Im Gewahrsam des Kulturbetriebs

von Esther Slevogt

Berlin, 5. Mai 2007. Da ist es wieder, das berüchtigte RAF-Logo, das in der alten Bundesrepublik wahrscheinlich eine größerer Identifikationskraft erlangt hat, als je der behäbige Bonner Bundesadler, der 1949 den zackigen Naziadler abgelöst hatte, aber auf Grund seiner unsportlichen Figur immer als eher uncool empfunden wurde. Bis dann die Wehrsportgruppe um Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof auf der Bildfläche erschien.

Riesengroß prangt der fünfzackige rote Stern mit dem Maschinengewehr nun über der Bühne im Haus der Berliner Festspiele, wo gestern mit Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" das Theatertreffen eröffnet wurde, und verbreitet in alter Frische fröhlich seinen Radical Chic. Im Zuschauerraum sitzt eine glamouröse Abordnung aus Kultur- und Politprominenz der Stadt und hat nichts dagegen. Auch nicht, als die Bühne irgendwann von drei Spassterroristen geentert wird, mit nichts als Schweinemasken bekleidet. Später singt die zierliche Darstellerin Gudrun Ensslins (Judith Rosmair) ein naiv-melancholisches "Schwein oder Mensch?"-Lied, erhellt damit diesen spaßigen Auftritt als Kommentar zum menschenverachtenden Bild der Rote-Armee-Fraktion, in dessen Namen gemordet wurde. Gelegentlich ruft sie dabei dem nackten Pianisten ein zartes "Holger, spiel weiter!" zu.

Wowereit wirft Wasserbomben

Doch vorläufig ist die nackte Terrorfraktion noch mit der Herstellung von Wasserbomben beschäftigt und füllt zu diesem Zweck Wasser in Luftballons. Auf der Bühne stehen als Pappfiguren ein paar Hassobjekte linker (Kultur)kritik wie Johannes B. Kerner und Bild-Chef Kai Dieckmann, aber auch Stefan Aust und der Politiker Roland Koch. Für die Berlin-Edition der Aufführung sind außerdem Klaus Wowereit und Claus Peymann hinzugekommen, der dem inhaftierten Terroristen Christian Klar in seinem Theater bekanntlich einen Praktikumsplatz angeboten hat.

Als dann die fertigen Bomben unters Publikum gebracht werden und die schweigende Sympathisantenschar im Dunkel des Zuschauerraums seine klammheimliche Freude in unheimliche Gaudi verwandeln kann, erreicht der hübsche, manchmal aber auch etwas zähe Abend ein einziges Mal so etwas wie diskursive Schärfe. Prasselnd und platzend fliegen die Wasserballons aus dem Publikum zurück auf die Bühne und ramponieren gründlich das dort aufgestellte Papppersonal. An diesem Anschlag beteiligt sich mit verschämtem Lächeln selbst der Regierende Bürgermeister, obwohl sein eigenes Konterfei dort oben steht. Vielleicht hat er ja auf Roland Koch oder Kai Dieckmann gezielt.

Alles verschlingend und nivellierend

Ja und da haben wir sie dann, die alles verschlingende und nivellierende Maschinerie des Kulturbetriebs wie sie leibt und lebt. Einen Moment lang entlarvt sie sich selbst, weshalb ein Abend wie dieser eigentlich schon als ausreichendes Argument dafür gewertet werden kann, auch Christian Klar endlich zu begnadigen. Ein besseres Gewahrsam als den Kulturbetrieb kann es für die RAF wahrlich nicht geben, was eigentlich eine ausgesprochen gerechte Strafe ist. Im Knast bleiben die letzten RAF-Recken wahrscheinlich viel gefährlicher.

Als Nicolaus Stemann vor etwas einem Jahr mit den Proben zur Uraufführung von Elfriede Jelineks Stück begann, das Schillers tödlichen Zickenkrieg zwischen Elisabeth I. und Maria Stuart um Männer und Macht mit dem Duell Gudrun Ensslin-Ulrike Meinhof verschränkte, war die Phantomdebatte um die RAF freilich noch nicht ausgebrochen. Nur der Einspruch von Meinhofs Tochter Bettina Röhl, die ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah, erinnerte an die Wurzeln des Dramas in der Wirklichkeit. Auch die Dramatikerin Marlene Streeruwitz fand sich als sprechende Vagina verunglimpft und versuchte sich zu wehren.

