Die Kosten des Lebens

von Sascha Westphal

Bochum, 9. Dezember 2017. Es ist eins dieser typischen Familienfeste. Die Stimmung ist gelöst, alle freuen sich, mal wieder zusammen zu sein, und zugleich extrem angespannt. Jeder hat seine Sorgen und Geheimnisse, die er möglichst vor den anderen verbergen möchte und die doch zwangsläufig ans Licht dringen. Außerdem trifft man sich diesmal auf ungewohntem Terrain. Brigid, die jüngste Tochter der irisch-amerikanischen Familie Blake, bezieht gerade eine neue Wohnung mit ihrem deutlich älteren Freund Richard. Also sind ihre Eltern Deirdre und Erik gemeinsam mit dessen an schwerer Demenz leidender Mutter Momo von Scranton, Pennsylvania, aus ins ungeliebte Manhattan gefahren, während Brigids ältere Schwester Aimee aus Philadelphia anreist.

Manhattans Souterrain-Wohnungen heute

Die zweigeschossige Wohnung, deren untere Ebene im Keller liegt, bestätigt dann natürlich Deirdres und Eriks schlimmste Befürchtungen. Da kann Brigid noch so oft betonen, wie viel Platz sie und Rich nun haben, ihre Eltern wünschen sich doch, dass sie der lauten und viel zu teuren Metropole den Rücken kehrt und zurück nach Scranton kommt.

Stephen Karam, der selbst aus der langsam dahin siechenden Industriestadt Scranton stammt, hat mit "The Humans" eines dieser klassischen US-amerikanischen Familienstücke geschrieben. Eine gerade Linie scheint von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" über Tennessee Williams' "Katze auf dem heißen Blechdach", Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und Tracy Letts' "Eine Familie" direkt zu Karams Menschen an Thanksgiving zu führen.

TheHumans 560 Diana Kuester uBis die Hütte brennt: Bernd Rademacher als Erik Blake in "The Humans" © Diana Küster

Wieder einmal ist es der Alkohol, der die Feierlichkeiten nach und nach aus dem Ruder laufen lässt. Im Wein liegt schließlich Wahrheit, also entblößen sich die Blakes im Lauf des Abends mehr und mehr. Aber damit enden fast schon die Ähnlichkeiten zwischen Karams Stück und den Klassikern, denen es folgt. Während O'Neill, Williams, Albee und Letts auf ihre jeweils eigene Weise Extreme gesucht und ihren Figuren exponierte Rollen zugeschrieben haben, setzt Karam auf Alltägliches.

Amerikanischer Traum nach der Finanzkrise

Die längst nicht mehr nur schleichende Erosion der (US-amerikanischen) Mittelschicht hat die Familie Blake mit voller Wucht erfasst. Bernd Rademachers in sich versunkener, stumm mit seinen Fehlern und seinen Ängsten ringender Erik versichert zwar immer wieder, dass "alle in Ordnung sind". Aber daran kann er selbst nicht mehr glauben. Aber diese Lügen sind lebenswichtig, für ihn genauso wie für alle anderen Mitglieder der Familie. Nur lassen sie sich nicht fortwährend aufrechterhalten. Dann brechen sich die Zweifel und Sorgen Bahn in Fragen wie dieser: "Meinst du nicht auch, es sollte ein bisschen weniger kosten zu leben?"

Natürlich gibt Richard Erik in diesem Moment recht. Aber die existentielle Verzweiflung, die Bernd Rademacher in diesem Moment mit einem Lächeln überspielen will, bleibt Michael Kamps Richard, der mit 40 in den Besitz eines Treuhandfonds kommen wird, letztlich doch fremd. Der Spalt in der Gesellschaft ist einfach schon zu breit.

