Viel Wind um nichts

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. November 2017. Jule sammelt Unterschriften, die Windräder sollen ins Dorf, aber Jule ist aus der Stadt geflüchtet, weil sie frischen Wind will und frische Luft und unter freien, frohen Leuten sein - so solls auf dem Land unter Leuten sein. So geht sie auch auf der Bühne von Tür zu Tür, indem sie vorn steht und mit den Leuten spricht. Die Leute, die vor ihren Türen stehen, stehen hinter ihr am Mikrophon und antworten, einer nach dem anderen. Das ist eine gute Szene, es ist ein wenig wie es in "Nullzeit" war: Da waren sie, und just dieselbe Schauspielerin, auch gut, wenn sie unter Wasser waren, jenseits der wirklichen, der naturalistischen Bühnen-Welt. Da hatten banale Texte auf einmal einen Klang, der ihnen Bedeutung zuwachsen ließ über die schlichten Worte hinaus. Und auch sonst ist es dieses Mal in Weimar wie es in Nullzeit war, es ist wieder Juli Zeh und es ist wieder ein Abend der Plattitüden.

Alte Konflikte, neuer Gegenstand

Sie mögen Juli Zeh in Weimar, so wie sie weithin gemocht wird. Und "Unterleuten" ist ein Buch das man mögen kann. Der Kampf um die Windräder wirbelt das Dorf um und um. Die alten Konflikte aus der DDR werden am neuen Gegenstand fortgeschrieben, die Gemeinschaft zerbröselt, wieder einmal sind Haltungen nicht Haltungen, sondern wechselnde Interessenlagen, der Westen kommt dazu, die Menschen und die Mechanismen.

Juli Zeh projiziert das Große ins Kleine, das dann wieder für das große Ganze steht. "Unterleuten" ist eine äußerst geschickte Konstruktion, mit wechselnden Figurenperspektiven, der ihre Architektur anzumerken ist. Was aber der spannend und clever erzählte Plot beinahe vergessen lässt. Und in der Bühnenfassung von Jenke Nordalm und Beate Seidel bleibt davon – nichts.

Unterleuten1 560 LucaAbbiento uFragile Gemeinschaft mit wechselnden Interessenlagen: "Unterleuten" in Weimar © Luca Abbiento

Die Bearbeitung fokussiert auf die Krimielemente, auf den äußeren Spannungsbogen. Das Buch bietet weniger dialogisches als beschreibendes Material. Und in der Auflösung in den reinen Dialog, in der Auflösung auch der Struktur werden sowohl der Plot wie die Texte gnadenlos banalisiert. Außerhalb des Kontextes von Struktur und Beschreibung bleiben Plattitüden, formlos, geistlos. Ein Lehrbeispiel, wie ein gut gemachtes Buch in seiner dramatisierten Fassung zerbröselt zu einer Nichtigkeit. Das strukturelle Problem haben die Bearbeiterinnen natürlich auch erkannt, deshalb erfinden sie das Kind Krönchen als rückblickende, jung erwachsene Erzählerin, gleichsam die Zukunft, jung, tough, weltläufig. In der Konzeption ist das ist ein Gedanke, auf der Bühne ist es eine dramaturgische Gehhilfe, die die Lahmen nicht wirklich gehen macht.

Machtmenschen ohne Gegenspieler

Und Jenke Nordalm inszeniert, mit der eingangs erwähnten Ausnahme, als wolle sie die Probleme ihrer Bühnenfassung dem, im Übrigen zahlreich erschienenen und freundlich applaudierenden Publikum so recht vor Augen stellen. Als wolle sie deutlich machen, dass dies keine Schauspieler-Rollen sind, sondern dramaturgische Text-und Funktionsträger. Der Abend beginnt mit den Kontrahenten Gombrowski und Kron, er will die zentralen Konfliktträger exponieren. Und deutet schon an, was sich dann verstetigt: Der Machtmensch, damals Chef, heute Chef, hat keinen Gegenspieler. Denn Lutz Salzmann gibt, wie beinahe alle an diesem Abend, keine Figur, die auch nur einen Augenblick einen Hauch von Ernsthaftigkeit behauptet, nicht als künstlerische Figur, nicht einmal als lebendes Argumentationsmaterial.