Beide Frauen ernteten Spott und Häme für ihren Einspruch. Die renommierte Zürcher Theaterkritikerin Barbara Villiger-Heilig spekulierte gar darüber, ob sich Bettina Röhl nicht in Stemanns Inszenierung auch hätte amüsieren können, und lieferte damit ein erschreckendes Exempels für die Indolenz, mit der der Kulturbetrieb auf seinem Verwurstungsrecht beharrt. Was hätte Bettina Röhl wohl daran komisch finden sollen, die Darstellerin ihrer Mutter (Susanne Wolff) am Ende erhängt an einem Strick baumeln zu sehen?

Fröhlicher Diskursreigen

Zwei Stunden lang kann man sich dann mit Stemanns und Jelineks fröhlichem Diskursreigen leidlich amüsieren und über hübsche Einfälle schmunzeln. Zum Beispiel Meinhof und Ensslin als alte Frauen mit Blümchenkleid und Rollator. Oder die drei schrillen Engel, die als Widergänger von Tony Kushners oder Walter Benjamins Engel der Geschichte allerlei Mätzchen machen.

Dass der Abend dabei auch seinem öffentlich rechtlichen Auftrag gerecht wird, und kritische Töne anschlägt, versteht sich von selbst. Dazu ist Stemann, der im Signaljahr 1968 geboren wurde, ein viel zu versierter Leser und luzider Zapper zwischen den Zeilen moderner Diskurs- und Zeichensysteme. "Stefan Aust und Bernd Eichinger präsentieren: 'Der Untergang 2, oder die letzten Tage von Stammheim'", wird einmal als ironisches Statement zur ebenso reisserischen wie rührstückhaften massenmedialen Verwertung deutscher Historie in Riesen-Lettern auf eine weisse Leinwand projeziert.

Stemann ironisiert in seinem gut zweistündigen Abend so lange, bis es nur noch doppelte Böden gibt. Am Ende tritt er selbst im ikonografischen Jelinek-Dress mit modischer Adidas-Jacke und Zöpfen auf und spricht einen Text, in dem Jelinek auch ihre Angstneurose zur Sprache bringt. "Für mich gibt es keine Raushole", heisst es da in Anlehnung an den RAF-Jargon. So ist eben alles mit allem assoziierbar.

 

Ulrike Maria Stuart
von Elfriede Jelinek
Inszenierung: Nicolas Stemann, Bühne: Katrin Nottrodt.
Mit: Judith Rosmair, Susanne Wolff, Nicolas Stemann, Sebastian Rudolph, Andreas Döhler, Felix Knopp, u.a.

