Wer ist sie, und wenn ja, wieviele?

von Gerhard Preußer

Köln, 24. November 2017. Ein Quilt ist eine Steppdecke. Aber noch viel mehr. In Amerika ist es ein Erbstück. Ein "family quilt" ist eine aus Flicken zusammengenähte Decke, ein Symbol der Familienidentität, der Kontinuität über Generationen. Ein solcher alter Quilt ist das zentrale Symbol in der letzten Szene von Tracy Letts' Erfolgsstück "Mary Page Marlowe". Er ist empfindlich, fadenscheinig, fällt aber noch nicht auseinander, von rätselhafter Bedeutsamkeit, schön, trotz brauner Flecken.

Mary3 560 DavidBaltzer uDie junge Mary – Guido Lambrecht (hinten), Lou Zöllkau (vorne) © David Baltzer

So ist das Leben der Titelfigur Mary Page Marlowe, so ist die Erzählstruktur des Stückes. Als Flickenteppich wird die Lebensgeschichte dieser Frau erzählt, mit wilden Sprüngen durch die Biographie. Kindheit in einer zerfallenden Familie, alkoholsüchtige Mutter, hoffnungsvolle Collegejugend, drei Ehen, zwei Kinder, eines davon Drogenopfer, Trunksucht, schuldhafter Unfall, Gefängnisaufenthalt, späte Ruhe. Wegweiser durch diese biographische Schnitzeljagd sind motivische Verknüpfungen: Puzzles, Flickwerke tauchen immer wieder auf. Entscheidungsfreiheit oder Vorbestimmtheit werden immer wieder thematisiert. Spannung wird erzeugt durch das Aussparen gerade der entscheidenden Ereignisse. Nur die Reaktionen auf Scheidung, Unfall, Gefängnis, Tod werden gezeigt.

Mary? Hier ist Mary!

In der Kölner Inszenierung, der zweiten nach der deutschen Erstaufführung in Berlin, versucht die Regisseurin Lilja Rupprecht das Patchwork-Grundprinzip des Texts auch inszenatorisch anzuwenden. Es beginnt rein akustisch damit, dass die 40jährige Mary (Nicola Gründel) ihren Kindern die Scheidung und den Umzug mitteilt. Auf der Bühne nur ein Haus mit weißen Wänden, in das man nicht hineinsehen kann. Im Folgenden legt die 19jährige Mary (Lou Zöllkau) sich mit ihren Freundinnen Tarot-Karten. Was ist Entscheidung, was Schicksal? Gezeigt wird das nur in Detailaufnahmen als Videoprojektion auf der Hauswand, gefilmt im Inneren. Dann die 63jährige Mary (Margot Gödrös) vor dem Fernseher im Sessel am Bühnenrand. Ihr dritter Mann (Winfried Küppers) ist ein Zauberer mit Zylinder. Streit ihrer Mutter Roberta (wieder Nicola Gründel) mit deren Mann: sie im Video, er kommt aus dem Haus an die Rampe. Schließlich die 36jährige beim Therapeuten: nacheinander kommen alle acht Mitwirkenden der Inszenierung als Therapeuten auf die Bühne, alle in dem gleichen grellen Kleid, das auch Mary trägt. Die Sitzung, in der die entscheidenden Themen des Stückes verhandelt werden – Entscheidung, Identität, Freiheit, Rollenzwang – ist hier eine Selbstbefragung im Chor der Alter Egos.

Mary2 560 DavidBaltzer uMary mit 36 – Nicola Gründel, Ensemble © David Baltzer

So versucht die Inszenierung für jede Szene eine andere Verfremdungstechnik zu finden, die mal gegenläufig, mal parallel zu ihrer Konstellation ist. Realistische Psychologie wird in der Konfrontation Marys mit ihrem zweiten Mann Ray (Stefan Hanushevsky) nach dem mit 3,2 Promille verursachten Unfall versucht: Hier darf Sabine Orleans richtig verzweifelt toben und Ray zur Schnecke machen. Aber zwei Szenen später ist dieselbe Schauspielerin die böse, trunksüchtige Mutter Roberta, die von der Kinderschaukel aus die 12jährige Mary wegen ihres schlechten Gesangs abkanzelt. Übertreibung und Komik sind diesmal die Mittel der verzerrenden Verdeutlichung.

Weniger Naivität, mehr Verwirrung

Die Zwischenräume werden gefüllt durch Songs, Tanz, Projektionen, Musik. Immer wieder hört man eine Astronautenstimme die Schönheit der Planeten beschreiben, immer wieder hört man einen Song: "Black and white are the colours of space". Eine kosmische Dimension hat Marys Leben also auch noch.

Mary1 560 DavidBaltzer uDie alte Mary – Winfried Küppers, Margot Gödrös © David Baltzer

Lilja Rupprechts Überinstrumentierung der Darstellungsmittel gibt dem Stück eine zusätzliche Dimension und nimmt ihm die erzählerische Naivität, die es trotz seiner chronologischen Achterbahn hat. Lenkt die Aufmerksamkeit aber auch zu stark auf diese Mittel. Marys Identitätswirrwar, den zu durchdringen man allenfalls am Ende schafft, ihr fragmentiertes und doch um Kontinuität ringendes Leben: Es wäre auch ohne Verdreifachung der Reflexion komplex genug.

Mary Page Marlowe
Von Tracy Letts, deutsch von Anna Opel
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Annelies Vanlaere, Video: Moritz Grewenig, Musik: Romain Frequency, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Margot Gödrös, Nicola Gründel, Stefko Hanushevsky, Winfried Küppers, Guido Lambrecht, Seán McDonagh, Sabine Orléans, Lou Zöllkau.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

"Regisseurin Lilja Rupprecht ringt dem letztlich doch eher konventionellen Stück mit viel Einsatz von Video, Musik und gegen den Strich gebürsteten Besetzungen mehr Poesie ab, als hier eigentlich vorhanden sein mag", schreibt Christian Bos in seiner Kurzkritik im Kölner Stadtanzeiger (27.11.2017). "Ihre Interventionen sind fast durchweg klug, geben dem Text Weite und Biss - und das ausgezeichnete Ensemble trägt den Abend souverän über die Ziellinie." Der größte Beifall gehöre und gebühre den Frauen: Margot Gödrös, Ruth Grubenbecher, Ida Feyl, Nicola Gründel, Lou Zöllkau und der so erschreckend wie bestürzend aufspielenden Sabine Orléans.

Der größte Beifall gehört und gebührt den Frauen: Margot Gödrös, Ruth Grubenbecher, Ida Feyl, Nicola Gründel, Lou Zöllkau und der so erschreckend wie bestürzend aufspielenden Sabine Orléans. – Quelle: https://www.ksta.de/28950722 ©2017

 

Regisseurin Lilja Rupprecht ringt dem letztlich doch eher konventionellen Stück - niemand hat die Kontrolle über sein Leben, ach was - mit viel Einsatz von Video, Musik und gegen den Strich gebürsteten Besetzungen mehr Poesie ab, als hier eigentlich vorhanden sein mag. Ihre Interventionen sind fast durchweg klug, geben dem Text Weite und Biss - und das ausgezeichnete Ensemble trägt den Abend souverän über die Ziellinie. – Quelle: https://www.ksta.de/28950722 ©2017
 
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