Revue des Rassismus

von Jan Fischer

Hannover, 7. Dezember 2017. Leicht neigt sich die Bühne zum Publikum hin, Wände und Boden führen perspektivisch zu einem Fluchtpunkt, der unsichtbar bleibt, die Kulisse wird begrenzt von einem gigantischen Ventilator, aus dem immer wieder großzügig Hazerdampf gepustet wird. Komprimiert zeigt dieses Bühnenbild im Grunde schon die Idee hinter Sascha Hawemanns Inszenierung von Ayad Akthars "Geächtet", das zur Zeit an deutschen Bühnen rauf und runter gespielt wird. Hawemanns Raum sollte so nicht existieren und er verweist in seiner Bauweise auf künstlerische Illusionen von Tiefe einerseits, trickreich den Zuschauerraum als Erweiterung der Bühne umfassend, und ermöglicht gleichzeitig – dadurch, dass durch den verzerrten Bau der Boden hinten höher ist als vorne – eine gute Sicht auf das Geschehen. Das Bühnen- als Zerrbild signalisiert: Hier ist alles künstlich.

Wohnzimmer mit Hasstiraden

Die Handlung des Stückes – von der Theaterwissenschaftlerin Amy Stebbins in der Zeit mit einem Whopper verglichen und als "geschmacklos" gebrandmarkt (hier unsere Zusammenfassung der Debatte) – ist im Prinzip ein klassisches Wohnzimmerdrama. Es treffen ein jüdischer Kunstkurator und seine Frau, eine schwarze Rechtsanwältin, mit einem pakistanisch-amerikanischen Rechtsanwalt und dessen Frau, einer weißen Malerin, zusammen. Debatten entspinnen sich, die kein heißes Eisen auslassen, vom 11. September über Israel, Araber, Juden, Moslems, Hautfarben, den Koran. Am Ende zerschellt das Dinner an unüberbrückbaren Differenzen. Als Hauptschuldiger stellt sich dabei der vom muslimischen Glauben abgefallene, pakistanisch-amerikanische Amir Kapoor heraus, der es schafft, gleichzeitig den 11. September zu rechtfertigen und sich in anti-islamischen Hasstiraden zu ergehen, die jedem Wutbürger das Herz wärmen würden. Und am Ende verprügelt er seine Frau, die als Malerin von einem, wie er sagt, "Kuschelislam" beeinflusst ist.

geaechtet 560a Karl BerndKarwasz uSchaukasten für Klischees und Stereotype: Hawemanns "Geächtet" © Karl Bernd Karwasz

Stebbins’ Kritipunkte – die gerechtfertigt sein mögen oder auch nicht – an dem Stücktext sind nun, dass er zwar von dem Autor Ayad Akhtar geschrieben wurde, allerdings von der Merchandising-Firma "Araca Group" als Hit-Produkt designt wurde. "Produktdesign statt Kunst also", schreibt sie. Ihr zweiter, großer Kritikpunkt ist, dass das Stück keine Rollen dekonstruiere – sondern vielmehr in Klischees aufgehe, was besonders im Fall der Figur Amir Kapoor ein Problem sei: "Der offene Antiislamismus des Textes wird durch die Zeugenschaft des zum Glück ja muslimischen Autors gerechtfertigt. Nicht umsonst verweist so gut wie jede Zeitungskritik des Stückes auf den pakistanischen Familienhintergrund des Autors. Denn der kann's ja sagen – dass Muslime westliche Frauen für Huren hielten, dass das Leid der Palästinenser antisemitische Propaganda sei, dass alle Muslime potenzielle Terroristen sei", so Stebbins.

Gruppensex-Orgien und Klischee-Köpfe

Es ist wichtig, das in dieser Ausführlichkeit noch einmal zusammenzufassen, denn Sascha Hawemanns Inszenierung in Hannover unterläuft genau diese Kritikpunkte mit geradezu frecher, teilweise überaffirmativer, teilweise anarchischer Fröhlichkeit. Immer wieder werden die Regieanweisungen des Autors verlesen, wie um drauf hinzuweisen, dass hier alles künstlich ist. Ayad Akhtar möchte die Rollen seiner Protagonisten gerne möglichst authentisch besetzt sehen – die von Amir Kapoor mit einem dunkelhäutigen Pakistaner, die seiner Frau mit einer Weißen, und so weiter. In Hannover sind alle Darsteller Weiße. Die Rechtsanwältin Jory trägt eine blonde Afro-Perücke. Burgunderrot ist das vom Stücktext verlangte weiße Hemd von Amir, sein "Designer-Anzug" ein hässliches, kariertes Ding, überhaupt sind alle in einem eigenartigen 60er-Jahre-Look angetan, der nichts von Klischee des smarten, zeitgenössischen New Yorkern hat.

