit seiner "sozial zerrütteten" Figur "so genial zwingend auf sich, dass der ganze Spaß drumherum eine ganz neue Funktion erhält", so Briegleb – "die Honka Horror Picture Show mit viel Musik, Tanz und Übertreibungen, die Studio Braun rund um die Kerngeschichte inszenieren, bekommt die Atmosphäre einer hoffnungsvollen Gegenerzählung." Studio Braun zeigten, "dass diese Alkoholiker-Welt nicht nur Elend, Verwahrlosung und Depression vereint, sondern auch Glück, Freude und Heimat. Jeder Mensch hat ein anderes Herdfeuer, das ihn wärmt, und bei manchen ist es eben der Schnaps. Und das zeigt dieser Abend ohne jede bürgerliche Hochnäsigkeit."

Eine "stinkende und triefende Revue aus der Gosse" hat Thomas Andre gesehen, die er dennoch "erfrischend kurzweilig" fand. "Es braucht eine Lust am Ekel, um dieses glorreiche Elend ins Werk zu setzen", schreibt Andre im Hamburger Abendblatt (20.11.2017). "Das Ensemble, in dem Josef Ostendorf als oberprolliger Nachtwächter noch heraussticht, glänzt mit Körpereinsatz und Mut zur Hässlichkeit."

"Ein knapp zweistündiger Abend mit aus zu viel Showelementen resultierenden dramaturgischen Hängern und sehr intensiven Momenten", resümiert Katja Weise im NDR (19.11.2017). Letztere seien "vor allem Charly Hübner zu verdanken – und zwei großartigen Schauspielerinnen an seiner Seite: Bettina Stucky und Lina Beckmann".

Auf Spiegel online (20.11.2017) lobt Werner Theurich Charly Hübner: "Der besessene Blick, die schnellen Stimmungswechsel, die hilflose Zärtlichkeit, die explosiv-antisoziale Aggression, das alles feuert er mit einer rasenden Brillanz ab, die die drückende Last von Schicksal und Tod fast vergessen lässt", so Theurich: "Man lacht im Parkett, aber lachen kann auch eine Flucht sein." Lina Beckmann sei der zweite Star der Höllenfahrt: "Wie sie den zwei Frauenfiguren (...) Profil gibt, Komik und Trauer zelebriert, rührend schlicht und derbe ein verletzte Innenleben verschiedenen Zuschnitts glaubhaft macht, ist große Kunst."

"Leider wenig überzeugend" fand's Monika Nellissen und schreibt in der Welt (19.11.2017): Die Inszenierung banalisiere, verharmlose, peppe die Tragödie einer kaum erträglichen Trostlosigkeit auf, was Strunk in seinem Roman durch eine beinahe grausige, urteilsfreie Beiläufigkeit, selbst im Ungeheuerlichsten, vermeide. Ekel, Empathie, Entsetzen packten den Leser, im Schauspielhaus sei es eher das erlahmende Interesse an einem mit großem Aufwand bis zum apokalyptischen Ende gestemmten Stationendramas, so Nellissen: Immerhin werde die Inszenierung von den Schauspieler*innen "veredelt": "Wie Hübner, der volltrunken, das Kreuz durchgedrückt, mit schlurfendem typischem Gang und stier konzentriertem Blick des Alkoholikers eine gewisse Haltung zu wahren versucht, allein das ist unendlich berührend, mitleiderregend anzusehen, weil es wahrhaftig ist." Und "Lina Beckmann ist erschütternd ehrlich und gleichzeitig komisch als Nutte Anni und Putzfrau Helga, Bettina Stucky erregt Mitleid und Gelächter als grenzdebile, dicke, versoffene Hure und erfüllt ihre Rolle als aufgetakelte Reedersgattin, während Rosemary Hardy als Gisela von der Heilsarmee und Gala Othero Winter als anschaffende Poledancerin milieugerecht agieren."

 
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