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Deutsch-deutsche Geschichtsaufrechnung

von Christian Rakow

Dresden, 24. November 2017. Als die Schlachten weitestgehend geschlagen sind, setzen sich Richard Zurek und sein Anwalt Feuchtenberger nebeneinander – und teilen sich eine Banane. Es liegt inzwischen offen zutage, dass die Staatsanwaltschaft eine Aufklärung ihres Rechtsfalls systematisch verhindert. "Wo leben wir eigentlich", sagt Zurek. In einer Bananenrepublik, möchte man meinen.

Die Banane, die der Ossi bei der Volkskammerwahl 1990 sprichwörtlich gewählt hat, wirkt wie ein Fingerzeig der Regie: Da seht Ihr, was Ihr Euch mit der Wiedervereinigung eingebrockt habt. Das eine "Schweinesystem" ist weg und das nächste macht's auch nicht viel besser.

Alles Banane

Natürlich ist diese Haltung auch der Vorlage dieses Abends, Christoph Heins Roman "In seiner frühen Kindheit ein Garten" nicht ganz fremd. In ihm kehrte der große DDR-Autor 2005 den Spieß der deutsch-deutschen Geschichtsaufrechnung um und öffnete das Schwarzbuch der BRD-Justiz. Heins Roman arbeitet die Geschehnisse um den desaströsen Einsatz der GSG-9 in Bad Kleinen 1993 auf, bei dem das RAF-Mitglied Wolfgang Grams (im Buch heißt er Oliver Zurek) und der Polizist Michael Newrzella unter nie restlos geklärten Umständen zu Tode kamen.

Hein lässt Zureks Eltern durch diverse Rechtsinstanzen den Fall verfolgen – und am Vertuschungswillen der Behörden scheitern. Als tendenziös und schlicht gestrickt hat die Literaturkritik den Roman nach Erscheinen ad acta gelegt. Und wirklich verbindet sich hier eine schonungslos sentimentale Note (getragen von den beiden Eltern, denen der Sohn rätselhaft wurde und die doch nie von ihm loslassen können) mit einem fast schon agitatorischen Zug zum Bildungsroman, in dem der Beamte und Schuldirektor a.D. Zurek zunehmend den Glauben an die Staatsmacht, der er doch einen Eid geschworen hatte, verliert. Vom verrenteten Lehrer zum verspäteten RAF-Sympathisanten – eine Bewusstseinsschulung.

Ruf nach Transparenz

Zugleich aber stellt Heins Buch auch einen Weckruf gegen alle demokratische Selbstzufriedenheit dar. Wer überwacht eigentlich die Überwacher? Wie groß sind die parlamentarische Macht und die Reichweite der Justiz gegenüber Sicherheitsbehörden? In Zeiten immer raffinierterer technischer Überwachungsmittel liegen die Fragen an die demokratischen Kontrollsysteme auf der Hand. Und von Bad Kleinen bis zu den Ungereimtheiten um die NSU-Vergehen ist der Ruf nach mehr Transparenz allemal notwendig.

Kindheiteingarten1 560 SebastianHoppe uMehr als Räuber-und Gendarm-Spiele, sondern Weckruf gegen demokratische Selbstzufriedeheit:
Christoph Heins Romans von Friederike Heller inszeniert © Sebastian Hoppe

Regisseurin Friederike Heller ist im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden anzumerken, dass sie Heins Diskurs von allem Sentiment bereinigen will. Der Fortgang der staatsanwaltlichen Untersuchung des Falls Bad Kleinen wird an der Rampe von betont kontroversen Sprechern vorgetragen: links Philipp Grimm und Moritz Kienemann, die für Dissidenz stehen und also Grams/Zurek als Mordopfer der Polizei ansehen; rechts Birte Leest, die bieder konservativ der Staatsanwaltschaft Recht gibt (in ihrem Urteil, dass Grams/Zurek durch Selbstmord umkam).

Im 70er-Holzvertäfelungslook

Die Eltern, die bei Hein die Träger der Perspektive und der Empathie des Lesers gewiss sind, hocken derweil etwas blässlich in einem als Container hereingeschobenen Bürozimmer, das Ausstatterin Sabine Kohlstedt im 1970er-Jahre-Look holzvertäfeln ließ. Vater Zurek pflegt bei Hans-Werner Leupelt durchgängig den hohen Direktorenton, deklamatorisch, tönend, selbstgewiss. Es wirkt als sei seine Rolle einzig dazu ersonnen, die nebenher gestreute These, nach der das "militante Auftreten" der RAF ein Resultat der Kriegsprägung der Väter sei, zu beglaubigen. Christine Hoppe sekundiert ihm als seine Frau eher mit Noblesse als mit der Gluckenhaftigkeit einer früheren Hebamme, als die Hein sie etwas klischiert entworfen hat.

