Jenseits des Zauberwaldes

von Falk Schreiber

Lübeck, 25. November 2017. Der Medea-Mythos ist eine Migrationsgeschichte: In Kolchis, an der Ostküste des Schwarzen Meeres, herrschen Unrecht und Grausamkeit. Priesterin Medea verliebt sich in einen Griechen, verlässt ihr Zuhause und flieht in dessen Heimat. Aber Verliebtheit zählt nicht als Asylgrund, trotz aller Integrationsmühen wird sie geschnitten, auch ihr Geliebter wendet sich ab. Am Ende stehen Wahnsinn, Mord, Chaos. "Man hat mich bös' genannt, aber ich war's nicht. Allein, ich fühl', dass man es werden kann." Integration gescheitert.

Der Welt enthoben

Es ist klug gedacht, dass Lucia Bihlers Inszenierung von Franz Grillparzers Medea-Bearbeitung "Das goldene Vlies" zwar um diesen Gegenwartsbezug weiß – das auch deutlich macht, indem im Programmheft Carolin Emckes Aufsatz "Gegen den Hass" abgedruckt wird – davon abgesehen aber zumindest die Vorgeschichte konsequent ins Artifizielle verschiebt. Heißt: Was bei Grillparzer als "Kolchis, wilde Gegend" beschrieben wird, ist hier durch eine Gassenbühne von Anfang an als ganz und gar nicht wild, sondern zutiefst künstlich dargestellt (Bühne: Jana Wassong). Zweidimensionale Kulissenwände markieren mehr schlecht als recht einen Zauberwald, als wär's ein barockes Satyrspiel.

Medea2 560 KerstinSchomburg uHöchste Künstlichkeit auf Kolchis: Sophie Pfennigstorf (Medea), Susanne Höhne (Gora)
© Kerstin Schomburg

Ein Satyrspiel, in dem Sophie Pfennigdorfs Medea kultische Handlungen vollführt, mit dem E-Bow über die Zither gleitet und sich ansonsten in abgezirkelten Bewegungen und prononcierter Sprache jeglicher Identifikation verweigert: kein echter Mensch, sondern ein Modell, dessen Aktionen bis ins Letzte kontrolliert bleiben. Bihlers Inszenierung ist so der Welt enthoben, ihr Kolchis ist reines Theater, Kultus, Performance. Und als mit Phryxus (Patrick Berg) ein Fremder in diese Kunstwelt einbricht, entpuppt der sich mit den Worten "Geboren bin ich im schönen Hellas" als Bauerntrampel, der gerade mal das titelgebende Vlies (ein vergoldetes Widderfell, das hier freilich an die wärmespendenden Alumäntel erinnert, mit denen das europäische Grenzregime unterkühlte Refugees am Mittelmeer erstversorgt) in Medeas Hände geben darf, um dann gemeuchelt zu werden.

Der Bühnenrealismus nach der Pause ist ein Schock

Indem Bihler geschickt Choreografie, Bildende Kunst, Mythos und Camp verbindet (und damit eine Art Pendant zum ästhetisch verwandten Ersan Mondtag bildet), schafft sie einen Raum, in dem selbst abgedroschene Theatermittel wieder möglich sind – die Medea plagenden Rachegeister ausgerechnet als Bühnennebel durch die Szenerie wabern zu lassen, würde man einem weniger formsicheren Regiezugriff übel nehmen. Hier aber funktioniert solcher Mummenschanz, weil die Inszenierung gar nicht behauptet, mehr zu sein als Mummenschanz. Zumal der zutiefst künstliche Einstieg ermöglicht, dass der unvermittelte Übergang in den Bühnenrealismus nach der Pause einen echten Schock darstellt. In Griechenland nämlich ist aus der Zauberbühne ein trostloser Bungalow geworden, möbliert mit stapelbaren Plastikstühlen, zwischen denen nun Medeas Niedergang zelebriert wird.

