I bims euer Beschützer!1!!

von Michael Bartsch

Radebeul, 25. November 2017. Ist es eine passende Einstimmung auf Brechts "Arturo Ui", tags zuvor das im Eichsfeld gelegene Wohnhaus von Björn Höcke (AfD) und das ihm vor die Nase gesetzte Mini-Holocaust-Denkmal besucht zu haben? Der Schoß ist fruchtbar noch, wie es im berühmten Epilog des Stücks heißt, und einige Möchtegern-Führerchen probieren sich nicht nur in Deutschland aus. Auch ohne Studium der klugen Essays im Programmheft liegt auf der Hand, warum die Landesbühnen Sachsen "Arturo Ui" auf ihren Spielplan setzen.

Dennoch hält sich beim Betreten des Stammhauses in Radebeul hartnäckig Skepsis, ob das Ensemble der Herausforderung gewachsen sein wird und wie man das Stück heute überhaupt angeht. Grandiose Ui-Darsteller wie Ekkehard Schall oder Martin Wuttke haben sozusagen die Norm versaut. Eine solche indirekte Herabstufung aber hat dieses vor sechs Jahren aus der Landesträgerschaft entlassene Theater überhaupt nicht verdient. Die Skepsis weicht schon nach wenigen Minuten gespannter Aufmerksamkeit, ja Faszination. Das liegt nicht nur an einem tollen Hauptdarsteller. Schauspielchef Peter Kube, eher vom heiteren Fach kommend, gelingt mit einem ganzen Ensemble ohne Schwachpunkte ein brechtischer Brecht ohne künstliche Verfremdungseffekte.

Ui2 560 HagenKoenig uMichael Bernd-Cananá und Sandra Maria Huimann © Hagen König

Das ist tatsächlich episches Theater, so, wie man Brecht früher gespielt hat. Aber es wirkt deshalb nicht bemüht, aufgesetzt oder künstliche ent-emotionalisiert. Die Inszenierung penetriert den Zuschauer auch nicht mit allzu direkten Anspielungen auf gegenwärtige Identifikationsfiguren wie beispielsweise Trump. Ein einziges Mal ruft Dogsborough der Reporterin "Lügenpresse" hinterher, das ist aber schon das Äußerste an direktem Gegenwartsbezug.

Anfangs zu uncool für die Gangsterwelt

Man ist sofort drin, wenn Christian Schöbel am Klavier Joplin-Ragtimes anstimmt. Wie zu Beginn einer Moritat passiert das Personarium Revue. Ausstatter Stefan Weil genügen wenige Kulissen und Requisiten, ein multiples Milieu von Spelunke, verruchtem Stadtviertel oder noblem Büro zu skizzieren. Bis auf Arturo Ui sehen die Gangsterbosse mit ihren Anzügen, Schals, Fellkragen und Hüten genau so aus, wie man sich die Halbwelt von Chicago vorstellt. Leicht lasziv die beiden Damen, die Reporterin Ragg und die Untersuchungsbeauftragte O'Casey. Die Maske streicht nicht heraus, unterstreicht nur.

Unvorbereitet sollte man aber nicht kommen. Die komplizierte Geschichte vom Wirtschaftskrieg um den Gemüsetrust, von gegenseitiger Erpressung, der Lenkung öffentlicher Zuschüsse, vom Einsatz und der propagandistischen Kaschierung brutaler Verbrechen und vom monomanischen Machtstreben eines Psychopathen sollte man ungefähr kennen. Die Parallelen und Anspielungen auf den Aufstieg Adolf Hitlers möglichst auch. Denn Dramaturgin Gisela Kahl hat sich – vor allem in den ersten Bildern – um eine gestraffte Textfassung bemüht, und nicht jeder wird gleich beim Einstieg alle Verflechtungen und Konstellationen durchschauen. Worum es geht, ist aber von Anfang an zu erfassen. Man lauert ja geradezu auf Arturo Ui.

Ui3 560 HagenKoenig uUi ui ui – Michael Bernd-Cananá in der Titelrolle © Hagen König

Jenen im Titel genannten Aufstieg vermag Michael Berndt-Cananá denn auch bis in jedes gestische Detail hinein so plastisch zu vermitteln, dass sich das nicht so leicht zu euphorisierende Radebeuler Publikum zu Bravo-Rufen hinreißen ließ. Man erlebt zunächst den komplexbehafteten verunsicherten Möchtegern-Mächtigen, wie er sich zusammengekauert unter dem Sitzpolster eines Sessels verkriecht. Dieser Ui beherrscht die nervöse Körpersprache des Vorbilds seiner Figur, die eckigen zuckenden Bewegungen, den abrupten Wechsel zwischen Flüstern und Gebrüll. In der scheinbaren Anbiederung steckt schon die Drohung, er ist der Retter und Zerschmetterer zugleich. Eigentlich eine lächerliche Figur, dem die Hose rutscht. Erst im zweiten Teil passt er sich dem coolen Habitus der Gangsterwelt an.

