Der inneren Nacktheit auf der Spur

von Gabi Hift

Berlin, 2. Dezember 2017. Heilig, heilig, heilig – heilig ist der Mord. Heilig die Zerstörung der Moral. Heilig das reine Böse. "Die Zofen, das geht doch immer", sagt einer bevor es losgeht. Wirklich? Packt uns der Rausch der Revolte noch, wenn wir verbotene Handlungen auf der Bühne sehen? Stehen wir nicht eher verständnislos vor den Texten der Existentialisten, die direkt nach dem Krieg die Freiheit des Menschen durch einen "Acte gratuit" ihrer Figuren demonstrieren wollten, durch eine grundlose Gewalttat? Denen das reine Böse um des Bösen Willen als das Gute galt?

"Les Bonnes" heißt Genets Stück auf französisch, was sowohl "Die Zofen" als auch "Die Guten" bedeutet. Vorbild war der Mord, den die inzestuösen Schwestern Papin an ihrer Herrin und deren Tochter verübt hatten. Genet hatte kein Sozialdrama im Sinn, im Gegenteil. "Ich vermute, es gibt eine Gewerkschaft der Hausangestellten" schreibt er im Vorwort, "das geht uns nichts an". Er wollte auch keine Charaktere auf der Bühne sehen, er wollte, dass die Schauspieler ihre innere Nacktheit zeigen. Und alle Rollen sollten von Männern gespielt werden. Dem Buchstaben nach befolgt die Inszenierung von Ivan Panteleev diese Vorgaben, als wäre Genet tatsächlich heilig, "Saint Genet", wie Sartre ihn genannt hat. Ob sie ihm damit was Gutes tut, ist ungewiss.

Als Verdopplung der Sehnsüchte gedacht

Das Stück zeigt die Zofen Claire und Solange, in Ivan Panteleevs Inszenierung gespielt von Samuel Finzi und Wolfram Koch, bei ihren wüsten sadomasochistischen Rollenspielen. Kaum sind die beiden allein im Haus, verkleidet sich die eine als gnädige Frau und kommandiert die andere herum, solange bis diese revoltiert und das Spiel auf einen Ritualmord zuläuft. Aus purer Bosheit haben die beiden im wirklichen Leben den gnädigen Herrn anonym bei der Polizei angezeigt (acte gratuit!) und er ist verhaftet worden. Aber nun ist er wieder frei und ihre Intrige wird ans Licht kommen. Sie sind erledigt.

zofen 560a ArnoDeclair uDie beiden Zofen Claire und Solange: von Jean Genet raffiniert und vieldeutig konstruiert. Von Samuel Finzi und Wolfram Koch mit Perücke und ziemlich breitbeinig gespielt © Arno Declair

Genet wollte eine Verdoppelung des Rollenspiels und der Sehnsüchte: Die Schauspieler sollten einen Mann spielen, der sich danach sehnt im Körper einer Frau zu stecken, die sich wiederum danach sehnt sich in ihre Herrin zu verwandeln. Die Vieldeutigkeit in ästhetischer, philosophischer und sexueller Hinsicht ist seine subversive Strategie. Finzi und Koch tragen zwar Frauenkleider, aber sie versuchen nicht, wie begehrenswerte Frauen aufzutreten. Die Kleider hängen an ihnen als oberflächliche Fummel und sie ernten in den ersten Minuten viele Lacher auf Charleys-Tante-Ebene. Grausame Lacher, die die Verachtung für jene Männer in Frauenkleidern ausdrücken, die zu breitbeinig gehen, zu klobige Formen haben, um jemals als Frauen durchzugehen, die hämisch das Ausrutschen auf der Bananenschale der Geschlechterrollen quittieren.

Krise beim Traumpaar?

