Süße Mädel kontern messerscharf

von Reinhard Kriechbaum

Linz, 1. Dezember 2017. "Die Weiber lügen nicht … die Wahrheiten wechseln nur für sie", sagt Anatol mit Kennermiene. Er, der selbst trickst und betrügt wie ein Teufel, hält das andere Geschlecht zu nicht mehr als zu Fake News fähig. Ein Widerling sondergleichen, der nur "unter der rot-grünen Bumslaterne" zur Vollform aufläuft, wie es Freund Max mal so ironisch wie anschaulich beschreibt.

Ein Mann, eine Frau

Wienerisch? Da täte Anatol seine Argumentations-Finten mit mehr Charme ausrinnen lassen. Und die Frauen, die er in dem Einakter-Puzzle eine um die andere sitzen lässt, täten sich mit mehr oder weniger Fassung durch ihre Rollen raunzen. Aber Wienerisch kann man in #metoo-Zeiten den ganzen Schnitzler nicht mehr spielen, und "Anatol" sowieso nicht. Susanne Lietzow hat sich, davon kann man ausgehen, ihr Konzept für den alten Schwerenöter, vor allem auch jenes für die Geschlechtsgenossinnen, denen er so übel mitspielt, sowieso schon lange vor dem kollektiven Social-Media-Befreiungsschlag dieser Tage und Wochen ausgedacht.

 Anatol 560 NorbertArtner UTischgespräche: Anatol (Andreas Patton) und Martina Spitzer, die alle Frauenrollen spielt
© Norbert Artner

So hat die Regisseurin also aus allen eine gemacht, aus Berta, Cora, Gabriele, Bianca, Emilie, Annie, Ilona und Fritzi. Diese eine, die alle Auslaufmodelle in Anatols Beziehungsmenagerie spielt, ist in den Kammerspielen des Linzer Landestheaters Martina Spitzer. Mit beeindruckender Präsenz und Stärke stattet sie eine jede der vom Lebemann Anatol betrogenen und kalt abservierten Frauen aus. Sie waren alle einmal die "süßen Mädel", um die Schnitzlers Werk so oft kreist. Von ihrer einstigen Ausstrahlung ist immer noch deutlich mehr als ein Hauch da, in Martina Spitzers und Susanne Lietzows herber, bisweilen deftiger Lesart sind es "süße Mädel" schon in den drittbesten Jahren. Aber sie haben ihre Lebenslektionen gelernt. Sie wissen messerscharf zu kontern, auch wenn sie (meist uneingestanden) mordsmäßig leiden.

Sarkasmus als Waffe einer Frau

Heroinen werden sie deshalb noch lange nicht – es ist immer noch Schnitzler, es ist das verlogene Fin de siècle. Und es ist die damals in der Luft liegende Seelenschau eines Sigmund Freud, die "Anatol" stärker durchweht als jedes andere Stück von Schnitzler. Der Lokalkolorit ist dagegen weniger ausgeprägt.

Anatol 560a NorbertArtner UZwei Männer auf der Couch: Andreas Patton als Anatol vorne, sein windiger Freund Max gespielt
von Christian Taubenheim hinten © Norbert Artner

Schnitzler als studiertem Arzt war die Psycho-Klempnerei sowieso nicht fremd. Das also schält Susanne Lietzow konzis heraus. Schon Jugendliebe Berta treibt zu Beginn, in "Anatols Größenwahn", den scheinbaren Besserwisser mit sarkastischer Ironie vor sich her. Am Ende wird sie sich als Vorstadtmädel Fritzi eine blonde Perücke und Maske mit greller Schminke überziehen und den – allein – auf den Ball, zu Seinesgleichen aufbrechenden Anatol in ein ihn entlarvendes Rollenspiel drängen. Dazwischen ist Martina Spitzer mal die Balletttänzerin Annie, die Anatol mit (angetrunkenem) Mut der Verzweiflung den Ausstieg aus der Liaison verkündet, mal die dominante Ilona. Die lässt sich auf Anatol ausgerechnet in der Nacht des Junggesellenabschieds ein, nichts ahnend von seiner Hochzeit am kommenden Tag. Ein Höhepunkt des Abends ist die Charakterstudie der "mondänen Arztensgattin" Gabriele. Indem sie in "Weihnachtseinkäufe" mit Anatol ein Geschenk fürs derzeit aktuelle Mädel aussucht, offenbaren sich Stärke wie seelische Deformiertheit.

