Kein Entrinnen, nirgends

von Martin Krumbholz

Bochum, 18. November 2017. Es handelt sich, natürlich, um die bewährte Übersetzung von Peter Stein, die in ihrer Lakonie am besten zum kühlen, analytischen Ansatz der Regisseurin Lisa Nielebock passt. "Wer tötet, bezahlt; tun – leiden – lernen": Es ist der hochgewachsene, weißbärtige Wächter (Heiner Stadelmann), der diese hämmernden Worte bedächtig, fast zögernd spricht. Alle sieben Spieler sind in dieser nur knapp zweistündigen Inszenierung auch Beteiligte des Chors. Anfangs schlendern sie auf die Bühne (man kennt diesen Auftritt bereits aus anderen Nielebock-Arbeiten) und nehmen nebeneinander auf einer langen Bank Platz, hinter sich eine dichte Wand aus hölzernen Lamellen, die sich viel später öffnen und einen fragmentarischen Blick in die Tiefe freigeben wird (Bühne: Oliver Helf).

 Orestie2 560 Birgit Hupfeld uZum Verderben aufgereiht: Aischylos' Atriden © Birgit Hupfeld

In der Mitte sitzt Klytaimestra, gespielt von Anke Zillich, rothaarig, sie trägt als Zeichen ihrer Würde eine Medaille, die später als "Totenspende" (Titel des zweiten Teils) eine Rolle spielen wird. Neben ihr Aigisthos (Marco Massafra), der schon physisch kaum zu der kräftigen Herrscherin passt. So klug zurückhaltend und textorientiert diese Aufführung sich gibt, setzt sie doch, schon durch die Besetzung, deutliche Zeichen. Klytaimestra ist nicht (wie Thalheimers Constanze Becker) eine Furie, sondern eine schlaue Taktiererin, die überlegen lächelt, wenn ihr Mann Agamemnon seine Kriegsbeute Kassandra – so fühlt es sich an – minutenlang abknutscht. Nach zehn Jahren im Ausland hat der Held sich an andere Frauen gewöhnt, wie seine Gattin eben an einen anderen Mann.

Die Zukunft eisern festgeschrieben

Kassandra, anfangs sitzt sie ganz außen in der Nielebock’schen Versuchsanordnung, ist bei Therese Dörr eine zunächst befremdende Erscheinung. Denn sie steht nicht souverän oder gleichgültig über den Dingen; sie sieht in die Zukunft, und zwar in die unmittelbar bevorstehende, und so zittert und krümmt sie sich geradezu vor Angst. Klytaimestras süßsaures Lächeln und ihre freundliche Einladung, "dabei zu sein" beim Festakt im Palast, hat sie nur zu gut verstanden. Sie muss sich fragen lassen, warum sie dieses böse Spiel überhaupt mitspielt, aber da sie mit der Sehergabe gestraft ist, weiß sie genau, dass der Gang der Dinge hier eisern festgeschrieben ist und dass es aus diesem "Menschenschlachthaus" kein Entrinnen gibt.

Orestie 560 Birgit Hupfeld uPlanen Mord und Totschlag: Klytaimestra (Anke Zillich) und Aigisthos (Marco Massafra)
© Birgit Hupfeld

Werner Wölbern dagegen ist, paradoxerweise, als Agamemnon der ruhende Pol der Aufführung. Ein Fatalist, der sich geradezu stoisch in sein Schicksal ergeben hat. Wenn er seine Geliebte hingebungsvoll küsst, ist es eben bereits ein Abschiedskuss. Das Schicksal hält nur wenige Überraschungen bereit. Die tödlichen Zäsuren im Ablauf werden durch knappe musikalische Intermezzi angedeutet. Die "Orestie" ist ein Horrorstück, ja, aber der Schauder kommt auf Samtpfoten um die Ecke, Blut fließt nicht sichtbar.

Schließlich schlägt die Stunde der dritten Generation, Orest und Elektra (Dennis Herrmann und Anna Hofmann). Die Schwester schneidend und geradeaus, der Bruder zunächst zögernd, dann aber sich seinem mörderischen Auftrag beherzt stellend. Aigisthos erscheint halbnackt und mit einer bizarren Krone geschmückt, Klytaimestra zieht eine ultralange Schleppe hinter sich her: Die Herrscher scheinen, wenn sie nicht einfach Theater spielen, definitiv verrückt geworden zu sein. Vielleicht machen ihnen ihre lächerlichen Posen den Abschied erträglicher.

Aischylos' aufklärerischer Schluss ist selten mehr als eine Pflichtübung, das ist auch hier nicht anders. Elektra gibt nun die Athene, Agamemnon den Apoll. Das geht in Ordnung. Seine Stärken hat dieser beeindruckende Abend woanders: In der intelligenten und eindringlichen Durchleuchtung eines uralten Textes, bei der die Spieler weniger eigentlich Handelnde als Zeugen ihrer Geschichte sind.

 

Die Orestie
von Aischylos, Prosaübersetzung von Peter Stein
Regie: Lisa Nielebock, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Thomas Osterhoff, Licht: Andreas Bartsch, Dramaturgie: Sascha Kölzow.
Mit: Heiner Stadelmann, Anke Zillich, Werner Wölbern, Therese Dörr, Marco Massafra, Dennis Herrmann, Anna Hofmann.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus-bochum.de

 

Kritikenrundschau

Nielebock verfrachte die Figuren der "Orestie" in eine Art Zeugenstand, in dem sie Auskunft über den Fluch des Hauses Atreus geben, so Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (20.11.2017). "Der Horror des nicht enden wollenden Blutvergießens vermittelt sich so rein sprachlich und gestisch." Wenn es manchmal angestrengt, spröde, schlicht und trocken inszeniert wirke, "dann fordert es bloß wie ein ausführliches Gerichtsverfahren, das die Wahrheit immer nur durch Annäherung und geduldiges Anhören aller Beteiligten erreichen kann".

Nielebock inszeniere "geradezu unterkühlt", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (20.11.2017). "Ein fesselndes Lehrstück, das immer wieder tagesaktuell schillert." Ein Erzähl- und Dialogtheater zudem, das Mehrdeutigkeiten im Text öffne und in dem "die starken Darsteller an den richtigen Stellen die menschlichen Gefühle entfalten, bis wieder der strenge Ton des Pathos in den Vordergrund" trete.

Begeistert äußert sich Stefan Keim auf WDR 5 (20.11.2017): "Ich habe Schauspieler lange nicht mehr so fantastisch sprechen hören!" Nielebock inszeniere gedankenklar, aber ohne aktuelle Anspielungen, ganz auf die Sprache konzentriert. Kurz: "Politisches Theater, das im Allgemeinen bleibt, aber, wenn man darüber nachdenkt, ganz konkret wird."

Lars von der Gönna von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (online 19.11.2017) mutet diese Inszenierung "blutleer" an, wofür der Kritiker vor allem das Ensemble verantwortlich macht. "Den meisten Akteuren gebricht es an der Gabe, allein über Sprache das Wort Fleisch werden zu lassen." Der Abend könnte "durchaus dazu verführen, über Sprache und Sprechen als auf deutschen Bühnen nicht ungefährdete Kulturtechnik zu diskutieren".

"Die Tragödie wird abstrahiert zum Denkspiel, ihre Größe, Wucht und Fremdheit unterschlagen", berichtet Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.11.2017). Nirgends könne die Inszenierung das "Weltgedicht" vermitteln, "sie kann die menschheitsgeschichtliche Wende, die Aischylos mit der Ablösung der Blutrache durch ein Geschworenengericht erfasst, nicht grundieren".

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