Im Räderwerk zeitgenössischer Ökonomie

von Michael Laages

Leipzig, 25. November 2017. Auf der anderen Seite vom Leipziger City-Ring, dort wo neben Oper und Gewandhaus das Hörsaal-Terrain der Universität beginnt, wären Sascha Hargesheimers Thesen zu Ökonomie, Politik und Gesellschaft bestimmt manche Seminar-Arbeit wert. Denn der Frankfurter Autor vom Jahrgang 1982, mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet in der Heimatstadt, in München und Osnabrück, geht einer wichtigen Frage nach: Wann hat all das angefangen, was uns heutzutage als Moderne der Arbeitswelt entgegen tritt? Seit wann und warum wirken die Produktions-Prozesse gesellschaftlich derart destabilisierend und rücken das Individuum fast frei von Bindungen ans Kollektiv, ins Zentrum des Fortschritts?

Hargesheimer gibt auf solche Fragen klare Antworten – der Startschuss für diesen Niedergang fiel vor etwa dreieinhalb Jahrzehnten, am Anfang von diesem Ende stand die neoliberale Ökonomie, deren Regeln Wissenschaftler wie Milton Friedman für Politiker wie Margaret Thatcher und Ronald Reagan entwarfen. Dafür spricht in der Tat viel, die Logik der Argumentation überzeugt – wird daraus mit Hargesheimers Text aber auch ein starkes Thema fürs Theater?

Choreographien2 560 xUnsere Lebens- und Arbeitswelt als surreale Fantasiewelt © Rolf Arnold

Als "Choreographien der Arbeit" firmieren die Gedanken des Autors bei der Uraufführung in der von Grund auf renovierten "Diskothek" des Leipziger Schauspiels übrigens auch deshalb, weil Jane Fonda fleißig das Becken kreisen lässt in einem Aerobic-Video.

Beschwörung einer Lebenswelt

Mit Spuren, die zurück führen in die fatalen 1980er Jahre, sind der Text und Mirja Biels Inszenierung generell überreich bestückt. Im fundamentalsten Moment des Leipziger Abends stößt Margaret Thatcher in einer Rede gegenüber verrußten Bergarbeitern die Gewerkschaftskollektive des Arthur Scargill und deren Fundamental-Opposition hinab in die Bedeutungslosigkeit.

Aber auch damit sind wir immer noch auf der Ebene der Erkundung im Material; und noch immer nicht im Theater. Matthias Nebel hat in den leeren Raum der "Diskothek" eine Lebenswelt gebaut – mehrere hohe Podeste, ein Wasserbecken, eine Videowand: wir als Publikum an den Wänden und in einer Art Halbkreis in der Mitte, als säßen wir um ein Becken in der Wellness-Oase herum. Die wollen Stück und Inszenierung in der Tat beschwören – als szenisches Konglomerat aus Sylt, Betty-Ford-Klinik und Sächsischer Schweiz, wie Hargesheimers Auftragswerk die Szenerie verortet. Zwischen Nebels phantasievollen Konstruktionen (und in dem Nebel, den Nebel nun in der Tat besonders gern ins Spiel pustet) hasten drei Männer und zwei Frauen aus dem Ensemble umher, fast immer in Bewegung, aber nur sehr gelegentlich in deutlich erkennbaren Rollen greifbar.

Choreographien1 560 xJane Fonda macht es vor: Hüftkreisen zwecks Seelenreparatur. © Rolf Arnold

In einen Reparaturbetrieb der luxuriöseren Art also, ein Psycho-Heim an Berg und See, flüchtet der gerade noch gelobte, kurz darauf abgewickelte ("freigesetzte") Top-Manager und beginnt über die eigene Rolle als entkollektiviertes Rädchen im Getriebe zeitgenössischer Ökonomie zu reflektieren. Bespaßt wird er auch, der schnelleren Erholung wegen: etwa von einer etwas zu üppig geratenen Tänzerin, die ihrerseits darüber nachdenkt, dass sie eigentlich nur ein nutzloses Versatzstück ist, ein Zitat vom Zitat vom Zitat; und im Grunde völlig überflüssig. Auch eine Art Performance-Kollektiv ist Teil der Erholungsmaschinerie; die Mitglieder tragen teils Tauben-Köpfe als Masken. Überhaupt fährt das Team um Mirja Biel eine gehörige Menge an optischen Reizen auf, auch in Gabriel Arnolds Video-Geschnipsel – aber mehr und mehr ist eben auch zu spüren, dass all die Mühe nötig ist, um das zentrale Problem von Hargesheimers Text zu kaschieren.

Das Theater als Hörsaal

In dem nämlich wird sehr klug gedacht und argumentiert; aber in Kern und Struktur eben überhaupt nicht gespielt. Das ist keine "Textfläche" nach Jelinek-Manier, das ist ein Thesenpapier. Und die Uraufführung ist abendfüllend damit beschäftigt, diesem Wust von Gedanken szenisches Leben einzuhauchen. Darum ist so unerhört viel los – mit einem der Männer im riesigen Badezuber und einem anderen erst ganz golden angemalt und dann unter der Dusche, mit rätselhaft-elektronischen Klemmbrettern vor den Ensemble-Köpfen und blinkenden Schutzhelmen, mit allen Körper in Katrin Wolfermanns Kostümen wie in Schutzanzügen aus Zellophan verpackt, als würde es mächtig schmutzig und nass.

Wird es aber nicht – da ist kein Leben im Leben; das Spiel bleibt außen vor, wir sind mit Denken beschäftigt. Und eben leider nur damit. Das Theater wird zum Hörsaal. Damit ist es über- und unterfordert zugleich.

 

Choreographien der Arbeit
von Sascha Hargesheimer
Regie: Mirja Biel, Bühne: Matthias Nebel, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Sophia Kennedy, Dramaturgie: Katja Herlemann, Video: Gabriel Arnold.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrike Beerbaum, Thomas Braungardt, Julia Preuß, Florian Steffens.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Sascha Hargesheimer betrachte unsere labile Leistungsgesellschaft als Pflanze, die aus dem Dung des Neoliberalismus der 80er Jahre gewachsen sei, analysiert Dimo Riess in der Leipziger Volkszeitung (27.11.2017). Der Autor montiere geschickt Satzfetzen aus der schönen neuen Arbeitswelt. Der Text sei eine Mischung aus Gedankenstrom, Traumsequenz und Zitatcollage. "Das gedankliche Gerüst mag schlüssig sein, aber die Figuren blitzen nur als Prototypen ihrer Zeit auf. Sie können kaum Kontur gewinnen und dem Zuschauer keine Identifikationsfläche bieten." Vollgepumpt mit Anspielungen auf symptomatische Begebenenheiten marschiere der Text kompromisslos voran.

 

 

 
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