Medea10 560 KerstinSchomburg uUnter den Prolls von Griechenland: Johann David Talinski, Rachel Behringer, Robert Brandt, Patrick Berg, Sophie Pfennigstorf, Milla Pete und Lisann Schwiegk © Kerstin Schomburg

Dieser zweite Teil ist eigentlich der Abschluss von Grillparzers Bühnentrilogie; bei Bihler aber ist er das Inszenierungszentrum – es kommt nicht von ungefähr, dass der Titel "Das goldene Vlies" in Lübeck um "Medea" erweitert ist. Die Heldin jedenfalls wird hellenisiert, indem sie in ein neues Kostüm gezwängt wird, sie wird gedemütigt von Nebenbuhlerin Kreusa (spitzmündig: Rachel Behringer), verleugnet von Gatte Jason (stumpf: Johann David Talinski) und schließlich von König Kreon (ebenfalls Patrick Berg) aus Korinth abgeschoben. Rund eineinhalb Stunden lang zelebriert die Inszenierung diesen Tanz zwischen Sozialrealismus und der Sehnsucht nach der grausigen Künstlichkeit des Vorangegangenen, dann fließt Blut, und die Plastikmöbel sind zerschmettert.

Man kann dem Abend vorwerfen, dass er zwar Spuren ins Politische legt, mit dem Programmheft etwa oder der Konkretisierung des Vlieses als Motiv aus den aktuellen Migrationsbewegungen, dass er allerdings an keiner Stelle wirklich politisch wirksam wird. Solch ein Vorwurf ignoriert allerdings, wie ausnehmend gut "Medea oder Das goldene Vlies" als Verschränkung zwischen Mythos und gesellschaftlicher Realität funktioniert. Da mag sich Bihler mehr als einmal in einen gewissen Ästhetizismus flüchten – einer Regisseurin, die ihre Mittel so gut im Griff hat wie hier, gesteht man auch diesen Ästhetizismus zu.

 

Medea oder Das goldene Vlies
von Franz Grillparzer
Regie: Lucia Bihler, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Josa Marx/Ulf Brauner, Maske: Johi von Bruises, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie: Anja Sackarendt.
Mit: Robert Brandt, Sophie Pfennigstorf, Rachel Behringer, Susanne Höhne, Patrick Berg, Johann David Talinski, Kinderstatisterie: Henriette Klimpel, Milla Pete, Alva Piel, Lisann Schwiegk.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.theaterluebeck.de

 

Kritikenrundschau

"Die Bildwelten dieser Inszenierung ziehen in ihren Bann", schreibt Jürgen Feldhoff von den Lübecker Nachrichten (27.11.2017). In den ersten beiden Teile der Trilogie werde straff und eindringlich die Vorgeschichte erzählt. "Eine Handbewegung reicht um den Griechen Phryxus tot zu Boden fallen zu lassen – das wirkt intensiver als ein Dolch auf der Bühne." Der zweite Teil spiele in Korinth in einer trostlosen Szene. "So könnte eine Kontrollstaion für Flüchtlinge aussehen." Lucia Bihl zeige Medea nicht als mörderische Hexe, sondern als ihrer Liebe sklavisch unterworfene und dennoch selbstständige Frau. "Schade nur, dass fast durchgehend zu schnell und ungenau gesprochen wurde."

"Ein Grillparzer als Stück der politischen Gegenwart", konstatiert Karin Lubowski vom Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (27.11.2017). "Die Lübecker 'Medea' hat zwar einige Längen, langweilig allerdings ist sie nicht." Allein schon die Darsteller seien eine Bank. Ein besonderes Lob verdient sich Robert Brandt, der zwei hässliche Eigenschaften "brutal komisc"“ auf die Bühne bringe: "als König von Kolchis springt ihm die Goldgier aus jeder Pore, als korinthischer Herold zynische Gleichgültigkeit."

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