geaechtet 560 Karl BerndKarwasz uEines langen Abends Reise in den Streit: Hagen Oechel, Sarah Franke, Henning Hartmann, Johanna Bantzer © Karl Bernd Karwasz

Die Stromlinienform des Textes durchbricht Hawemann mit Szenen, die im hinteren Teil der Bühne spielen – ein Graben trennt das schicke, in weiß gehaltene Wohnzimmer von einem grauen Rohbeton-Raum, in dem hinten der riesige Ventilator trübe rattert. In bewusst wüsten Einlagen zwischen den Wohnzimmerszenen trampeln in Fatsuits gekleidete und mit baumelnden Stoffpenissen zwischen den Beinen bewehrte Figuren auf, vergewaltigen mal Jory, masturbieren dann – in einer Art Bukkake-Orgie – im Kreis auf ihren Körper, oder zerrupfen Popcorn kauend Andy Warhols Dosensuppen-Druck. Am Ende dieser Szenen setzen die Darsteller*innen riesige Köpfe von bis ins Rassistische klischierten Versionen ihrer Rollen auf – Jory den Kopf eines stereotypen Schwarzen mit wulstigen Lippen, Amir bekommt einen Kopf mit Turban, der Kurator Isaac einen mit Kippa.

Nährboden für lauernd Böses

Wo Amy Stebbins aufgrund der Verschränkung von Autoren- und Figuren-"Hintergrund" einen "Kult des Echten" wittert, dreht Hawemann so lange an der Schraube, bis das Echte zum Absurden wird. Die Klischee-Figuren hüpfen überdreht in ihren bunten Kostümen herum, Funk und Soul jaulen immer wieder durch den Saal, die Penis-Fatsuit-Truppe sieht aus wie einem Alptraum-Porno von David Lynch entsprungen. Der Betonraum in hinteren Bühnenteil verweist dabei immer auf etwas Bedrohliches, das hinter der Kuschelwelt des Wohnzimmers lauert.

Es ist dieses Böse, Ranzige, Bedrohliche im Hintergrund, an das die Inszenierung herankommen möchte. Denn allein, dass ein Stück wie "Geächtet" zu einem so oft gespielten Stück wird, auf US-amerikanischen wie auch auf deutschsprachigen Bühnen, und dass es immer wieder diskutiert wird, zeigt, dass es an etwas Wichtiges rührt. Im Staatsschauspiel Hannover ist das allerdings nichts, was im Stücktext enthalten wäre, nicht die Pointe, dass am Ende alle in ihren eigenen Klischees gefangen sind – in Hawemanns Versuchsanordnung geht es darum, zu schauen, auf was für einem gesellschaftlichen Nährboden "Geächtet" gedeihen konnte. Akhtar buchstabiert komplexe Themen wie Rassismus oder Anti-Islamismus mit einfachen Mechanismen aus; Hawemann setzt die Figuren in seine Inszenierung wie Ratten ins Labor – und verweist mit dem Einbruch des Bösen darauf, dass "da draußen" in der "echten Welt" tatsächlicher Rassismus und reale Benachteiligung lauern. Ein Versuch von Erkenntnisgewinn. Doch unter Laborbedingungen lässt sich das wahre Böse kaum erfassen.

 

Geächtet
von Ayad Akhtar
Regie: Sascha Hawemann, Bühne: Alexander Wolf, Kostüme: Ines Burisch, Dramaturgie: Johannes Kirsten
Mit: Jonas Steglich, Hagen Oechel, Henning Hartmann, Johanna Bantzer, Sarah Franke
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

Schauspielerisch gut gemacht, aber inhaltlich überzeichnet findet Agnes Bührig die Inszenierung, wie sie in ihrer Online-Kritik für den NDR (8.12.2017) schreibt. Die aktuelle politische Lage in den USA sei für Regisseur Sascha Hawemann der Grund gewesen, "Geächtet" auf die Bühne zu bringen, so Bührig. Hawemanns Frage an die zunehmend intolerante Angstgesellschaft: "Definieren wir uns nur noch über ethnische Zugehörigkeit und Religion"? Gute Frage. "Leider geht dieser hehre Ansatz immer wieder in lauter Partymusik, wildem Gezappel, trashigen Kostümen und Passagen aufgesetzt komödiantischer Spielweise unter", so Bührig.

Überdreht und inszeniert nach dem "Motto: voll auf die Glocke" findet Jörg Worat in der Neuen Presse (8.12.2017) Hawemanns Version von "Geächtet". Sie sei "sehr anders" als die "ziemlich brav vom Blatt gespielte" Inszenierung des Münchner Residenztheaters, die in Hannover gastierte. Besser sei Hawemanns Fassung letztlich nicht unbedingt, so Worat, denn "grundsätzliche Fragen über Identitätsfindung und die Fremdbestimmung derselben" gingen "im Wirbel der grellen Inszenierung verschütt".

 
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