Spiel mir den Dreckskerl

von Thomas Rothschild

München, 9. Dezember 2017. "Sadistisch, mitleidlos, grausam, abwertend, unmoralisch, primitiv, kaltschnäuzig, räuberisch, schikanierend, entmenschlichend." Die Rede ist im Gutachten des Psychiaters Lance Dodes nicht von Richard III, sondern von Donald Trump. Soviel zur Aktualität von Shakespeare (1564-1616). Aber ist damit alles gesagt, was uns der Elisabethaner über Trump mitzuteilen hat?

Wider die vorgetäusche Smartheit von Politikern

Michael Thalheimer nimmt Shakespeare beim Wort. Eine der schönsten Metaphern der Weltliteratur, den "Winter unsers Missvergnügens" in August Wilhelm Schlegels Übersetzung oder den "Winter unserer Bitterkeit" in jener von Thomas Brasch, die der Münchner Aufführung zugrunde liegt, hat der Regisseur in seiner zwar nicht auf neunzig Minuten, aber immerhin auf zweieinhalb Stunden inklusive Pause eingedampften Version zwar gestrichen und durch die vorausgegangene Ermordung Heinrichs VI ersetzt. Aber das Bekenntnis bleibt: "Weil ich den Liebhaber nicht spielen kann,/ die Tage voll Geschwätz mir kürzend so,/ hab ich beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführn". Er ist es nicht, er "führt ihn auf" (Brasch), er ist entschlossen, "to prove a villain" (Shakespeare).

Thalheimers Richard Norman Hacker, keineswegs entstellt, fällt während des Monologs in die bekannte Haltung des buckligen und hinkenden Schurken, dessen Äußeres den Charakter verraten soll, wie eine Marionette, deren Fäden durchgeschnitten wurden. Hacker spielt Jack Nicholson, der Richard spielt. Und er spielt ihn grandios, hält den Vergleich mit den Richards der vergangenen Jahre im wörtlichen Sinne "spielerisch" aus. Er grimassiert wie Martin Wuttke, verrät aber die Figur niemals an den bloßen Klamauk.

RichardIII3 560 Matthias Horn u.jpgBlutrot im großen Schwarz: Mordinstrument Plastiktüte. Michele Cuciuffo (Hastings), Marcel Heuperman (Catesby) und Norman Hacker (Richard III) © Matthias Horn

Könnte es sein, dass die Verächter Donald Trumps eben dies nicht wahr haben wollen: Der sadistische, mitleidlose, grausame etc. Politclown fasziniert seine Anhänger gerade dadurch, dass er auf die vorgetäuschte Eleganz und Smartheit von Politikern verzichtet und stattdessen ganz ungeniert den Bösewicht spielt?

Groteskes Puppenspiel

Richard wickelt Lady Anne ein, deren Mann er eben ermordet hat. Seine Mischung aus Staunen und Vergnügen formuliert er auch in München nicht mit Brasch, sondern mit Schlegels berühmter rhetorischer Frage: "Ward je in dieser Laun' ein Weib gefreit?" Und Anne ist bei Thalheimer Richards Spiegelbild. Sie bedient sich, wie auch das übrige Personal des Dramas, des gestischen Repertoires, das das groteske Puppenspiel bereit stellt. Jegliche Psychologisierung wird vermieden. Thalheimers Methode passt perfekt in eine Theaterlandschaft, in der das Figurentheater in Gestalt von Nikolaus Habjan, übrigens auch am Residenztheater, Triumphe feiert.

