Schriller Zauber

von Elisabeth Maier

Karlsruhe, 23. November 2017. Eingesperrt in eine Kristallflasche erkennt der Student Anselmus sein Anderssein. In einem Lichtkegel ringt der junge Schauspieler Luis Quintana um Luft. Er rollt die Augen, krümmt sich in dem kalten Behältnis. Mit jedem Atemzug zeigt der Künstler die Angst des jungen Mannes, der zwischen Liebe und Wahnsinn taumelt. Erbarmungslos stellt das kalte Licht sein verängstigtes Gesicht zur Schau. Regisseurin Juliane Kann peitscht die Schauspieler in ihrer Fassung von E.T.A. Hoffmanns Märchen "Der goldne Topf" im Kleinen Haus des Karlsruher Staatstheaters an körperliche Grenzen. Mit dem Ensemble blickt sie tief in die zerrissene Psyche der Figuren.

Veronika, der Tee ist da

Generationen von Abiturienten lernten mit Hoffmanns vielfarbigem Märchen die Stilmittel der romantischen Epoche im 19. Jahrhundert kennen. Der Jurist und Schriftsteller Hoffmann, der betrunken manchen Streit vom Zaun brach, träumte von einer Literatur als Gesamtkunstwerk. Er schrieb ungestüm, in starken Farben, hauchte den Texten eine gespenstische Melodie ein. So ist die Suche des liebeskranken Studenten Anselmus nach der schönen Serpentina nicht zuletzt sprachlich ein Höllenritt.

GoldnerTopf Karlsruhe 2 560 FelixGruenschloss uSchlangen schwingen à la Rhythmische Sportgymnastik: Luis Quintana als liebeskranker Student Anselmus fantasiert sich die schöne Serpentina herbei. © Felix Grünschloß

Dieses große Potenzial schöpft Juliane Kann in ihrer Inszenierung über weite Strecken aus. Bühnenbildner Vinzenz Gertler hat für die offene Bühne einen riesigen Zauberkasten gezimmert. Aljoscha Glodde lässt bunte Lichter blitzen, wie im Rausch hämmert dazu Daniel Freitags Klangkulisse. Anselmus öffnet den magischen Schrein – und siehe da: Es verwandelt sich darin das höhere Töchterchen Veronika, das er mag, in die schöne Serpentina, nach der er verrückt ist.

Bewusst besetzt Kann diese Rolle nicht mit einer Schauspielerin, sie bleibt ganz Hirn- und Fantasiegespinst: Grüne Bänder, blaue Luftballons und die Pantomime der Akteure erwecken die Schlangenfrau zum Leben. Umso realer legt Kim Schnitzer ihre Veronika an. Leidenschaft hin oder her, am Ende entscheidet sich das Fräulein gegen die Liebesheirat. Erotische Inspiration bietet ihr Jens Kochs sterbenslangweiliger Registrator Heerbrand zwar nicht – dafür aber ein sicheres Auskommen und das Ansehen eines Hofrats. Ihr thumber Vater ("Veronika, der Tee ist da") unterstützt sie da voll und ganz. Timo Tank gefällt sich zu sehr in der komischen Rolle des Spießers, als dass er auch die ernsten Züge des Konrektors Paulmann herausarbeiten könnte.

Menschen am Abgrund – und mit übergroßen Händen

Aus dieser Welt fällt Anselmus in die Fänge des Archivarius Lindhorst. Der ist in Wirklichkeit ein Salamander, was Jannek Petri mit wunderschönen Bewegungen spiegelt: Er windet und krümmt sich, kriecht über den Boden und wird dann wieder Mensch. Kostümbildnerin Josephin Thomas kombiniert seinen schwarzen Anzug mit gelben Rüschen, die an das charakteristische Muster des Tiers erinnern. Sacht und anmutig gleitet er in die Welt der Fantasie und konfrontiert, halb Mensch, halb Fabelwesen, den Studenten mit seinem verwirrten Ich. Surreal legt auch Sithembile Menck ihren Part als Apfelweib an.

GoldnerTopf Karlsruhe 1 560 FelixGruenschloss uPralle Comedy: Juliane Kann lässt ihr Ensemble eine wilde Zaubershow abfeuern © Felix Grünschloß

Juliane Kann, die sowohl Szenisches Schreiben als auch Regie studiert hat, beweist mit dieser Arbeit einmal mehr ihre große Stärke, Menschen am Abgrund ihrer eigenen Existenz zu zeigen. Sensibel tastet sie sich in die schwer ergründliche Welt des Universalgenies Hoffmann und die Gefühlstiefen des Anselmus vor. Sie vermag auf der Bühne jenes drängende Gefühl der Enge zu evozieren, an dem Hoffmann im Beamtenalltag genauso litt wie der Student in der Glasflasche. Wohltuend, wie sie dabei in ihrer dynamischen Textfassung die blumige Sprache der Romantik kräftig entstaubt, und dabei immer wieder zauberhafte Spielsituationen kreiert. Romantische Motive wie den Salamander oder die grüne Schlange überträgt sie in die Gegenwart der Zuschauer: Der aus Atlantis vertriebene Salamander und seine grünen Schlangentöchter – sie sind Projektionen eines Menschen, der nach Liebe giert.

Weniger überzeugt dagegen die schrille Zaubershow, die manchmal gar ins Klamottige ausartet. Wenn Anselmus im Apfelweinrausch riesige Hände wachsen und Veronika mit einem überdimensionalen Mund über die Bühne taumelt, mag das allenfalls Abiturienten mit einem Faible für pralle Comedy ein Kichern entlocken. Auch sprechende Bäume oder Feuerzauber wirken ziemlich dumpf – und trüben Kanns ansonsten so sensiblen Blick auf die widersprüchliche Welt der Romantik leider erheblich.

 

Der goldne Topf
nach dem Märchen von E.T.A. Hoffmann
Regie: Juliane Kann, Bühne: Vinzenz Gertler, Kostüme: Josephin Thomas, Musik: Daniel Freitag, Licht: Aljoscha Glodde, Dramaturgie: Marlies Kink.
Mit: Luis Quintana, Kim Schnizer, Timo Tank, Jens Koch, Sithembile Menck, Jannek Petri, Judith Florence Erhardt.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

 

Kritikenrundschau

"Das Bühnengeschehen verharrt in betulichem Mummenschanz, bei dem angestrengte Komik und handwerkliche Schwächen eine unglückliche Allianz eingehen", schreibt Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (25.11.2017). Die eigentliche Geschichte wird aus seiner Sicht ohne Dynamik abgehandelt, und bei den wenigen Bühneneffekten "gibt die Aufführung zu oft der Versuchung nach, mit albernem Klamauk zu unterhalten". Dabei könnte sie, so Jüttner weiter, "surreale Sogkraft entwickeln, wie einige, leider sehr seltene Momente (etwa die Gefangenschaft von Anselmus in einer Glasflasche) zeigen. Das Hauptproblem aber sind die Figuren. Mit der Darstellung der emotionalen Zerrissenheit von Anselmus wurde Hauptdarsteller Luis Quintana entweder überfordert oder alleingelassen – zumindest bei der Premiere war hiervon noch weniger zu sehen als von seinem oft undeutlich gesprochenen Text zu verstehen. Um ihn herum staksen Kim Schnitzer, Timo Tank und Jens Koch als Vertreter der Bürgerlichkeit in bunten Kostümen (Josephin Thomas), die das Potenzial zur Tim-Burton-Groteske hätten, aber meist nur zur Haha-Ironie einer mäßig motivierten Theater-AG genutzt werden."

 
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