Männer scheinbar unter sich

Bei einer solchen Gegenspielerin hat Andreas Patton in der Titelrolle kein leichtes, aber ein lohnendes Spiel. Dieser Anatol flüchtet sich oft in ein präpotentes Gehabe und kann doch nicht verbergen, dass es Bindungsangst ist, die ihn immer wieder in die Vorstadt treibt. Dort sind jene Opfer zu finden, die von einem wie ihm, dem noblen Herren, wenig zu hoffen haben, die einem wie ihm am wenigsten gefährlich werden können. Glaubt er jedenfalls. Der dritte im Bunde ist Freund Max, viel mehr als ein Stichwortbringer. Er ist als kritischer Beobachter eigentlich Verbündeter der Frauen, als Anatols Freund aber auch diesem verpflichtet. Ein wendiger Typ jedenfalls, bei Christian Taubenheim in sehr guten Händen.

Die Drehbühne erweckt Assoziationen zum (viel später geschriebenen) "Reigen": vier Räume, transparent die Wände. Da bleibt nichts verborgen, die Frauen sind immer schon da, wenn die beiden Männer noch "unter sich" scheinen. Die Einakter werden durch Musik voneinander getrennt, Gilbert Handler singt Paraphrasen auf Opernarien, mal in tiefer Stimme, mal in Countertenor-Lage. Unter anderem Bellinis "Casta Diva": Keusche Göttin. An Ironie fehlt es nicht.

Anatol
Einakterzyklus von Arthur Schnitzler
Regie: Susanne Lietzow, Bühne und Kostüme: Marie-Luise Lichtenthal, Komposition und Musik: Gilbert Handler, Dramaturgie: Andreas Erdmann. 
Mit: Andreas Patton, Christian Taubenheim, Martina Spitzer.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.landestheater-linz.at

 

Kritikenrundschau

"Regisseurin Lietzow zeigt eine weibliche Perspektive, die dem nicht immer spannenden Text in der zweistündigen Aufführung auf die Sprünge hilft", schreibt Philipp Wagenhofer vom Neuen Volksblatt (4.12.2017). Der Kritiker lobt die Schauspieler: Martina Spitzer habe von der vornehmen Arztgattin Gabriele bis zum 'süßen Mädel' und zur fulminant saufenden Ballerina Annie alle Facetten intus. Andreas Patton gibt den Anatol mit gekonnt vorgetäuschter Gleichmut. "Christian Taubenheim ist als sein Freund Max ein trefflich changierendes Bindeglied, intersexuell, alle Achtung."

"Mitunter werden die Grenzen der Skurrilität überrannt, während manche eindringliche Dialoge nur so tun, als wären sie eindringlich. Dann doch lieber laut und schrill, darin ist dieser Anatol am besten", findet Peter Grubmüller von den Oberösterreichischen Nachrichten (4.12.2017). "Alle Frauen mit einer einzigen zu besetzen, ist Lietzows gelungener Kunstgriff." Grubmüller lobt die "wunderbar vielfältige" Martina Spitzer. Sie gebe "all diesen Bertas, Gabrieles, Coras, Emilies, Annies, Illonas, Biancas und Fritzis eine jeweils aufrichtige Gestalt - von subtil leidend bis entfesselt komisch, aber immer schlagfertig".

Martina Spitzer sei als Ballerina mit mehr Appetit als Grazie der Höhepunkt dieser "beschaulich-heiteren" Inszenierung, schreibt 'wurm' im Standard (4.12.2017). "Anatol ist kein so toller Hecht, wie er sich weismachen will. Andreas Patton in der Titelrolle steckt Rückschläge im Hamsterrad der Begierden wohl mit Zweifel weg. Zu schwer wiegt hier aber nichts."

 
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