Der selbsternannte Beschützer

Regisseur Peter Kube lässt den Protagonisten nicht als eine billige Hitlerkopie erscheinen. Nur kurzzeitig klebt plötzlich der berüchtigte Schnauzer unter der Nase, nachdem Ui aus einer Blumenvase getrunken hat. Seine Sprache ist eine prononciert hochdeutsche, durchsetzt nur von seltsamen Zischlauten und sächsisch abgedunkelten Vokalen. Nach dem dramatischen Unterricht bei einem Schauspieler steigert sie sich zum wie ein verquastes Niederländisch anmutenden "Unsprech" der Führerart. Diese Szene mit Matthias Henkel als affektiertem Shakespeare-Helden genießen Regie – und Publikum – sichtlich.

Ui1 560 HagenKoenig uSprecherziehung: Michael Bernd-Cananá und Matthias Henkel © Hagen König

Soviel Karikatur darf sein. Denn was auch sonst an Typisierung läuft, läuft nie Gefahr, in Slapsticks abzugleiten. Immer lauert zugleich spürbar die Gefahr. Und die Angst, die der inszenierte Terror noch schürt. Eine Angst, die den Ruf nach den Beschützern forcieren soll, und da ist man ganz und gar in der Gegenwart. Die Parallelen zur Angstwahl, zu den "besorgten Bürgern" drängen sich auf. Ui spricht ja sogar ganz in Führermanier davon, die Bürger wieder von ihrer (vom Trust bewusst geschürten) Angst zu erlösen in der Rolle des "Beschützers".

Zum geschlossenen Ensembleeindruck trägt bei, dass jeder ständig spielt, auch wenn er nicht spricht. Nicht eine Sekunde wird nur herumgestanden. Und was auf der Bühne eine Selbstverständlichkeit sein sollte, aber zu oft nicht mehr ist, rundet das Lob dieser ganz und gar nicht provinziellen Inszenierung: Man versteht jedes Wort!

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
von Bertolt Brecht
Regie: Peter Kube, Ausstattung: Stefan Weil, Dramaturgie: Gisela Kahl.
Mit: Michael Berndt-Cananá, Marcus Staiger, Felix Lydike, Johannes Krobbach, Tom Hantschel, Grian Duesberg, Sebastian Reusse, Luca Lehnert, Julia Vincze, Sandra Maria Huimann, Michael Heuser, Matthias Henke, am Klavier: Christian Schöbel.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.landesbuehnen-sachsen.de

 

Kritikenrundschau

"Eine durchaus überzeugende Umsetzung", schreibt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (27.11.2017). In einer Szene werde die investigative Reporterin Ragg (Sandra Huimann) mit der Beschimpfung "Lügenpresse!" hinausgeworfen: "Gerade im oft unterschätzten Detail wird sichtbar, wie Kube die Gewitztheit und Erfahrung aus 35 Jahren Zwingertrio einbringt, die ja nicht zuletzt das Spiel mit der Lenkbarkeit des Publikums, der großen Masse, einschließt." Gerade das Subtile, die kultivierte Erbarmungslosigkeit seien an dem Abend von Wirkung. Kube konzentriere sich zunächst fast völlig auf seine Hauptfigur. Fazit: "Die Groteske wird nicht läppisch, sondern die äußerste Gemeinheit behält ihren Biss, indem sie das Maß von Zynismus noch zu übertrumpfen scheint."

Nicht allein an der glücklichen Hand von Regisseur Peter Kube liege es, dass dieser Brecht-Klassiker so elegant über die Bühne gehe, so Rafael Barth in der Sächsischen Zeitung (27.11.2017), sondern auch an dem Klavierspieler am Rand, der durch Chaplin-Melodien den Ui zum Hüpfen bringe. Und an "Ute Raab. Sie hat die Spieler choreografisch geschult und den Abend damit über weite Strecken rhythmisch geprägt." Der Hauptdarsteller Michael Berndt-Cananá habe sich einen berauschendes Sprachmischmasch erarbeitet, bei dem man nicht immer weiß, welche Leitfigur, aus welcher Zeit, aus welchem Land jetzt spricht. Auch wenn es ein starkes Bild sei, "wie Berndt-Cananá seinen Arme und Beine hakenkreuzförmig in den Sessel spannt: Etwas weniger Hitlerei hätte es auch getan".

 

 

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