www.thalia-theater.de

Kommentare

Kommentare  
#1 Ulrike Maria Stuart 1Daniel Buteiro 2007-05-06 12:30
Ich gratuliere zu diesem wirklich gelungenen Text von Frau Slevogt. Der Regierende Bürgermeister schmeißt Wasserbomben auf seinen eigenen Pappkameraden, man denke!
Trotz der überzeugenden Argumentation, die zeigt, wie der Kulturbetrieb alles einebnet, was Kapitalismus und der Liebe Gott uns an Widersprüchen aufgegeben haben, doch noch zwei Anmerkungen:
Während Stemanns Inszenierung auf der rhetorisch-dialogischen Ebene jeden Satz neben sein Gegenteil und unendliche Relativierungsklauseln stellt, funktioniert die emotionale Ebene viel eindeutiger.
Auch hier weiß Stemann offensichtlich, was er tut. Der melancholisch-einschmeichelnde Gesang auf die Worte "Schwein oder Mensch" zeigt vor, dass der Regisseur die Mittel beherrscht, die hier heißen: Du kannst den größten Schwachsinn erzählen, verpackst Du ihn nur in die richtige Musik, kommt der Inhalt als Stimmung rüber. Ein eklatanter Fall von Stimmungsmache also.
Während Stemann an dieser Stelle das Mittel sozusagen demonstriert, setzt er es am Ende verführerisch ein: "Was muss passieren, damit etwas passiert", rockt das Ensemble, dass die Fetzen fliegen. Ton Steine Scherben lassen grüßen. Was aber ist eigentlich gemeint? Dass die Stemann-Generation aus den Puschen kommen soll und sich politisch engagieren, wie man den Selbstzweifeln des Regisseurs im Programmheft entnehmen kann? Vielleicht.
Aber in voller Sinn-Länge ausbuchstabiert heißt der Satz, den die Ensemble-Band rockt, doch wohl: Was muss denn noch an Schweinereien passieren, dass endlich wieder etwas passiert? Und auf dieser Linie des "wieder" wird die RAF mit "etwas passieren" assoziiert, mit Widerstand, und damit, weil wir ja alle, siehe Programmheft, das Unglück des Kapitalismus, seine Schweinereien noch erkennen können, wird unter der Überschrift: Die RAF, die hat wenigstens noch etwas getan (auch wenn es Schwachsinn war) die terroristische Selbstermächtigung einiger Hypermoralisten re-mythisiert. Zu einem Akt des, wenn auch blöden, „irgendwie“ doch verständlichen, „irgendwie“ legitimen Widerstandes.
Es sind diese emotionalisierenden Mittel der Filmbilder und der Musik, die den ironischen Kontext, in dem sie erscheinen, sofort auflösen, Gehirn und Urteilsvermögen außer Kraft setzen und in pure Stimmungsmache umschlagen. Eine Gesellschaft in der Symbole, von allem Sinn abgelöst, frei flottieren, wollte Stemann vielleicht kritisieren. In Wirklichkeit hat er, indem er dasselbe Verfahren anwendet, die Remythisierung, die Aufladung dieser Symbole mit der vagen Bedeutung von legitimem Widerstand gegen ein unmenschliches System abermals zementiert.
Sorry für die ausufernde Länge.
#2 Ulrike Maria Stuart 2Eugen Dennoch 2007-05-06 13:08
Lieber Herr Buteiro,
ja ja, stimmt schon, auf der emotionalen Ebene ist die Inszenierung von Stemann eindeutig - sie referiert an den Widerstandsimpuls im Bauch. Und stimmt auch, dass damit Remytisierung betrieben wird. Nur: Es ist eben nicht alles Emotion an dem Abend, es ist auch nicht alles Musik, und man kann auch nich schlicht vom Schluss des Abends auf den ganzen Abend schließen. Es gibt daneben und darunter - den Text, der sich an der Musik reibt, die auch erst mit ihm ihre Wirkung entfaltet. Es ist ja nicht so, als würde alles Sprechen durch die Musik zurückgenommen. Ganz so eindeutig ist das alles also vielleicht doch nicht.
#3 Ulrike Maria Stuart 3Daniel Buteiro 2007-05-06 13:21
Doch, lieber Herr Dennoch, genau so. Die Musik nimmt in ihrer Eindeutigkeit die Worte, die in Schleifen sich immer und immer wieder selbst relativieren und in Frage stellen und konterkarieren, nimmt diese Worte zurück, wischt sie weg, die Musik und die durch sie ausgelösten Emotionen bleiben als das Eindeutige übrig, so eindeutig übrigens wie die Filmbilder, die nachgestellten Ikonen im Trailer von "Der Untergang 2". auch hier Auflösung des ironischen Kontextes und Verselbständigung des mythen-tauglichen oder schon mythischen ästhetischen Materials.
#4 Ulrike Maria Stuart 4Embonpoint 2007-05-06 13:41
Nur eine kleine Korrektur zum lesenswerten Beitrag von Frau Slevogt über "Ulrike Marias Stuart": Die Schauspierlin sagt nicht mehrfach "Holger, spiel weiter" zum Pianisten, sondern "Holger, der Kampf geht weiter" - was im RAF-Zusammenhang natürlich bedeutsam ist. Er sah auch aus wie Holger Meins, und mehrfach fragte sie ihn, ob er denn "Hunger"habe. Sorry für die kleine Korintenkackerei...
#5 Ulrike Maria Stuart 5Renée Radü 2007-05-06 14:55
Hört der Abend nicht mit der Hilflosigkeit der Generation Pop auf, die auf den Ideologietrümmern ihrer Vorgänger sitzt und die Sehnsucht nach Widerstand nur noch in die Musik transprotieren kann? Also ein Bekenntnis zum Relativismus, den Esther Slevogt kritisiert?
#6 Ulrike Maria Stuart 6mediumflow 2007-05-07 11:52
Die Inszenierung konnte ich nur via TV sehen, sie drang aber durch (meiner Erfahrung nach durchaus ein Qualitätsanzeiger); und machte erfahrbar, weshalb mit Elfriede Jelinek vor ein Paar Jahren auch mal ein Autor zurecht den Nobelpreis gewann... Einer der seltenen Fälle, in denen der Autor eine Autorin war.

Danke für die luzide Deutung an Esther Slevogt.

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