Finzi und Koch mögen es nicht, wenn man sie "Traumpaar" nennt. Aber sie brillieren immer wieder als Paar, werden als Paar bepreist: 2015 für "Warten auf Godot" in der Regie von Panteleev, 2011 zusammen mit Almut Zilcher und dem vor vier Jahren verstorbenen Regisseur Dimiter Gotscheff für "Die Perser". Und hier geht's genauso los wie bei den Persern: eine Wand, so breit wie die Drehbühne, diesmal stellt sie den Spiegelschrank der gnädigen Frau dar, und eine nahezu identische Slapstickszene mit dieser Wand – als wärs das feste Opening für alle Folgen aus der Serie "Finzi & Koch".

Nur, dass diesmal irgendwas zwischen den beiden nicht stimmt. Das Zusammenspiel, für das sie berühmt sind, findet praktisch nicht statt. Koch redet fast immer an Finzi vorbei gegen eine vierte Wand, die ihm direkt vor der Nase zu hängen scheint. Der Tanz aus Dominanz und Unterwerfung wird zum solipsistischen Stehblues. Beide unterkühlen den Text, wovon Genets exaltierte Suaden manchmal profitieren, manchmal bleibt aber ohne die Hitze nur noch mürrische Bedrückung übrig.

Finzi ist und bleibt aber ein Ausnahmeschauspieler. Nichts was er macht, ist hohl, er ist immer in Verbindung mit etwas schwer zu Beschreibendem, sowas wie Knoten innerer Wahrheit, in denen irgendetwas lebt. In einem Augenblick ist er ganz vernünftig, im nächsten ein Kind mit einem unheimlichen, dummdreisten Ausdruck, dann wieder sieht man nur noch das Weiße in seinen Augen und gleich darauf wirkt er zutraulich und vergnügt. Man schaut ihm jeden Augenblick mit Interesse zu, er spielt nur diesmal nicht mit den rätselhaften Impulsen, stellt sie nicht zur Schau – als wollte er sie den Zuschauern vorenthalten.

Karikatur eines Gutmenschen

Nach etwa einer Stunde tritt Bernd Stempel als gnädige Frau auf und spielt eine zutiefst bösartige und sehr lustige Karikatur einer Gutmenschin: patent, uneitel, befolgt alle Regeln der Achtsamkeit gegenüber ihren Dienstboten – ein so überheblicher, freundlicher Trampel, dass es einen schaudert. Eine ausgezeichnete Charakterstudie, die sich aber leider auf einer anderen Spielebene bewegt als Finzis flirrendes, ambivalentes Kindmonster.

Bis zum Schluss wünscht man sich, die kleinen schwelenden Herde in Finzis Innerem mögen seine Claire doch noch zu einem Exzess treiben. Als sie am Ende selbst den vergifteten Tee trinkt, der für die gnädige Frau bestimmt war, zieht plötzlich ein Krampf ihren Körper zusammen, das muss der Todeskampf sein, aber dann entspannt sie sich wieder, Finzi/Claire zuckt mit den Achseln, grinst – und das Licht geht aus. Da fühlt man sich dann betrogen: Wenn das alles ist, worauf die einst so schwindelerregend abscheulichen Zofen hinauslaufen, ein kleines Grinsen und ein Achselzucken, wozu sie dann überhaupt noch aufführen?

 

Die Zofen
von Jean Genet
Regie: Ivan Panteleev, Bühne / Kostüme: Johannes Schütz, Sound-Design: Martin Person, Licht: Robert Grauel, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Samuel Finzi, Wolfram Koch, Bernd Stempel.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

"Natürlich ist das ein kleiner, feiner und sehr eleganter Abend – wie sollte es anders sein mit diesem Meister-Trio auf der Bühne? Und doch fehlt so viel! Abwesend ist vor allem Jean Genet selbst - dessen konsequente Anti-Bürgerlichkeit, als Künstler wie als homosexueller Mann und Mensch, könnte oder müsste sich doch zeigen", moniert Michael Laages im Deutschlandfunk (3.12.2017). "Was für radikale und rabiate Fantasien möglich würden, gerade mit den Männern als Frauen, gerade mit diesen einzigartigen Akteuren." Panteleev aber lasse sich mit ihnen auf keine einzige ein. "Stattdessen doch nur auf Charleys Tante. Wie schade."