Unterleuten3 560 LucaAbbiento uFür oder gegen die Windkrafträder? Anna Windmüller als Elena Gombrowski, Sebastian Kowski als
Gombrowski © Luca Abbiento

Das ist natürlich ein Problem des Textes, der den Schauspielern kaum Anlass zur anregenden Berufsausübung gibt, die schlichten Worte bedeuten nichts, was über den Augenblick ihrer Entäußerung hinaus Bestand hat, nichts, was ihre Verlautbarung auf einer Bühne legitimiert, nicht als Haltung, nicht, das schon gar nicht, als Kunst.

Jenseits von Juli Zehs Ironie

Die Regie unterläuft diese Banalität nicht, sie forciert sie. Das Paar Jule und Gerhard, Johanna Geißler, Max Landgrebe, ist eine künstlerische und argumentative Nullnummer, platt-plumpe Abziehbilder der sanften Ironisierungen von Juli Zeh, die ihre Leute doch aber ernst nimmt und selbst in der Ironie mit einigem Respekt betrachtet. Ein dummer, platt-blöder Naturschützer er, eine Ökotante mit dumm-fröhlichem Leuchten im Gesicht sie. Linda, die Pferdefrau (Nadja Robiné), trägt Reiterkappe, dito Stiefel und Peitschwerkzeug, obgleich das Pferd noch gar nicht da ist.

Dafür ist Fidi da, ein veritabler Hund, den Sebastian Kowski an der Leine führt. Kowski ist, das kann nicht gewollt sein - abgerechnet Elke Wieditz in der kleinen Rolle der kleinen Hilde - der einzige, der seine Figur, den Machtmenschen Gombrowski, behauptet und verteidigt, das ist der Persönlichkeit, der Ausstrahlung des Schauspielers geschuldet. Den übrigen Kollegen bietet die Regie keinerlei Hilfestellung, um der Banalität des Textes durch ihren Beruf aufzuhelfen. Fidi ist im Buch eine Hündin, auf der Bühne, wenn der Berichterstatter recht gesehen, wohl ein Rüde. So viel künstlerische Freiheit darf schon sein.


Unterleuten
nach dem Roman von Juli Zeh
Bühnenfassung von Jenke Nordalm und Beate Seidel
Uraufführung
Regie: Jenke Nordalm, Bühne: Katrin Busching, Kostüme: Vesna Hiltmann, Musik: Ulf Steinhauer, Dramaturgie: Beate Seidel, Kampfchoreografie: Jan Krauter.
Mit: Simone Müller, Dascha Trautwein, Lutz Salzmann, Nadja Robinè, Nahuel Häfliger, Johanna Geißler, Max Landgrebe, Sebastian Nakajew, Elke Wieditz, Anna Windmüller, Sebastian Kowski, Bernd Lange, Julius Kuhn, Bastian Heidenreich, Christoph Heckel.
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Ein "über weite Strecken unterhaltsames Volkstheater über ein Dorf nach der Wende" hat Matthias Schmidt gesehen, wie er auf MDR Kultur berichtet (18.11.2017).  Regisseurin Jenke Nordalm verpacke den Roman "mehr oder weniger in Oberflächen-Klischees" "mit recht großem Unterhaltungswert", die Handlung werde "zügig und fast kabarettistisch zugespitzt". Dafür gelinge es nicht, in die tieferen Schichten von Unterleuten vorzudringen, "die Komplexität dieses Gebildes erlebbar zu machen".

"Krons Enkelin zur rückblickenden, Personen und Zusammenhänge erklärenden Erzählerin zu bestellen, ist noch die beste Idee des Abends", findet Frank Quilitzsch in der Thüringer Allgemeinen / Thüringischen Landeszeitung (20.11.2017). "Wir sehen: recht munteres Ensemblespiel. Was als Revue beginnt, strebt nach Komödie und verendet in tragikomischen Zügen. Einmal mehr drängt sich die Frage auf, warum ein erfolgreicher Roman unbedingt auf die Theaterbühne soll." Auch wenn die eine oder andere Figur gut getroffen sei, werde beim Zuschauer kein tieferes Interesse an ihnen geweckt: "Man erfährt ihr Sein, nicht das Geworden-Sein."

 

 

 
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