Mit seinem Ansatz umgeht Michael Thalheimer ein heikles Problem von "Richard III". Wenn die Titelfigur ein Schelm ist, der den Bösewicht spielt, darf er auch körperlich von der Norm abweichen, ohne dass es auf eine Denunziation von Menschen mit Behinderung hinausläuft. Richard III ist der Shakespeare-Held der Stunde. Heinrich VI, beispielsweise, kann es mit ihm nicht aufnehmen. Zwar gäbe es gute Argumente dafür, dass gerade die Trilogie der Überläufer, die sich opportunistisch auf die Seite der jeweils (scheinbar) Siegreichen schlagen, einer besonderen Nähe zur politischen Gegenwart erfreuen dürfte. Aber offenbar ist die Inkarnation der absoluten Gemeinheit, wie Richard III sie verkörpert oder zu verkörpern vorgibt, reizvoller, zumal für jene Schauspielstars, die in die Rolle des Schurken par excellence schlüpfen dürfen. Er scheint abgrundtief böse und gerade dadurch anziehend, für seine Umgebung auf der Bühne sowieso, aber auch für die Zuschauer im Theater. Da kann der gutmütige Heinrich VI nicht mithalten.

Das Beiseite als Grundposition

Richard III ist nicht nur ein Schurke der Tat, sondern auch ein Schurke des Wortes, ob in der Sprache von Thomas Brasch oder von Shakespeare. Diese Qualität trägt zu seiner Faszination bei. Und es ist die Sprache oder vielmehr das Sprechen, das seine ausgeprägteste Eigenschaft, die Heuchelei, die Doppelzüngigkeit offenbart, und zwar mit einem uralten Theatertrick: dem Beiseite. Kaum ein Drama der Weltliteratur macht davon so ausgiebig Gebrauch wie eben "Richard III". Was Richard vortäuscht, spricht er zu den Figuren auf der Bühne, was er tatsächlich denkt, beiseite, also zum imaginären oder realen Publikum.

RichardIII 560 Matthias Horn uAm Anfang war ein Mord, am Ende auch. Richmond (Philip Dechamps) schneidet Richard (Norman Hacker) die Kehle durch © Matthias Horn

Thalheimer macht das Beiseite zur Grundposition. Seine Figuren kommen aus dem Hintergrund der Bühne, einer Art Silo aus Brettern, dessen Boden bedeckt ist mit etwas, das wie schwarzes Laub aussieht und von den wie aus dem Untergrund auftretenden Darstellern aufgewirbelt wird. Schwarz ist auch die Einheitsfarbe der historisch nicht zuordenbaren Fantasiekostüme. In dieser schwarzen Umgebung fällt eine als Mordinstrument dienende rote Plastiktüte auf wie der rote Kindermantel in "Schindlers Liste" oder die handkolorierte rote Fahne in "Panzerkreuzer Potemkin". Zur düsteren Atmosphäre tragen auch die tiefen, körperlich spürbaren Frequenzen von Bert Wredes minimalistischer, aber gezielt eingesetzter Musik bei.

Das wohl berühmteste Zitat aus "Richard III", das Angebot eines Königreichs für ein Pferd, spricht Norman Hacker sachlich, fast ohne Betonung. Wie aus dem Nichts nähert sich Richmond, der spätere Heinrich VII, von hinten und durchschneidet Richard die Kehle, wie dieser es zu Beginn mit Heinrich VI tat. Ein schnelles Ende, viel Applaus.

 

Richard III
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Michael Thalheimer, Bühne: Olaf Altmann, Kostüme: Michaela Barth, Musik: Bert Wrede, Licht: Tobias Löffler, Dramaturgie: Sebastian Huber.
Mit: Philip Dechamps, Götz Schulte, René Dumont, Norman Hacker, Hanna Scheibe, Sibylle Canonica, Charlotte Schwab, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Max Koch, Michele Cuciuffo, Marcel Heuperman.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause.