"Als Schüler, im Jahr 1965, habe ich noch das legendäre Deutschland-Gastspiel des New Yorker Living Theatres mit Genets 'The Maids' gesehen, inszeniert von der Piscator-Schülerin Judith Malina", verrät Peter von Becker im Tagesspiegel (3.12.2017). Damals sei der Subtext gewesen: "Revolte, Revolution". Der Anlass, das Stück im Jahr 2017 zu spielen, werde dagegen in Panteleevs Inszenierung nicht ganz klar. Das Spielerische kippe hier zu selten in Gefährliche, der Komik fehle die Dämonie. Von Becker habe eine interessante Aufführung gesehen, keine "richtig große".

André Mumot von Deutschlandfunk Kultur (3.12.2017) befürchtete zunächst eine Klamotte: "Natürlich tauchen Samuel Finzi und Wolfram Koch da auf der Bühne auf, mit Perücken, in Miniröcken und hochhackigen Schuhen und das erste Schmunzeln, das erste Kichern geht durch Reihen." Doch seien die tieferen Bedeutungsebenen nicht verloren gegangen und die Frauenrollen nicht als Karikatur angelegt worden. Die Komödieninszenierung habe dem Stück gutgetan. Durch den lauten, komödiantischeren Ton sei die Bissigkeit und Bösartigkeit des Stückes viel besser zum Ausdruck gekommen.

"Wie gekonnt sie aneinander vorbei defilieren! Wie jeder für sich das eigene Spiel poliert, sich im eigenen Können spiegelt, wie vereinzelt, vereinsamt gar sie wirken!", staunt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (3.12.2017). Finzi und Koch "werfen sich die Satzbälle zu, aber jeder Wurf geht absichtlich am anderen vorbei". Die beiden seien Gefangene: "Welch schönes Symbol: Zwei Zofen, die aus ihren Rollen nicht herausfinden. Sie tragen Perücken, Röcke, Stöckelschuhe: sehr lustig, aber wie verzweiflungssatt, wie eingesperrt ins Virtuosenamt." Das mache Bernd Stempel zum heimlichen Held des Abends. "Seine gnädige Frau ist Karikatur, Komödie, aber damit jene Figur, die die Fassaden zum Einsturz bringt."

Abwegig sei die rein männliche Besetzung nicht, entspreche ja sogar der Vorstellung von Jean Genet, schreibt Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (6.12.2017). "Aber die Frage, wie Demütigung und Machtmissbrauch, Anbiederung und Verstellung sich verändern, wenn die Herren und Beherrschten statt Frauen Männer sind, hat sich im (durchweg männlichen) Regieteam offenbar niemand gestellt. Der Umgang mit Geschlechterrollen ist, um es freundlich auszudrücken, unbedarft." Indes hülfen Finzi und Koch "der Klamotte mit angestaubten Frauenposen auf die Sprünge", so Meiborg – schauspielerisch sei das virtuos. "Aber es treibt dem Stück sein Grauen aus. Genet verzweifelte an der bürgerlichen Gesellschaft. Hier hat man es sich in ihr gemütlich gemacht."

 

 

Kommentare  
Die Zofen, Berlin: Diabolisches vermisst
Wie Gabi Hift schreibt, erfüllt Panteleev die Genet-Vorgabe, dass die drei Frauen von Männern gespielt werden sollen. Ansonsten ist der Abend aber ganz weit von Genets Geist entfernt.

Ein Blick in die Nachtkritik-Rundschau zur Wiener Premiere der letzten großen "Zofen"-Inszenierung zeigt, dass Luc Bondy 2008 auch einiges vorgeworfen wurde, was für Panteleevs DT-Neuinszenierung erst recht gilt: der nur 100 Minuten kurze Abend variiert sein Tempo kaum, den Figuren fehlt das Abgründige und Doppelbödige. Das Hinterhältige dieser „Biester“, wie Eva Maria Klinger in ihrer Wiener Nachtkritik 2008 schrieb, ist einem braven Wohlfühltheater gewichen. Das Diabolische, das Sandrine Bonnaire und Isabelle Huppert in Chabrols gleichnamiger schwarzer Komödie „Biester“ ausstrahlen, lassen Koch/Finzi leider vermissen. Gerade diese Note ist aber für eine Genet-Inszenierung unabdingbar.