KindheiteinGarten3 560 SebastianHoppe u Die Eltern (Christiane Hoppe und Hans-Werner Leupelt), Träger der Empathie, aber auch zu steifer Blässlichkeit verdammt © Sebastian Hoppe
Die steife Grundanlage der beiden und der von ihnen abgerückte Fokus verhindern, dass die "Michael Koolhaas"-Note aufkommt, die ihnen in Heins Roman im Gang durch die Instanzen noch deutlich anhaftet. Spielerische Farbtupfer setzen an diesem Abend eher die Nebenfiguren: allen voran Moritz Kienemann, der als Anwalt Feuchtenberger im Wollpullover und Parka hereinschlurft, als wolle er sich lieber mit klammheimlicher Freude einen fetten Joint drehen, als dicke Aktenberge wälzen. Sein clownesker Anstrich sorgt für Heiterkeit im Rund. Tiefe steuert Sven Hönig bei, der mit leiser Melancholie noch die plattesten Chargen aus dem Schulbetrieb als Menschen hinzeichnet, die an ihrem Opportunismus leiden, die sich verbiegen müssen, um die Karriereleiter hochzukraxeln.

Schwierige Lektion

Kurz nach der Bananenverkostung lässt Heller den vertäfelten Container abräumen. Das Geschehen rückt bald näher an die Rampe, das Saallicht geht an. "So jetzt mal eine Lektion in angewandter Demokratie", sagt Zurek, bevor er sich beim Büro des Innenministers a.D. telefonisch als Querulant abwimmeln lassen muss.

Und spätestens da, als Worte wie "Demokratie" oder "der Staat" denn doch ein paar Mal zu oft fallen in Zureks Generalabrechnung, da denkt man sich leis: Ob das mal so die richtige Lektion ist, hier in Dresden, wo sie ja wahrlich ihr Leid mit Leuten haben, die "den Staat" oder "die da oben" (stets mit bestimmtem Artikel, als handele es sich um eine verschworene Clique) als durch und durch verrottet ansehen und konkretes Fehlverhalten im Einzelnen der Demokratie als System im Ganzen anrechnen. "Die lügen, die lügen, die lügen", hört man Zurek noch rufen. Und dieser Ruf klingt schon nicht mehr nach Aufklärungswillen. Sondern nach Abrissbirne. Besser nicht.

In seiner frühen Kindheit ein Garten
nach dem Roman von Christoph Hein
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Markus Reschtnefki, Dramaturgie: Kerstin Behrens, Licht: Peter Lorenz.
Mit: Hans-Werner Leupelt, Christine Hoppe, Birte Leest, Philipp Grimm, Moritz Kienemann, Sven Hönig. Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Zwar müsse der Abend "erst einmal Fahrt aufnehmen, was durchaus eine Weile dauert", schreibt Torsten Klaus in den Dresdener Neuesten Nachrichten (27.11.2017), der die Inszenierung zunächst etwas "beengt" und manchmal auch unangemessen "überdreht" findet. "Doch all das ändert sich in der zweiten Hälfte des Abends. Sie wird offener, die nun große Bühne scheint auch die Gemüter zu weiten". Besonders der Schauspieler Sven Hönig wird für sein Brillieren in den Nebenfiguren hervorgehoben.

"Man wird nicht als Terrorist geboren, man wird zum Terroristen erst gemacht. Davon erzählt ohne Pathos die spannende und mutige Inszenierung", schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (27.11.2017). Die starke Arbeit stelle unaufdringlich Assoziationen zum ewig währenden NSU-Prozess her.

Einem "kühlen Lehrstück" wohnte Mounia Meiborg für die Süddeutsche Zeitung (1.12.2017) bei. Die Geschichte der Zureks, die Friederike Heller "textlich nah an der Vorlage"  erzähle, "könnte politikverdrossen wirken, zumal in einer Stadt wie Dresden. Es ist aber eigentlich ein aufklärerischer Gedanke: Als Bürger die Arbeit der Institutionen zu hinterfragen, gehört schließlich zum Wesen der Demokratie – und ist in Zeiten von Verfassungsschutzskandalen und NSU-Ermittlungspannen durchaus angebracht. So wird der Theaterabend am Ende zu einer aktuellen Lektion in Staatsbürgerkunde. Leider allerdings zu einer allzu didaktischen."