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Christine Dössel zeigt sich in der Süddeutschen Zeitung (11. Dezember 2017) angesichts dieses "expressionistischen Abends" beeindruckt von Olaf Altmanns "tower of power"-Bühnenbild. Jedoch fehlten der Inszenierung "jene Erschütterung und Wucht – oder auch: Unwucht –, die Thalheimers beste Arbeiten auszeichnen. Dafür ist hier alles viel zu stark auf Zombieland gebürstet und das Böse von vornherein klar gekennzeichnet, auch: überzeichnet." Ein "expressives, teils karikaturhaftes Gruselkabinett" sei das. Norman Hacker sei "hervorragend, wirklich der miese, fiese Dreckskerl, der grinsend über Leichen geht". Er gebe "den Prototypen des malignen Narzissten, ohne je plump auf Donald Trump anzuspielen". Sein Richard habe "keinen Buckel", sondern spreche die Monologe aufrecht und setze "seine körperliche Behinderung geschickt als Mittel ein". Schade nur, dass sich ihm niemand entgegenstelle. Die Nebenfiguren hätten es bei Thalheimer "noch schwerer als sonst in 'Richard III.'", gewännen kaum Profil.

Neben "überzeitlicher Finsternis", schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (11.12.2017), setze Thalheimer auf Figuren wie aus der "Gothic-Szene". So "kurios wie die läppische Plastik-Dämonie der sogenannten Gruftis" wirke es auch, wenn an diesem Abend ständig blutspritzend Kehlen durchgeschnitten würden. Der Kritiker hat den Eindruck, dass dieses "Splatter-Anmutung" und "das pseudo-dämonische Grusel-Gewese, der Geisterbahn-Appeal dem Regisseur eher versehentlich unterlaufen ist." Die überzeugendsten Momente seien die, in denen Richard "weniger als pathologischer Sonderfall, sondern nur als die konsequenteste Ausprägung eines Systems erscheint, in dem Machtstreben und Egoismus konstitutive Prinzipien bilden." Norman Hacker vollbringe dabei "eine Berserkerleistung". Das Problem der Inszenierung sei der "realistisch-ernste Grundton", wo doch "hinter dem irrsinnig-abgedrehten Geschehen dieses Dramas (…) jeder Realismus mit seinen biederen menschlichen Maßen hoffnungslos zurück" bleibe. Das Resultat: "ungewollte Komik".

Auch Mathias Hejny schätzt, wie er in der Abendzeitung (11.12.2017) schreibt, dass Thalheimer "auf jeglichen Zeigefingerhinweis auf die aktuelle Nachrichtenlage" verzichtet. Wenn der Vorhang das Bühnenbild freigibt, "stockt erst einmal der Atem". Die Inszenierung brauche "sehr lange, um sich vom fuchtelnden Gebrüll, das den weit verzweigten Intrigantenstadel des Königsdramas" nur intransparenter mache und "Momente unfreiwilliger Komik" erzeuge, zu befreien. Alles an Hackers Richard sei "Auftritt. Selbst der Buckel und die körperlichen Behinderungen (…) sind nur eine nach Bedarf ein- und auszuschaltende Show". Der "würdige Richard-Darsteller" sei "mehr als nur gerahmt von einem starken Ensemble."

Mi­cha­el Thal­hei­mer werfe den Shake­speare in die Dun­kel­ton­ne, "dreht die Tex­te durch ei­nen auf­gur­geln­den Fleisch­wolf, die 'Blut- und Kno­chen­müh­le', dass man ei­nem ste­ten Alb­traum und Brüll­ter­ror aus­ge­setzt ist, nie klar sieht, nie mehr ver­steht, als dass schon wie­der wer ge­met­zelt, er­säuft, er­stickt wur­de", schreibt Mi­cha­el Ska­sa in der Zeit (14.12.2017). "Die­ser Ri­chard III. hat den Charme der Geis­ter­bahn, es ist ein zwei­ein­halb­stün­di­ger Ma­rio­net­ten­tanz auf dem Fried­hof der Gru­sel­tier­chen, die sich im Stock­dun­kel ei­nen Wolf plär­ren; und weil sie wohl ge­merkt ha­ben, dass der nach oben off­ne Rie­sen­raum in sei­ner Schwär­ze al­le Ver­ständ­lich­keit schluckt, röh­ren sie noch kräf­ti­ger und fast im­mer nach vorn zu uns, auch wenn die Part­ner ganz hin­ten im Un­sicht­ba­ren ste­hen oder krie­chen."

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