Die überdimensionale Spiegelwand von Johannes Schütz dreht sich gleichförmig, auch der Spielmodus der drei männlichen Akteure in Frauenkleidern kennt kaum Varianten. Schade um diese drei hervorragenden Schauspieler.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2017/12/02/die-zofen-am-deutschen-theater-berlin-ivan-panteleev-spielt-den-genet-klassiker-zu-brav-und-museal/
Die Zofen, Berlin: Museumsvitrine
Natürlich sind Finzi und Koch großartig in ihrer eigenen Mischung aus unterschwelliger Aggression und traurig existenzieller Clownerie, passt sich Bernd Stempel als „Gnädiger Frau“ in seiner typisch trocken schwebenden Ironie kongenial ein. Und so entspinnt sich ein Kreislauf – das ist im Wortsinn zu verstehen – zwischen clownesker Farce und Beckettscher Weltentleerung, in der am Ende niemand gewinnt, weil niemand gewinnen kann. Das klingt – und hier liegt die Crux des Abends – um Länge besser, als es sich auf der Bühne darstellt. Denn dies ist eigentlich kein Theaterabend, sondern eine Museumsvitrine. Panteleev recycelt und zitiert, bis am Ende alles durcherklärt und totgespielt ist. Er kreuzt Gotscheff-Kopie mit Genet-Werktreue, sucht die distanzierte Abstraktion, die eindeutige Aussage und spült damit jeden Zwischenton konsequent weg.

Die Abgründigkeit des Textes kommt dabei unter die Räder. Es geht bei Genet schließlich um einen Mord und um eine Gesellschaft jenseits der Moral, in der „moralische Werte“ und Hemmungen nicht nur nichts gelten, sondern nur noch als Machtinstrumente eingesetzt werden, sodass jeglicher Umsturz mit der Ablehnung der zu einer Waffe verkommenen „Moral“ beginnen muss. Davon ist in der aseptischen Spielanordnung, die eben nichts anderes sein will, nichts zu sehen oder gar zu spüren. Der Abend hält eine mittlere bis laue Betriebstemperatur, spult sich in purer Selbstausstellung herunter, ungefährlich, harmlos, selbstverliebt und in seiner bemühtet Zitathaftigkeit erschreckend leer. Hier ist alles museales Reenactment und Kontextbefreiung, reine Theatermechanik, die aufdecken will, aber nur sich selbst entlarvt mitsamt ihrer Ideenarmut und interpretatorische Verweigerung. Ein Abend, der sich darin gefällt, die Welt zu durchschauen, ohne auch nur Lust zu verspüren, auf sie zu blicken. Einer, der selbstgerecht im eigenen Saft schmort und sich auch noch etwas daraus einbildet. Und damit ist er so weit entfernt von Gotscheffs Theater, wie es nur geht. Denn das suchte stets nach einer Wahrheit, die sich durch die theatrale Versuchsanordnung, durch das Spiel aufschließen ließe. Panteleev reicht letzteres. Dem Publikum auch?

Komplette Rezension: https://stagescreen.wordpress.com/2017/12/03/auf-dem-recyclinghof-2/
Die Zofen, Berlin: ärgerlich
So etwa sagt Tucholsky "Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben, man muß auch unfähig sein, ihn auszudrücken",
und Shakespeare "Sie spaßen nur." Und das ist langweilig.
Sehr ärgerlich! Und das Schulterzucken am Ende (es war also gar kein Gift
im Tee?) bringt das Sinnentleerte des Abends ins Bild.
Warnung: Nicht hingehen!
Gruß Peter Ibrik
Kommentar schreiben