TheHumans3 560 Diana Kuester uEine amerikanische Bühnenfamilie: die Blakes, gespielt von Kristina Peters (Aimee Blake), Johanna Eiworth (Deidre Blake), Bernd Rademacher (Erik Blake), Michael Kamp (Richard), Karolina Horster (Brigid Blake) © Diana Küster

Karam erzählt von der Furcht und dem Elend derer, denen der amerikanische Traum in Folge des Anschlags auf die Twin Tower und der großen Finanzkrise zerplatzt ist, mit einem erstaunlich leichten Ton. Doch der lässt sich nur sehr schwer einfangen, was die Bochumer Inszenierung deutlich zeigt. Eigentlich sollte Otto Kukla die europäische Erstaufführung des Stücks in Bochum inszenieren. Doch der hat die Arbeit während der Proben abgebrochen. So sind dem jungen Regisseur Leonard Beck nur vier Wochen geblieben, um dieses plakative und doch auch subtile Familienporträt auf die Bühne zu bringen.

Schwerer leichter Ton

Während es Karam im Text tatsächlich gelungen ist, die Widersprüche seines Konzepts zu versöhnen, prallen sie in Bochum unvermittelt aufeinander. Becks Ensemble brilliert zwar in den realistischen Momenten des Stücks. Neben Bernd Rademacher, der dem gestrauchelten Erik wie vor einigen Jahren schon Arthur Millers Handlungsreisendem eine anrührende Würde verleiht, sind es vor allem Kristina Peters und Karolina Horster, die Karams Ton perfekt einfangen. Peters' Aimee schwankt ständig zwischen kaum verhohlener Verzweiflung und einer trotzigen Selbstironie, die vielleicht die beste Überlebensstrategie überhaupt ist.

Währenddessen seziert Karolina Horster die selbstgerechte Weltfremdheit der sich maßlos überschätzenden Künstlerin Brigid sehr klar und lässt doch immer wieder einen Menschen durchscheinen, der die anderen liebt und sich auf eine verquere Weise bemüht, ihnen eine Stütze zu sein.

Doch so präzise das Ensemble auch agiert, es gelingt Beck nicht die innere Spannung des Stücks aufrechtzuerhalten. Am Ende flüchtet er sich mit Hilfe der Bühnenmaschinerie, die die beiden Ebenen der Wohnung hoch- und runterfahren lässt, in einen großen Effekt, der aber im Räderwerk seiner eigenen Mechanik zermahlen wird.

 

The Humans. Eine amerikanische Familie
von Stephen Karam, Deutsch von Michael Raab
Regie: Leonard Beck, Bühne: Otto Kukla, Bühne (Ausführung): Sophie Charlotte Fetten, Kostüme: Annie Lenk, Sound: Nina Wurman, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie: Annelie Mattheis.
Mit: Bernd Rademacher, Johanna Eiworth, Kristina Peters, Karolina Horster, Michael Kamp, Nina Wurman.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Kritikenrundschau

"In der Tradition der großen US-Dramatiker lässt Karam in seinem Stück die Krisen in einer Feier eskalieren", schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger (11.12.2017). "Man versteht vielleicht die USA etwas besser durch dieses Psychogramm einer Mittelstandsfamilie, die alle Sicherheiten verliert." Beck inszeniere dieses düstere Zeitbild durchaus mit Sinn für komische Momente, die Peinlichkeit zum Beispiel, die sich aus der Kümmerhaltung der Eltern ergebe, die längst keine Sicherheit mehr zu bieten haben. "Aber oft müssen die Akteure auch betreten schweigen, und dann dehnt sich die Zeit."

Hier leiden alle Trauma-geplagt an diversen psychosomatischen Beschwerden, und das einzige, was ihnen Halt gibt, sei der Glaube an die Familie, so Nicole Strecker auf wdr1. Regisseur Leonard Beck inszeniere das well-made-Play sehr realistisch, so mache Pointe sitze. Aber: Die Konstellation erfordere Tempo im Spiel, nicht unbedingt den überdrehten Stress, der bei Beck vorherrscht.

Die Blakes haben das Herz auf dem rechten Fleck und "die Menschlichkeit, die der Titel beschwört, wird durch den Verlauf der Gespräche bei der Vorbereitung und während des Essens durchaus und in hohem Maß beglaubigt", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (3.1.2017). Diese erstaunlich optimistische Haltung garantiere den wohlverdienten Erfolg der "Humans". Becks Inszenierung aber gerate "etwas holprig, es fehlt mitunter an Präzision und Timing". Auch habe die Echtzeit-Dramaturgie ihre Tücken, "den Schauspielern sieht man dennoch gerne zu".

 
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